Der Flugzeugsitzhersteller Recaro Aircraft Seating mit Hauptsitz in Schwäbisch Hall baut seine Führungsebene um. Zum 1. September übernimmt der Luft- und Raumfahrtingenieur Andreas Erber die Position des Chief Technology Officer (CTO). Wie das baden-württembergische Unternehmen offiziell mitteilte, fällt die Leitung der Kernbereiche Innovation und Produktentwicklung in seinen zukünftigen Aufgabenbereich.
Erber wechselt von einem internationalen Zulieferunternehmen für die Automobil- und Luftfahrtindustrie nach Schwäbisch Hall, wo er zuletzt als Geschäftsführer tätig war. Zu seinen fachlichen Schwerpunkten zählen laut Unternehmensangaben das Engineering sowie die Arbeit mit Leichtbaukonstruktionen und Verbundwerkstoffen.
Die Besetzung der CTO-Position erfolgt in einer Phase spürbarer struktureller Veränderungen innerhalb der globalen Luftfahrtzulieferindustrie. Hersteller von Kabinenausstattungen stehen unter kontinuierlichem Druck, das Eigengewicht der Komponenten durch den Einsatz neuartiger Verbundwerkstoffe zu reduzieren, um den Fluggesellschaften eine Optimierung der Treibstoffkosten zu ermöglichen. Recaro Aircraft Seating, ein etablierter Akteur im Segment der Passagiersitze für die kommerzielle Luftfahrt, versucht mit dem personellen Wechsel an der Technologiespitze, seine Position im Bereich des konstruktiven Leichtbaus zu sichern. Das Unternehmen beliefert weltweit große Fluggesellschaften sowie die Flugzeughersteller Airbus und Boeing, leidet jedoch wie die gesamte Branche unter den volatilen Lieferketten im internationalen Beschaffungsmarkt.
Marktanalysten bewerten den Neuzugang aus der Automobilzulieferindustrie als bewussten Versuch, schlanke Produktionsprozesse und Automatisierungsansätze auf den stark regulierten Luftfahrtsektor zu übertragen. Die Herausforderung für den neuen technischen Leiter wird darin bestehen, die Innovationszyklen bei der Sitzentwicklung zu beschleunigen, ohne die strengen internationalen Zulassungs- und Sicherheitsstandards der Luftfahrtbehörden wie EASA und FAA zu gefährden. Zudem ist der Markt für Passagiersitze hart umkämpft; Konkurrenten wie Safran Seats oder Collins Aerospace drängen ebenfalls mit neuen Kabinenkonzepten auf den Markt, was den Preis- und Innovationsdruck auf das Unternehmen aus Schwäbisch Hall dauerhaft hoch hält.
Die langfristige Entwicklung des Sitzherstellers hängt maßgeblich davon ab, ob unter der neuen technischen Führung die Balance zwischen kosteneffizienter Serienfertigung und maßgeschneiderten Kundenwünschen für verschiedene Flugzeugtypen gelingt. Ein ungelöstes Problem der Branche bleibt die Abhängigkeit von den Auslieferungszahlen der großen Flugzeugbauer. Da sowohl Airbus als auch Boeing mit Produktionsverzögerungen bei ihren Mittel- und Langstreckenprogrammen kämpfen, verschieben sich für Zulieferer wie Recaro oft die Abnahmeintervalle bereits fertiggestellter Kabinenausstattungen, was erhebliche Anforderungen an die Liquidität und die Lagerlogistik des Unternehmens stellt.