Die Avia Solutions Group, ein in Dublin ansässiger Luftfahrtkonzern und einer der weltweit größten Anbieter von ACMI-Dienstleistungen (Aircraft, Crew, Maintenance, and Insurance), hat eine weitreichende strategische Umstrukturierung ihres europäischen Netzwerks von Luftverkehrsbetreiberzeugnissen (AOCs) eingeleitet. Ziel dieser Konsolidierungsmaßnahme ist eine deutliche Effizienzsteigerung und die Bündelung der europäischen Präsenz unter drei Kernmarken.
Parallel zu dieser Straffung in Europa forciert die Gruppe eine globale Expansion, insbesondere in sogenannten gegenzyklischen Märkten in Asien-Pazifik und Lateinamerika. Die Strategie zielt darauf ab, die Flottenauslastung über das gesamte Jahr hinweg zu optimieren, indem saisonale Schwankungen auf dem europäischen Passagiermarkt ausgeglichen werden, der mit 1,3 Milliarden Reisenden – einem Viertel der geschätzten 5,2 Milliarden globalen Reisenden im Jahr 2025 – zwar der größte der Welt ist, jedoch starken saisonalen Schwankungen unterliegt.
Im Zuge dieser Neuausrichtung hat der Konzern seine lettische Tochtergesellschaft Smartlynx Latvia an das Management und einen niederländischen Fonds veräußert. Zudem ist die Zusammenführung der AOCs von Smartlynx Estonia und Smartlynx Malta unter einer neuen Marke geplant. Diese Maßnahmen sind Teil einer fokussierten Strategie, die darauf abzielt, eine optimale Flottengröße von 27 bis 30 Flugzeugen pro AOC zu erreichen. Die Gruppe hält derzeit AOCs in mehreren europäischen Ländern, darunter Großbritannien, die Türkei, Malta, die Slowakei, Estland und Litauen.
Konsolidierung der europäischen Basis
Die strategische Konsolidierung der AOCs in Europa durch die Avia Solutions Group ist ein direkter Versuch, operative Redundanzen abzubauen und die Effizienz zu steigern. Mit Ausnahme des türkischen AOC bieten die AOCs in Ländern wie Malta, Estland und Litauen nahezu identische Verkehrsrechte und damit verbundene operative Vorteile auf dem europäischen Binnenmarkt. Die Aufteilung der Flotte und der Betriebsprozesse auf zu viele AOCs kann jedoch die Komplexität der Verwaltung erhöhen und die operativen Kosten in die Höhe treiben.
Durch die Reduzierung auf drei Hauptmarken in Europa, und die Fokussierung auf die angestrebte Flottengröße von 27 bis 30 Flugzeugen pro AOC, soll eine effizientere Skalierung und Verwaltung der Flugzeuge, Besatzungen und Wartungsprozesse ermöglicht werden. Diese Größe wird offensichtlich als idealer operativer Hebelpunkt angesehen, um sowohl Flexibilität im ACMI-Geschäft zu gewährleisten als auch eine wirtschaftliche Basis für jeden Lizenzhalter zu schaffen. Der Verkauf von Smartlynx Latvia an das Management und einen externen Investor ist dabei ein konkreter Schritt zur Vereinfachung der Unternehmensstruktur.
Die Konzerntöchter, die unter ACMI-Verträgen operieren, stellen ihre Flugzeuge samt Besatzung, Wartung und Versicherung kurz- bis mittelfristig anderen Fluggesellschaften zur Verfügung, die zusätzlichen Kapazitätsbedarf haben, beispielsweise während der Hochsaison oder bei technischen Problemen in der eigenen Flotte. Eine optimierte Struktur in Europa ist dabei essenziell, um die Kapazitäten schnell und kostengünstig für den globalen Einsatz bereitzustellen.
Ausgleich saisonaler Schwankungen durch globale Expansion
Die zweite Säule der Konzernstrategie ist eine massive geografische Expansion in Wachstumsmärkte außerhalb Europas. Jonas Janukenas, der Chef der Avia Solutions Group, betonte, dass die Expansion in gegenzyklische Märkte in Asien-Pazifik und Lateinamerika darauf abzielt, den ganzjährigen Betrieb der Flotte zu optimieren. Der europäische Passagiermarkt weist eine starke Saisonalität auf, mit Spitzen in den Sommermonaten und einer deutlichen Abnahme im Winter.
Indem die Gruppe AOCs in Regionen etabliert, deren Hauptreisezeit gegenläufig zur europäischen Saison liegt oder die ein stabiles Wachstum aufweisen, kann sie ihre Flottenauslastung und Rentabilität steigern. Bis Ende 2025 plant die Avia Solutions Group, AOCs in Australien, Brasilien, Indonesien, Malaysia und Thailand etabliert zu haben oder sich in diesem Prozess zu befinden. Diese Märkte bieten nicht nur eigene Wachstumschancen, sondern erlauben es, die Flugzeuge während des europäischen Winters in diesen Regionen einzusetzen. Bereits im vierten Quartal 2024 stellte die Gruppe ihre erste AOC in Thailand (Thai SmartLynx) auf und erwarb Skytrans in Australien.
Die globale Reichweite wird durch die europäischen AOCs zusätzlich unterstützt, welche ACMI-Dienste in Märkten wie Argentinien, Chile, Mexiko, Indien, Vietnam und Kolumbien ermöglichen. Die Gruppe, die als Muttergesellschaft von über 250 Tochterunternehmen agiert und 14.000 Fachkräfte auf sechs Kontinenten beschäftigt, festigt damit ihre Position als global führender ACMI-Anbieter. Die Gesamtflotte umfasst aktuell 187 Flugzeuge.
Investitionen in die Flottenbasis und das Dienstleistungsportfolio
Parallel zur Konsolidierung und Expansion investiert die Avia Solutions Group in ihre Flottenbasis und die gesamte Palette der Luftfahrtdienstleistungen. Das Unternehmen ist nicht nur im ACMI-Sektor tätig, sondern bietet auch eine breite Palette an unterstützenden Dienstleistungen wie Wartung, Reparatur und Überholung (MRO), Piloten- und Crew-Schulung, Bodenabfertigung sowie weitere Logistikdienstleistungen.
Ein Indiz für das langfristige Wachstum der Gruppe ist die kürzlich getätigte Großbestellung von bis zu 80 Flugzeugen des Typs Boeing 737 MAX, die zur Erweiterung und Modernisierung der ACMI-Flotte in den verschiedenen AOCs dienen sollen. Diese Investitionen unterstreichen die langfristige Erwartung einer weiterhin hohen Nachfrage nach flexiblen Kapazitätslösungen im globalen Luftverkehr.
Die strategische Fokussierung auf die ACMI-Nische ermöglicht es der Avia Solutions Group, von der wachsenden Tendenz von Linienfluggesellschaften zu profitieren, Kapazitäten auszulagern. Angesichts globaler Herausforderungen wie Triebwerksengpässen bei anderen Anbietern und der allgemeinen Notwendigkeit, schnell auf Marktanforderungen zu reagieren, steigt die Bedeutung von flexiblen ACMI-Lösungen. Die Konsolidierung der europäischen Strukturen ist demnach eine notwendige Grundlage, um die globale Wachstumsstrategie und die ambitionierten Ziele in den neuen Märkten effizient und mit der erforderlichen operativen Stärke umzusetzen.