Der US-amerikanische Luftfahrtkonzern Boeing bereitet offenbar den strategischen Befreiungsschlag in einem der wichtigsten Marktsegmente der zivilen Luftfahrt vor. Berichten zufolge intensiviert das Unternehmen die Planungen für ein völlig neues Flugzeugmodell, das die Lücke zwischen der Kurzstreckenfamilie 737 Max und dem Langstreckenjet 787 Dreamliner schließen soll.
Dieses Projekt, das in Fachkreisen oft als New Mid-market Airplane oder inoffiziell als Boeing 797 bezeichnet wird, zielt direkt auf das derzeit von Airbus dominierte Segment der großen Schmalrumpfflugzeuge ab. Während der europäische Konkurrent mit der A321-Neo-Familie und der neuen Langstreckenversion A321 XLR enorme Verkaufserfolge feiert, hat Boeing seit der Einstellung der 757-Produktion kein adäquates Gegenstück im Portfolio. Die nun bekannt gewordenen Details deuten auf eine technologisch konservative, aber aerodynamisch hochoptimierte Neuentwicklung hin, die ab Mitte der 2030er Jahre den Flugbetrieb aufnehmen könnte. Damit steht Boeing vor der ersten kompletten Neukonstruktion eines Verkehrsflugzeugs seit der Einführung des Dreamliners im Jahr 2011.
Die strategische Notwendigkeit einer Neuentwicklung
Der Druck auf die Konzernführung in Arlington ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Airbus konnte im oberen Schmalrumpfsegment eine marktbeherrschende Stellung einnehmen, da die Kapazitäten und Reichweiten der A321-Varianten für viele Fluggesellschaften das ideale Werkzeug für Transatlantikflüge oder stark frequentierte Inlandsrouten darstellen. Mit über 7.000 Bestellungen für die A321-Neo-Reihe hat Airbus einen Vorsprung generiert, den Boeing mit bloßen Modifikationen der bestehenden 737-Plattform nicht mehr einholen kann. Die 737 Max 10, das größte Modell der aktuellen Reihe, stößt bei Reichweite und Passagierkapazität an physikalische und wirtschaftliche Grenzen.
Marktanalysten betonen, dass ein neues Flugzeug im Segment zwischen 200 und 250 Sitzplätzen essenziell ist, um Großkunden langfristig an die Marke zu binden. Viele Airlines weltweit betreiben noch alternde Flotten der Boeing 757 und 767, für die es bislang keinen direkten Nachfolger aus US-Produktion gibt. Die Entscheidung, die Planungsphase nun zu intensivieren, signalisiert, dass Boeing gewillt ist, die Milliardeninvestitionen für ein komplett neues Flugzeugprogramm aufzubringen, um die eigene Marktposition im kommenden Jahrzehnt zu verteidigen.
Technische Konzepte und aerodynamische Innovationen
Entgegen einiger Erwartungen, Boeing könne auf radikal neue Rumpfformen oder alternative Antriebskonzepte setzen, deuten aktuelle Informationen auf einen eher konventionellen Ansatz hin. Das neue Flugzeug soll demnach über einen klassischen Röhrenrumpf verfügen und von weiterentwickelten Turbofantriebwerken angetrieben werden. Dies unterscheidet die Strategie deutlich von Airbus, wo bereits über den Einsatz von Open-Rotor-Triebwerken für künftige Generationen nachgedacht wird. Boeing scheint hier auf bewährte Zuverlässigkeit und eine schnellere Zertifizierung zu setzen, um die Risiken des Projekts zu minimieren.
Dennoch soll die Effizienz des neuen Modells durch aerodynamische Höchstleistungen gesteigert werden. Im Gespräch sind Tragflächen mit einer deutlich größeren Spannweite und einem extrem dünnen Profil. Um die Kompatibilität mit bestehenden Flughafengates zu gewährleisten, plant Boeing offenbar die Integration von klappbaren Flügelspitzen, sogenannten Folding Wingtips. Diese Technologie wurde bereits erfolgreich für die 777X entwickelt und zertifiziert. Überraschend ist hingegen, dass das Konzept des Transonic Truss-Braced Wing, ein mit Streben abgestützter Flügel, der gemeinsam mit der Nasa an der X-66 getestet wird, für dieses spezifische Serienmodell wohl keine Rolle mehr spielt. Das Hauptaugenmerk liegt stattdessen auf einer Optimierung des herkömmlichen Designs durch modernste Verbundwerkstoffe.
Herausforderungen im Zeitplan und bei den Ressourcen
Trotz der Intensivierung der Planungen ist ein offizieller Programmstart noch nicht unmittelbar zu erwarten. Boeing-Chef Kelly Ortberg hat wiederholt klargestellt, dass die Bereitschaft des Unternehmens und der Zulieferindustrie sowie die Reife der Technologie die entscheidenden Faktoren für den Startschuss sind. Derzeit binden die laufenden Zertifizierungsverfahren für die 777-9 sowie die 737 Max 7 und Max 10 erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen. Vor dem Ende des laufenden Jahrzehnts wird daher kaum mit einer formalen Freigabe des Programms gerechnet.
Sollten die vorbereitenden Arbeiten wie geplant im kommenden Jahr Fahrt aufnehmen, könnten die ersten Fluggesellschaften Mitte der 2030er Jahre mit der Auslieferung rechnen. Dieser lange Zeithorizont ist in der Luftfahrtbranche nicht ungewöhnlich, birgt jedoch das Risiko, dass Airbus bis dahin bereits die nächste Evolutionsstufe seiner Modelle am Markt etabliert hat. Die finanzielle Stabilität des Konzerns wird in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle spielen, um die immensen Entwicklungskosten für die neue 797 parallel zur Stabilisierung der laufenden Produktion zu stemmen.
Marktpotential und Erwartungen der Fluggesellschaften
Die Zielgruppe für das neue Projekt ist breit gefächert. Sowohl große Netzwerk-Carrier als auch Low-Cost-Anbieter signalisieren seit Jahren Bedarf an einem Flugzeug, das die Effizienz eines Schmalrumpfjets mit der Reichweite für Mittel- und Langstrecken kombiniert. Ein solches Flugzeug würde es ermöglichen, sekundäre Städtepaare über den Atlantik oder innerhalb Asiens direkt zu verbinden, für die ein Großraumflugzeug wie die 787 zu groß und unrentabel wäre.
Die Luftfahrtindustrie blickt daher gespannt auf die weitere Entwicklung. Ein Erfolg der neuen Boeing-Baureihe könnte das Gleichgewicht zwischen den beiden großen Herstellern wiederherstellen und den technologischen Wettbewerb neu entfachen. Für Boeing geht es um mehr als nur ein neues Produkt; es geht um die Demonstration der eigenen Innovationskraft nach einer Phase, die vor allem durch die Bewältigung von Krisen und Produktionsproblemen geprägt war. Die Entscheidung für ein konventionelles Design mit hocheffizienten Flügeln könnte sich dabei als der pragmatische Weg erweisen, um das Vertrauen der Airlines und Investoren zurückzugewinnen.