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ACMI-Nachfrage eingebrochen: Avion Express gibt 15 Maschinen an Leasinggeber zurück

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Die europäische Luftfahrtbranche sieht sich im Frühjahr 2026 mit einer spürbaren Abkühlung der Nachfrage konfrontiert, was nun zu tiefgreifenden strategischen Einschnitten bei einem der führenden Spezialisten für ACMI-Leasing (Aircraft, Crew, Maintenance and Insurance) geführt hat. Das in Vilnius ansässige Unternehmen Avion Express, eine Tochtergesellschaft der Avia Solutions Group, hat beschlossen, mehr als ein Viertel seiner europäischen Flotte an die jeweiligen Leasinggeber zurückzugeben.

Insgesamt 15 Flugzeuge sind von dieser massiven Flottenbereinigung betroffen. Als Hauptgrund nennt das Management die durch geopolitische Herausforderungen gedämpfte Nachfrage auf dem europäischen Markt sowie den zunehmenden Kostendruck, der viele Fluggesellschaften dazu zwingt, ihre Expansionspläne für die kommende Sommersaison zu revidieren. Während der Kernmarkt in Europa stagniert, setzt Avion Express verstärkt auf eine geografische Diversifizierung und forciert sein Engagement in Südamerika, insbesondere in Brasilien. Diese Neuausrichtung unterstreicht die wachsende Notwendigkeit für Charterdienstleister, flexibel auf globale Krisenherde zu reagieren und Abhängigkeiten von einzelnen Wirtschaftsräumen zu reduzieren.

Ursachen für den Rückgang im ACMI-Sektor

Das Geschäftsmodell von ACMI-Dienstleistern wie Avion Express basiert traditionell darauf, saisonale Spitzenzeiten anderer Fluggesellschaften abzufedern. Wenn etablierte Airlines während der Sommermonate zusätzliche Kapazitäten benötigen, greifen sie auf externe Charterpartner zurück. Doch die jüngsten geopolitischen Entwicklungen haben dieses Gefüge ins Wanken gebracht. Laut Darius Kajokas, dem CEO von Avion Express, haben die Unsicherheiten auf dem Weltmarkt unmittelbare Auswirkungen auf die Dynamik des europäischen Sektors. Viele europäische Carrier sehen sich gezwungen, ihre Wachstumsziele nach unten zu korrigieren, da die Betriebskosten steigen und die Konsumstimmung der Passagiere durch die unsichere Weltlage beeinträchtigt wird.

Dies spiegelt sich direkt in der gesunkenen Nachfrage nach kurzfristig mietbaren Flugzeugkapazitäten wider. Avion Express reagiert darauf mit einer proaktiven Verkleinerung der Flotte, um die Effizienz und Agilität des Unternehmens zu sichern. Die Identität der betroffenen Flugzeuge wurde bisher nicht offiziell bestätigt, da die Verhandlungen mit den Leasinggebern noch andauern. Bekannt ist jedoch, dass namhafte Unternehmen wie Aero Capital Solutions, AerCap, Avolon und BBAM zu den Hauptleasinggebern gehören, wobei Aero Capital Solutions mit zehn Einheiten das größte Risiko trägt.

Struktur der Flotte und operative Anpassungen

Vor der angekündigten Reduzierung betrieb Avion Express in Europa eine Flotte, die sich hauptsächlich aus Maschinen der Airbus A320-Familie zusammensetzte. In Litauen waren siebzehn A320-200 und ein einzelner A321-200 registriert, während die maltesische Tochtergesellschaft Avion Express Malta sogar 37 A320-200 betrieb. Die Rückgabe von 15 Flugzeugen markiert somit einen signifikanten Einschnitt in die operative Leistungsfähigkeit auf dem europäischen Kontinent. Diese Entscheidung verdeutlicht den harten Wettbewerb und die geringen Margen im Chartergeschäft, wenn die Auslastung während der entscheidenden Sommermonate nicht gewährleistet werden kann.

Das Unternehmen betont jedoch, dass es sich nicht um einen generellen Rückzug handelt, sondern um eine notwendige Anpassung an die Marktrealitäten. Kajokas unterstrich, dass das Unternehmen weiterhin flexibel bleiben werde und die Flottengröße fortlaufend evaluiere. Die Strategie sieht vor, Überkapazitäten dort abzubauen, wo die Nachfrage schwächelt, und gleichzeitig Ressourcen in Wachstumsmärkte umzuschichten. Damit soll die Resilienz des Konzerns gegenüber unvorhergesehenen Marktschwankungen gestärkt werden.

