Die lettische Nationalfluggesellschaft Air Baltic hat im Rahmen ihres US-Sanierungsverfahrens nach Chapter 11 konkrete Schritte zur Verkleinerung ihrer Flugzeugflotte vollzogen.
Wie aus Anträgen beim zuständigen US-Insolvenzgericht für den Südbezirk von New York hervorgeht, kündigte die Fluggesellschaft die vorzeitige Beendigung von Leasingverträgen für eine erste Tranche von sechs Verkehrsflugzeugen des Typs Airbus A220-300 an. Vertragspartner der aufgelösten Kontrakte ist der US-amerikanische Flottenfinanzierer Wilmington Trust. Unter den betroffenen Maschinen befinden sich auch zwei erst im Februar 2026 abgelieferte Fluggeräte, die somit nahezu fabrikneu aus dem aktiven Liniendienst abgezogen werden. Die Flottenreduzierung bildet den Auftakt zu einer umfassenden betrieblichen Umstrukturierung, in deren Verlauf der Bestand an Airbus A220-300 bis Ende des Geschäftsjahres 2026 von zuvor 54 auf 36 Einheiten verringert werden soll.
Vorzeitige Auflösung von Leasingverträgen und Parkaufstellung in Riga
Die rechtliche Anzeige zur Ablehnung der Leasingverträge (Lease Rejection) betrifft die sechs Airbus A220-300 mit den Luftfahrzeugkennzeichen YL-CSI, YL-ABD, YL-ABE, YL-ABF, YL-BTC sowie YL-BTD. Besonders bemerkenswert ist die Rückgabe der Flugzeuge YL-BTC („Tango Charlie“) und YL-BTD („Tango Delta“), welche die Fluggesellschaft erst im Februar 2026 fabrikneu vom Hersteller Airbus Canada übernommen hatte. Sämtliche sechs Einheiten stehen derzeit am Hauptflughafen der Fluggesellschaft in Riga am Boden und wurden aus dem aktiven Umlaufsystem herausgenommen.
Der Verzicht auf die Aufrechterhaltung dieser Verträge ermöglicht es der Unternehmensführung, laufende Fixkosten im Bereich der Leasingraten und Versicherungsprämien unverzüglich zu senken. Insgesamt plant der Vorstand, bis zum Jahresende 2026 noch zwölf weitere Maschinen desselben Flugzeugtyps aus der Flotte zu lösen, um die im Sanierungsplan definierte Zielgröße von 36 Passagierflugzeugen für das kommende Jahr 2027 zu erreichen. Neben den aktiven Fluggeräten verhandelt Air Baltic im Insolvenzverfahren zudem über die Annullierung beziehungsweise unbefristete Verschiebung von noch ausstehenden Festbestellungen über 40 weitere A220-300-Maschinen.
Hintergründe des Chapter-11-Antrags und finanzielle Verlustlage
Air Baltic hatte Mitte September 2026 unter dem Druck aufgelaufener Verbindlichkeiten und operativer Verluste ein Insolvenzverfahren nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts in New York eingeleitet. Dieser Schritt gewährt dem Unternehmen Schutz vor dem Zugriff nationaler und internationaler Gläubiger, während der Flugbetrieb unter Aufsicht des Gerichts aufrechterhalten und die Passagierverbindungen fortgeführt werden. Die Holding strebt an, das Restrukturierungsverfahren bis Mitte 2027 abzuschließen.
Als primäre Ursache für den akuten Liquiditätsengpass nannte die Unternehmensleitung drastisch gestiegene Treibstoffausgaben sowie die hohe operative Belastung durch unzureichend abgesicherte Kerosineinkäufe (Hedging). Das zweite Geschäftsquartal 2026 schloss die Airline mit einem Nettofehlbetrag von 58,1 Millionen Euro ab. Darüber hinaus führten anhaltende Triebwerksprobleme bei den Verbrennungsmotoren des Typs Pratt & Whitney PW1500G zu ungeplanten Bodenzeiten entliehener Maschinen, was zusätzliche Ausfälle im ACMI-Verkehr (Aircraft, Crew, Maintenance, Insurance) verursachte. Zudem belastet der dauerhafte Wegfall der Flugrouten nach Russland, Belarus und in die Ukraine infolge der geopolitischen Lage die Erlösstruktur des baltischen Drehkreuzes nachhaltig.
Auswirkungen auf Partnerschaften und den Flugbetrieb am Drehkreuz Riga
Die Reduzierung der aktiven Transportkapazitäten hat direkte Auswirkungen auf die Netzplanung von Air Baltic sowie auf bestehende Kooperationen mit europäischen Partnergesellschaften. Air Baltic agiert auf zahlreichen europäischen Regionalrouten als Codeshare- und ACMI-Partner für die deutsche Lufthansa Group. Durch die geplante Reduzierung der Flotte um ein Drittel verringert sich das Angebot an Fluggeräten, die im Zuge von Nasspacht-Verträgen an Drittgesellschaften vermietet werden können.
Am Heimatflughafen Riga, wo Air Baltic mit rund 40 Prozent Marktanteil der dominierende Luftverkehrsanbieter ist, soll der reguläre Flugplan im Winterhalbjahr 2026/2027 trotz des reduzierten Flugzeugbestands weitgehend stabil gehalten werden. Die Anpassung der Kapazitäten erfolgt primär durch die Einstellung von Routen mit niedriger Ertragsmarge sowie die Frequenzreduzierung auf Nebenstrecken. Ziel der Unternehmensführung ist es, die Stückkosten auf den verbleibenden Kernrouten anzupassen und die Gesellschaft auf ein kleineres, aber rentables Betriebsfundament zurückzuführen.