Boeing 737 Max (Foto: Jan Gruber).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Boeing 737 Max-Unglücke: Vergleich vor Prozeßauftakt – Juristische Aufarbeitung geht weiter

Werbung

Kurz vor dem geplanten Auftakt des ersten Prozesses zu den tragischen Abstürzen zweier Boeing 737 Max 8-Flugzeuge hat sich der US-Flugzeugbauer mit einem Kläger geeinigt. Dies gab der Anwalt eines Kanadiers bekannt, dessen Familie – Ehefrau, drei Kinder und Schwiegermutter – bei dem Unglück der Ethiopian Airlines im März 2019 ums Leben gekommen war.

Der Prozeß, der am Montag in Chicago hätte beginnen sollen, wäre der erste gegen Boeing gewesen. Diese außergerichtliche Einigung erfolgt im Schatten weiterer anstehender Gerichtsverfahren, während die juristische Aufarbeitung der folgenschweren Unglücke, bei denen insgesamt 346 Menschen starben und die zu einem 20-monatigen weltweiten Flugverbot für den Flugzeugtyp führten, weitergeht.

Vergleich vor Gerichtstermin: Erste juristische Hürde genommen

Die Einigung mit einem der Hauptkläger kurz vor Prozeßbeginn ist ein strategischer Schritt für Boeing. Der Prozeß hätte am Montag, den 14. Juli 2025, in Chicago beginnen sollen und wäre der erste Gerichtsfall gewesen, in dem sich der US-Flugzeugbauer direkt den Vorwürfen der Opferfamilien stellen mußte. Die Klage wurde von einem kanadischen Staatsbürger eingereicht, der bei dem Absturz des Ethiopian Airlines Fluges ET302 im März 2019 seine Ehefrau, drei Kinder und seine Schwiegermutter verloren hatte. Dieses Unglück, das sich nur wenige Monate nach dem Absturz von Lion Air Flug JT610 im Oktober 2018 ereignete, führte zur weltweiten Erdung der Boeing 737 Max und löste eine umfassende Krise bei dem Flugzeughersteller aus.

Über die Bedingungen der Einigung wurde Stillschweigen vereinbart. Solche Vertraulichkeitsklauseln sind in Vergleichen dieser Art üblich, da sie beiden Parteien ermöglichen, die Details der Abmachung privat zu halten. Für Boeing bedeutet die Einigung, daß zumindest dieser eine, hochkarätige Prozeß vermieden wird. Dies kann dem Unternehmen helfen, öffentliche Aufmerksamkeit von den Gerichtsverfahren wegzulenken und sich auf die Wiederherstellung des Vertrauens in seine Produkte zu konzentrieren. Boeing selbst lehnte eine Stellungnahme zu der Einigung ab. Eine solche Haltung ist in juristischen Angelegenheiten, insbesondere bei laufenden oder bevorstehenden Verfahren, ebenfalls Standard.

Die beiden Abstürze des Flugzeugtyps 737 MAX in den Jahren 2018 und 2019 forderten insgesamt 346 Menschenleben. Diese Katastrophen führten zu einem 20-monatigen weltweiten Flugverbot für den betroffenen Flugzeugtyp, das im März 2019 verhängt wurde und erst Ende 2020 bzw. Anfang 2021 in vielen Ländern wieder aufgehoben wurde, nachdem Boeing umfangreiche Software-Updates und Schulungsänderungen vorgenommen hatte. Die FAA (Federal Aviation Administration) und andere globale Luftfahrtbehörden hatten die Erdung angeordnet, da ein ähnlicher Fehler im automatischen Steuersystem MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) als Hauptursache für beide Abstürze identifiziert wurde.

Die juristische Aufarbeitung der 737 Max-Unglücke

Die Einigung mit dem kanadischen Kläger ist nur ein Teil der umfassenden juristischen Aufarbeitung der 737 Max-Abstürze. Zahlreiche weitere Klagen von Opferfamilien sind anhängig. Ein weiterer Prozeß im Namen der Familien von sechs Opfern soll am 3. November 2025 beginnen. Diese Verfahren zielen darauf ab, Boeing für die Verluste und Schäden, die durch die Unglücke entstanden sind, zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Klagen gegen Boeing basieren auf verschiedenen Vorwürfen, darunter fehlerhaftes Design des MCAS-Systems, mangelhafte Sicherheitsbewertungen, unzureichende Pilotenschulungen und möglicherweise die Verschleierung von Informationen gegenüber Aufsichtsbehörden und Kunden. Im Januar 2021 hatte Boeing bereits eine umfassende Strafzahlung von 2,5 Milliarden US-Dollar an das US-Justizministerium zugestimmt, um eine strafrechtliche Verfolgung wegen Verschwörung zum Betrug im Zusammenhang mit der 737 Max abzuwenden. Ein Teil dieser Summe war für die Entschädigung der Opferfamilien vorgesehen. Diese Vereinbarung, bekannt als Deferred Prosecution Agreement (DPA), band Boeing an bestimmte Bedingungen, darunter die Verbesserung der Sicherheitsprozesse und die Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden. Trotz dieser Vereinbarung bleiben zivilrechtliche Klagen der Opferfamilien unberührt.

