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AerCap: Britisches Gericht spricht Entschädigung für in Rußland verlorene Flugzeuge zu

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Der weltweit größte Flugzeugvermieter AerCap mit Sitz in Irland hat einen bedeutenden juristischen Sieg errungen: Ein britisches Gericht hat dem Unternehmen eine Entschädigungszahlung in Höhe von rund einer Milliarde US-Dollar zugesprochen. Diese Entscheidung des Commercial Court in London erfolgte am 11. Juni 2025 und betrifft den Verlust zahlreicher Flugzeuge, die sich nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine auf russischem Territorium befanden und dort von Rußland beschlagnahmt wurden.

Das Urteil, gefällt von Richter Butcher, stellt einen Präzedenzfall in einer komplexen juristischen Auseinandersetzung dar und hat weitreichende Implikationen für die globale Luftfahrtversicherungsbranche. AerCap kann die zugesprochene Summe von seinen Versicherern auf der Grundlage der „Kriegs- und verwandten Gefahren“-Deckung seiner Versicherungspolice beanspruchen.

Der Konflikt und die Beschlagnahme: Die Ursache des Milliardenstreits

Der juristische Streit zwischen AerCap und seinen Versicherern wurzelt in den geopolitischen Ereignissen des Jahres 2022. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine verhängten westliche Länder, darunter die Europäische Union und die Vereinigten Staaten, umfassende Sanktionen gegen Rußland. Ein zentraler Bestandteil dieser Sanktionen war die Anweisung an Flugzeugvermieter, ihre Leasingverträge mit russischen Betreibern bis zum 28. März 2022 zu kündigen und die Flugzeuge zurückzufordern. Diese Frist setzte die Vermieter unter erheblichen Druck, ihre milliardenschweren Vermögenswerte aus Rußland abzuziehen.

Die russische Regierung reagierte daraufhin mit eigenen Gegenmaßnahmen. Am 10. März 2022 trat ein Exportverbot für Flugzeuge und Flugzeugausrüstung aus Rußland in Kraft. Dieses Verbot hinderte die Leasinggeber effektiv daran, ihre Flugzeuge aus Rußland auszufliegen. Viele russische Fluggesellschaften registrierten daraufhin die im Ausland geleasten Flugzeuge im russischen Register und weigerten sich, sie an die Eigentümer zurückzugeben. Dies führte dazu, daß Leasinggeber wie AerCap Hunderte von Flugzeugen, deren Wert sich auf Milliarden von US-Dollar belief, faktisch verloren. Es handelte sich um eine beispiellose Massenbeschlagnahme von zivilen Luftfahrzeugen in der modernen Geschichte.

AerCaps Klage umfaßte insgesamt 116 Flugzeuge und 15 eigenständige Triebwerke. Die Gesamtverluste des Unternehmens, bereinigt um bereits erhaltene Vergleichszahlungen, beliefen sich auf 2 Milliarden US-Dollar. Die Klage des Unternehmens gegen seine Versicherer zielte darauf ab, diese Verluste durch die „Kriegs- und verwandten Gefahren“-Klauseln in ihren Versicherungspolicen abzudecken. Diese Klauseln sind standardmäßig in Luftfahrtversicherungen enthalten und sollen Risiken wie Krieg, Aufstand oder Beschlagnahme durch Regierungen abdecken. Die Versicherer argumentierten jedoch oft, daß die Situation in Rußland nicht eindeutig unter diese Klauseln falle oder daß andere Ausschlüsse greifen könnten.

Das Urteil des Commercial Court in London: Ein Präzedenzfall

Die Entscheidung des britischen Richters Butcher am Commercial Court in London ist von großer Bedeutung für die gesamte Luftfahrtleasing- und Versicherungsbranche. Richter Butcher entschied, daß AerCap berechtigt sei, die Forderung auf Entschädigung von rund einer Milliarde US-Dollar von seinen Versicherern für die verlorenen Flugzeuge zu erhalten. Das Gericht akzeptierte die Argumentation, daß die Flugzeuge als „verloren“ zu betrachten seien, da Rußland sie beschlagnahmte, bevor die westlichen Sanktionen die Leasinggeber zur Vertragskündigung zwangen. Diese Begründung ist entscheidend, da sie die Kette der Ereignisse – von der Sanktion bis zur Beschlagnahme – als ursächlich für den Verlust anerkennt.

Das Urteil betrifft nicht nur AerCap. Richter Butcher urteilte auch, daß andere Leasinggeber wie Dubai Aerospace Enterprise (DAE), Merx Aviation, KDAC Aviation Finance, Falcon und Genesis „Entschädigung für ihre verlorenen Flugzeuge und Triebwerke gemäß der Eventualdeckung ihrer Policen“ erhalten könnten. Insgesamt bezog sich der Prozeß auf 147 Flugzeuge und 16 eigenständige Triebwerke, wobei die sechs Leasinggeber ursprünglich über 4 Milliarden US-Dollar an Zahlungen forderten. Dies unterstreicht das enorme finanzielle Ausmaß der Verluste, die die Leasingbranche durch die russische Beschlagnahme erlitten hat.

Richter Butcher dankte am Ende seiner Urteilsbegründung den Vertretern aller Parteien für die „Kooperation und das Fachwissen, das bei der Vorbereitung und Präsentation dieser, nach jedem Maßstab, ungewöhnlich anspruchsvollen Rechtsstreitigkeit gezeigt wurde“. Dies weist auf die Komplexität des Falles hin, der umfangreiche Sachkenntnis in den Bereichen Luftfahrt, internationales Recht, Versicherungsrecht und Sanktionsrecht erforderte. Das Urteil ist ein wichtiges Signal für die Rechtsstaatlichkeit in internationalen Handelsbeziehungen und für die Verbindlichkeit von Versicherungspolicen in außergewöhnlichen Krisensituationen.

