Die lettische Nationalfluggesellschaft Air Baltic befindet sich in einer entscheidenden Phase ihrer Unternehmensfinanzierung. Wie jüngst bekannt wurde, hat das Management den Auftrag erhalten, Berater für den Verkauf von Unternehmensanteilen an private Investoren zu suchen. Diese Entwicklung markiert eine signifikante Abkehr von der bisherigen Strategie eines zeitnahen Börsengangs (IPO), der bereits mehrfach verschoben wurde.
Die Regierung in Riga reagiert damit auf den dringenden Kapitalbedarf der Airline, der laut Finanzminister Arvils Ašeradens spätestens in der ersten Jahreshälfte 2026 gedeckt sein muss. Während der lettische Staat derzeit mit über 88 Prozent die Mehrheit hält, rückt nun die Gewinnung privater Geldgeber in den Fokus, um die finanzielle Stabilität nach einem verlustreichen Geschäftsjahr 2024 wiederherzustellen. Dabei verfolgt die Regierung klare Bedingungen: Der Hauptsitz in Riga sowie die für die Region essenziellen Flugverbindungen müssen langfristig gesichert bleiben. Auch die Rolle der Lufthansa, die bereits mit zehn Prozent beteiligt ist, bleibt ein zentraler Faktor in dem komplexen Geflecht aus staatlichen Interessen und marktwirtschaftlichen Notwendigkeiten.
Druck auf die Liquidität und zeitlicher Rahmen der Kapitalsuche
Die finanzielle Lage der Air-Baltic-Gruppe zeigt Licht und Schatten. Zwar konnte in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 ein Umsatz von rund 594 Millionen Euro und ein bescheidener Gewinn von 4,2 Millionen Euro erwirtschaftet werden, doch lastet das schwere Vorjahr weiterhin auf der Bilanz. Im Gesamtjahr 2024 verbuchte das Unternehmen einen massiven Verlust von über 118 Millionen Euro, obwohl der Umsatz im Vergleich zu 2023 um fast 12 Prozent gestiegen war. Diese Volatilität in den Ergebnissen erschwert den Zugang zum öffentlichen Kapitalmarkt erheblich. Finanzminister Ašeradens betonte in lettischen Medien, dass die Suche nach Investoren derzeit der geeignetere und sicherere Weg sei, um die notwendigen Mittel zu beschaffen.
Das Treffen zwischen Vertretern des Verkehrsministeriums, des Finanzministeriums und der Staatskasse in der vergangenen Woche unterstreicht die Dringlichkeit des Vorhabens. Der neue Vorstandsvorsitzende Erno Hildens, der vom Finanzminister für seinen pragmatischen und realistischen Ansatz gelobt wurde, steht vor der Aufgabe, das Vertrauen privater Geldgeber zu gewinnen. Die Hoffnung der Regierung ist groß, dass der Prozess bis Sommer 2026 abgeschlossen werden kann, um die operative Handlungsfähigkeit der Fluggesellschaft in einem wettbewerbsintensiven europäischen Marktumfeld zu garantieren.
Staatliche Auflagen und die Rolle internationaler Partner
Trotz der angestrebten Teilprivatisierung will Lettland seinen Einfluss auf die nationale Fluggesellschaft nicht vollständig aufgeben. Die Regierung strebt an, mindestens 25 Prozent plus eine Aktie zu behalten, was einer Sperrminorität entspricht. Damit möchte Riga sicherstellen, dass strategische Entscheidungen nicht ohne staatliche Zustimmung getroffen werden können. Insbesondere der Erhalt des Drehkreuzes in Riga ist für die baltische Wirtschaft von fundamentaler Bedeutung, da Air Baltic die wichtigste Anbindung der Region an den Rest Europas darstellt.
Ein wesentlicher Akteur in diesem Prozess ist die Deutsche Lufthansa. Seit August 2025 hält der deutsche Luftfahrtkonzern einen Anteil von zehn Prozent an Air Baltic. Ursprünglich war vereinbart worden, dass die Lufthansa ihren Anteil im Zuge eines Börsengangs auf mindestens fünf Prozent anpasst, wobei der Preis durch den Markt bestimmt worden wäre. Die jetzige Verschiebung des IPO zugunsten einer privaten Investorensuche könnte die Dynamik zwischen den beiden Partnern verändern. Es bleibt abzuwarten, ob die Lufthansa ihr Engagement im Rahmen eines Private-Placement-Verfahrens ausweitet oder ob neue, eventuell branchenfremde Finanzinvestoren wie Lars Tusens, der über Aircraft Leasing 1 bereits kleine Anteile hält, an Bedeutung gewinnen. Das Grundkapital des Unternehmens beläuft sich derzeit auf knapp 42 Millionen Euro, was in Relation zu den benötigten Investitionssummen für Flottenmodernisierung und Expansion steht.
Vom Börsentraum zur Realpolitik
Der Weg an die Börse war für Air Baltic über Jahre hinweg das erklärte Ziel. Ursprünglich sollte der Sprung auf das Parkett bereits 2025 erfolgen, bevor Anfang letzten Jahres eine Verschiebung auf 2026 verkündet wurde. Die nun erfolgte Anweisung der Regierung, alternative Wege zu prüfen, ist ein Eingeständnis, dass das Marktumfeld für einen klassischen Börsengang einer mittelgroßen Regionalfluggesellschaft derzeit nicht optimal ist. Hohe Zinsen, volatile Treibstoffpreise und geopolitische Unsicherheiten in Osteuropa dämpfen die Euphorie potenzieller Kleinanleger und institutioneller Investoren.
Die Entscheidung für den Einstieg privater Investoren bietet dem Unternehmen hingegen mehr Diskretion und Flexibilität in den Verhandlungen. Anders als bei einem IPO müssen bei einem privaten Verkauf weniger regulatorische Hürden für den Prospekt überwunden werden, und die Konditionen können direkter auf die Bedürfnisse der Airline zugeschnitten werden. Lettland hatte bereits im August 2025 beschlossen, gemeinsam mit der Lufthansa weitere 14 Millionen Euro in das Unternehmen zu investieren, um die Zeit bis zur endgültigen Kapitalmaßnahme zu überbrücken. Diese staatliche Stützung zeigt, wie systemrelevant die Fluggesellschaft für den baltischen Staat eingestuft wird.
Strukturelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Unter der Führung von Erno Hildens muss Air Baltic beweisen, dass das Geschäftsmodell auch ohne ständige staatliche Finanzspritzen tragfähig ist. Das Unternehmen setzt stark auf eine reine Airbus-A220-Flotte, was operative Synergien schafft und die Wartungskosten optimiert. Dennoch bleibt die Airline anfällig für externe Schocks. Der Umsatzanstieg im Jahr 2024 auf über 747 Millionen Euro belegt zwar ein wachsendes Kundeninteresse, doch die Profitabilität hinkt den Expansionszielen hinterher.
Die kommenden Monate werden zeigen, welche Berater Air Baltic an Bord holt und wie attraktiv das Unternehmen für den privaten Kapitalmarkt tatsächlich ist. Ein erfolgreicher Anteilsverkauf könnte die Basis für einen späteren Börsengang in ruhigeren Zeiten legen. Sollte die Investorensuche jedoch scheitern, müsste die lettische Regierung erneut über direkte Beihilfen entscheiden, was im Rahmen des europäischen Wettbewerbsrechts strengen Kontrollen unterliegt. Die Branche blickt gespannt nach Riga, da das Schicksal der Air Baltic beispielhaft für die Konsolidierung und den Überlebenskampf staatlich geprägter Fluggesellschaften in kleineren EU-Mitgliedstaaten steht.