Strategische Expansion nach Südamerika als Absicherung

In krassem Gegensatz zur Entwicklung in Europa steht die Expansion von Avion Express in anderen Weltregionen. Besonders Brasilien hat sich für den Konzern als wichtiger Wachstumsmarkt herauskristallisiert. Avion Express Brasil betreibt derzeit bereits zwei A320-200 und bildet den Kern einer Strategie zur geografischen Diversifizierung. Das Management sieht in dieser globalen Aufstellung eine Art Absicherung (Hedge) gegen regionale Krisen. Wenn die Nachfrage in Europa aufgrund geopolitischer Spannungen sinkt, sollen die Aktivitäten in Südamerika für die notwendige Stabilität sorgen.

Diese Expansion ist Teil eines größeren Plans der Avia Solutions Group, ihre Markenpräsenz weltweit auszubauen. Neben Brasilien waren weitere Tochtergesellschaften mit eigenen Luftverkehrsbetreiberzeugnissen (AOC) geplant. Allerdings verlaufen diese Prozesse nicht ohne Hürden. Die Zertifizierung von Avion Express Philippines wurde Ende 2025 pausiert, was offiziell mit dem weltweiten Mangel an verfügbaren Flugzeugen begründet wurde. Die Gründung von Avion Express Mexico ist weiterhin für das Jahr 2027 vorgesehen, was das langfristige Vertrauen des Konzerns in die Erholung des globalen Luftverkehrsmarktes signalisiert.

Herausforderungen durch den globalen Flugzeugmangel

Ein limitierender Faktor für die globale Strategie von Avion Express bleibt die angespannte Lage auf dem Markt für Gebrauchtflugzeuge und Triebwerke. Obwohl das Unternehmen in Europa Maschinen zurückgibt, gestaltet sich der Aufbau neuer Standorte schwierig, da der Zugang zu wartungsfreundlichen und einsatzbereiten Flugzeugen weltweit begrenzt ist. Lieferverzögerungen bei den großen Herstellern führen dazu, dass viele Airlines ihre alten Maschinen länger behalten, was wiederum den Nachschub für ACMI-Spezialisten auf dem Zweitmarkt verknappt.

Diese paradoxe Situation – Flottenreduzierung in einer Region bei gleichzeitigem Expansionswillen in einer anderen – fordert das Management heraus. Die Entscheidung, in Europa Kapazitäten abzubauen, ist somit auch eine Reaktion auf die Notwendigkeit, das Kapital dort zu bündeln, wo die höchsten Renditen zu erwarten sind. In Brasilien und potenziell in Mexiko sieht Avion Express derzeit bessere Chancen, die Maschinen profitabel einzusetzen, da dort die geopolitischen Auswirkungen auf den Luftverkehr weniger unmittelbar spürbar sind als im europäischen Luftraum.

Perspektiven für den ACMI-Markt im Sommer 2026

Für die kommende Sommersaison 2026 wird allgemein erwartet, dass die Nachfrage in Europa nicht die Rekordwerte des Vorjahres erreichen wird. Die Kombination aus hohen Zinsen, geopolitischen Konflikten und gestiegenen Energiepreisen dämpft die Reiselust und die wirtschaftliche Expansion der Airlines. ACMI-Anbieter, die als Puffer fungieren, spüren diese Entwicklung oft als erste. Die Flottenbereinigung bei Avion Express könnte daher ein Vorbote für ähnliche Entwicklungen bei anderen Charterunternehmen sein.

Dennoch bleibt die Branche überzeugt, dass das grundlegende Bedürfnis nach Flexibilität im Luftverkehr bestehen bleibt. Fluggesellschaften werden auch künftig auf externe Partner angewiesen sein, um technische Ausfälle oder unerwartete Bedarfsspitzen zu überbrücken. Die strategische Neuausrichtung von Avion Express zeigt jedoch, dass die Zeit des ungebremsten Wachstums in Europa vorerst vorbei ist und eine Phase der Konsolidierung und globalen Risikoverteilung begonnen hat. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Expansion nach Brasilien die Verluste auf dem europäischen Heimatmarkt kompensieren kann und ob die Verhandlungen mit den großen Leasinggebern zu einem für beide Seiten tragfähigen Ergebnis führen.

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