AerCaps finanzielle Bilanz nach dem Verlust und die laufenden Verfahren

Die Verluste durch die in Rußland verbliebenen Flugzeuge hatten bereits im Jahre 2022 erhebliche Auswirkungen auf die Finanzlage von AerCap. Das Unternehmen wies in diesem Jahr eine Vorsteuerbelastung von 2,7 Milliarden US-Dollar aus. Dieser Betrag umfaßte eine vollständige Wertberichtigung der in Rußland und der Ukraine verbliebenen Vermögenswerte sowie Wertminderungsverluste für Vermögenswerte, die AerCap zu diesem Zeitpunkt aus Rußland und der Ukraine zurückerhalten hatte. Dies verdeutlicht das massive finanzielle Ausmaß des Konflikts für den Leasinggeber.

Allerdings konnte AerCap in den Folgejahren bereits Teilerfolge bei der Wiedergewinnung von Vermögenswerten oder durch Vergleichszahlungen erzielen. Im Jahre 2023 konnten 1,3 Milliarden US-Dollar zurückgewonnen werden, und im Jahre 2024 folgten weitere 195 Millionen US-Dollar. Mit der nun zugesprochenen Entschädigung von rund einer Milliarde US-Dollar erhöht sich die Gesamtsumme der Vorsteuererträge von AerCap im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt auf etwa 2,5 Milliarden US-Dollar. Dies ist ein erheblicher Betrag, der einen Großteil der ursprünglichen Verluste abdecken dürfte.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, daß der Rechtsstreit für AerCap noch nicht vollständig beendet ist. Das Unternehmen teilte mit, daß mehrere weitere Klagen gegen Versicherer bezüglich anderer Vermögenswerte, die mit russischen Fluggesellschaften in Verbindung stehen, weiterhin am Commercial Court anhängig sind. AerCap erklärte: „Wir beabsichtigen, diese Forderungen weiterhin energisch zu verfolgen.“ Dies deutet darauf hin, daß die juristische Aufarbeitung der Verluste in Rußland noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Die anhängigen Verfahren könnten weitere Entschädigungszahlungen nach sich ziehen und damit die finanzielle Erholung von AerCap weiter stärken.

Die globale Relevanz des Urteils für die Luftfahrtversicherung und das Leasinggeschäft

Das Urteil im Fall AerCap gegen seine Versicherer hat weitreichende Implikationen, die über die beteiligten Parteien hinausgehen und die gesamte Luftfahrtleasing- und Versicherungsbranche betreffen.

  1. Stärkung der Versicherungspflichten: Das Urteil sendet ein klares Signal an die Versicherer, daß „Kriegs- und verwandte Gefahren“-Klauseln in Versicherungspolicen auch in komplexen geopolitischen Krisen wirksam sein können und daß sie ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen müssen. Dies könnte dazu führen, daß Versicherer ihre Risikobewertungen für geopolitische Ereignisse anpassen und möglicherweise höhere Prämien für derartige Deckungen verlangen.
  2. Rechtssicherheit für Leasinggeber: Für Flugzeugleasinggeber bietet das Urteil eine gewisse Rechtssicherheit. Es bestätigt, daß die Beschlagnahme von Flugzeugen durch einen Staat infolge von Sanktionen als versicherter Verlust unter die „Kriegs- und verwandten Gefahren“-Klausel fallen kann. Dies könnte Leasinggeber dazu ermutigen, in Zukunft solche Klauseln noch stärker zu betonen oder spezifische Klauseln für „Staatliche Beschlagnahme“ zu verhandeln.
  3. Herausforderungen für den russischen Luftverkehr: Die Entscheidung unterstreicht die massiven Probleme, mit denen der russische Luftverkehr nach den westlichen Sanktionen und der Beschlagnahme von Flugzeugen konfrontiert ist. Viele Fluggesellschaften in Rußland operieren mit einem Flottenbestand, der rechtlich nicht vollständig geklärt ist und bei dem Wartung, Ersatzteilbeschaffung und Versicherbarkeit langfristig problematisch bleiben.
  4. Internationale Rechtsauslegung: Das Urteil des britischen Gerichts könnte als Präzedenzfall in ähnlichen Klagen dienen, die von anderen Leasinggebern gegen ihre Versicherer in verschiedenen Rechtsordnungen anhängig sind. Es könnte die Auslegung von „Kriegs- und verwandten Gefahren“-Klauseln in anderen Ländern beeinflussen und somit zu einer Harmonisierung der Rechtsauffassungen führen.

Die Luftfahrtleasingbranche spielt eine zentrale Rolle in der globalen Luftfahrt, da ein Großteil der Flugzeugflotten weltweit geleast und nicht direkt gekauft wird. Die Bereitstellung von Kapital und die Streuung von Risiken durch Leasinggeber sind essentiell für das Wachstum und die Stabilität der Airline-Branche. Die Klärung von Haftungsfragen im Kontext von geopolitischen Krisen ist daher von fundamentaler Bedeutung für das Vertrauen und die Funktionsfähigkeit dieses Sektors. Das Urteil im Fall AerCap ist ein wichtiger Schritt in dieser Klärung und wird in der gesamten Branche aufmerksam analysiert.

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