Auf dem 36. Jahreskongress des europäischen Flughafenverbandes ACI Europe in Prag hat Generaldirektor Olivier Jankovec eine tiefgreifende Transformation der europäischen Luftfahrthinfrastruktur prognostiziert.
Unter dem Begriff der „Großen Entkopplung“ forderte der Verband eine fundamentale Neuausrichtung der betrieblichen Geschäftsmodelle. Angesichts anhaltender geopolitischer Spannungen und makroökonomischer Unsicherheiten im Jahr 2026 reiche das reine Wachstum der Passagierzahlen nicht mehr aus, um die finanzielle Stabilität der Standorte langfristig zu sichern. Eine Erholung des Verkehrsaufkommens bedeute in diesem veränderten Marktumfeld nicht automatisch wirtschaftliche Resilienz.
Die aktuelle Branchenanalyse verdeutlicht eine strukturelle Spaltung des europäischen Marktes. Bislang haben lediglich rund 60 Prozent der Verkehrsflughäfen ihr Passagieraufkommen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie vollständig wiedergewonnen, während insbesondere kleinere Regionalflughäfen erhebliche Rückstände aufweisen. Große Netzwerkfluggesellschaften konzentrieren ihre Aktivitäten zunehmend auf strategische Kern-Drehkreuze, während Billigflieger ihre Direktverbindungen selektiv ausbauen und klassische Umsteigemodelle umgehen. Dieser veränderte Verkehrsfluss verschärft den Wettbewerb der Flughafenbetreiber untereinander um die Gunst der Fluggesellschaften massiv, was die Erlöse aus dem Flugbetrieb stark unter Druck setzt und den Konsolidierungsdruck im Luftraum erhöht.
Zwar verzeichnete die europäische Flughafenbranche für das Geschäftsjahr 2025 einen kumulierten Nettogewinn von 11,8 Milliarden Euro, was jedoch einem durchschnittlichen Ertrag von lediglich 4,50 Euro pro Passagier entspricht. Der Gesamteinnahmenanstieg um 10,8 Prozent auf 63,8 Milliarden Euro wurde primär durch eine gezielte Diversifikation im Nicht-Flug-Bereich getrieben. Die Erlöse aus Einzelhandel, Gastronomie, Parkgebühren und Immobilienverwaltung stiegen um 14,1 Prozent. Demgegenüber steht jedoch ein inflationsbedingter Anstieg der Gesamtkosten um 9,2 Prozent, wobei vor allem die veränderten Bedingungen an den globalen Finanzmärkten zu einem deutlichen Aufwuchs der Kapitalkosten um 12,4 Prozent führten.
Für die kommenden Jahrzehnte beziffert der Verband den Investitionsbedarf der europäischen Flughäfen auf rund 360 Milliarden Euro, wovon allein die zehn größten Drehkreuze in den nächsten fünf Jahren 36 Milliarden Euro aufwenden müssen. Diese Mittel werden dringend für die Modernisierung veralteter Anlagen, die umfassende Digitalisierung der Betriebsabläufe, die Integration neuer Energiequellen sowie für die allgemeine Erhöhung der strategischen Sicherheit benötigt. Jankovec appellierte an die nationalen und europäischen Regulierungsbehörden, das bisherige Prinzip der strikten Deckelung von Flughafengebühren aufzugeben. Um den Erhalt der kontinentalen Konnektivität, des Tourismus und der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten, müssten Flughäfen rechtlich und ökonomisch als kritische strategische Infrastruktur anerkannt werden.