Die juristische Aufarbeitung der Abstürze ist ein langwieriger Prozeß, der sich über Jahre hinziehen kann. Viele Familien der Opfer haben auf Gerechtigkeit und volle Transparenz gedrängt. Die Anwälte der Kläger versuchen, umfassende Beweise zu sammeln, um die Verantwortung von Boeing und möglicherweise auch der Luftfahrtbehörden zu klären. Die Komplexität der Fälle, die technischen Details und die große Anzahl der betroffenen Parteien tragen zur Dauer der Verfahren bei.

Der Ruf von Boeing und die Rückkehr der 737 Max

Die Abstürze der 737 Max waren nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern auch eine der tiefgreifendsten Krisen in der Unternehmensgeschichte von Boeing. Der Konzern, einst ein Symbol für amerikanische Ingenieurskunst und Sicherheit in der Luftfahrt, sah seinen Ruf massiv beschädigt. Das weltweite Flugverbot für einen der meistverkauften Flugzeugtypen in der Geschichte des Unternehmens führte zu immensen finanziellen Verlusten, Produktionskürzungen und einem Vertrauensverlust bei Fluggesellschaften und der Öffentlichkeit.

Nach dem 20-monatigen Flugverbot und umfangreichen Software-Updates sowie zusätzlichen Pilotenschulungen wurde die Boeing 737 Max sukzessive wieder für den Dienst zugelassen. Die ersten Zulassungen erfolgten Ende 2020, und seitdem hat der Flugzeugtyp in vielen Ländern weltweit wieder den Flugbetrieb aufgenommen. Fluggesellschaften, die die 737 Max in ihren Flotten haben, haben sich bemüht, das Vertrauen der Passagiere zurückzugewinnen, indem sie auf die durchgeführten Sicherheitsverbesserungen hinweisen und zusätzliche Informationen bereitstellen.

Dennoch bleibt das Image der 737 Max für einige Passagiere und Kritiker belastet. Boeing hat Milliarden von US-Dollar in die Behebung der Fehler, in Entschädigungen und in die Wiederherstellung seines Rufs investiert. Die Aufarbeitung der Krise hat auch zu Veränderungen in der Unternehmensführung und in den Sicherheitsprozessen bei Boeing geführt. Die Luftfahrtindustrie und die Aufsichtsbehörden weltweit haben aus diesen Unglücken gelernt und ihre Genehmigungsverfahren und Überwachungsmechanismen verschärft.

Globale Auswirkungen auf die Luftfahrtbranche

Die Krise der Boeing 737 Max hatte globale Auswirkungen auf die gesamte Luftfahrtbranche.

  • Finanzielle Belastungen für Fluggesellschaften: Viele Airlines hatten die 737 Max in großen Stückzahlen bestellt und mußten während des Flugverbots auf die Auslieferung warten oder auf andere Flugzeuge ausweichen, was zu erheblichen Kosten führte. Fluggesellschaften, die bereits 737 Max in ihrer Flotte hatten, mußten ihre Flugpläne anpassen und waren mit zusätzlichen Wartungs- und Lagerkosten konfrontiert.
  • Vertrauensverlust: Der Vorfall führte zu einem allgemeinen Vertrauensverlust in die Sicherheit neuer Flugzeugtypen und in die Prozesse der Luftfahrtaufsichtsbehörden. Dies zwang sowohl Hersteller als auch Regulierungsbehörden, ihre Praktiken transparenter zu gestalten und die öffentliche Kommunikation zu verbessern.
  • Stärkung des Wettbewerbs: Die Krise bei Boeing führte auch zu einer Stärkung des Wettbewerbers Airbus, der in dieser Zeit vermehrt Aufträge für seine A320neo-Familie erhalten konnte, da Fluggesellschaften nach Alternativen zur 737 Max suchten.
  • Veränderungen in der Regulierung: Die Abstürze haben auch die Diskussion über die Zertifizierung neuer Flugzeuge und die Rolle von Aufsichtsbehörden, wie der FAA, neu entfacht. Es gab Forderungen nach einer stärkeren Unabhängigkeit der Aufsichtsbehörden von den Herstellern und nach einer globalen Harmonisierung der Zertifizierungsstandards.

Die nun erfolgte Einigung in Chicago ist ein kleiner, aber signifikanter Schritt in der langwierigen juristischen Aufarbeitung. Sie zeigt, daß Boeing weiterhin bestrebt ist, die finanziellen und rechtlichen Belastungen durch außergerichtliche Vergleiche zu minimieren, während die Familien der Opfer auf Gerechtigkeit und Anerkennung ihrer Verluste drängen.

Die außergerichtliche Einigung Boeings mit einem Kläger kurz vor dem ersten Prozeß zu den 737 Max-Abstürzen ist ein bemerkenswerter Schritt in der anhaltenden juristischen Aufarbeitung. Während die Bedingungen vertraulich bleiben, unterstreicht dieser Vergleich die Komplexität und Tragweite der Unglücke, die 346 Menschenleben forderten und den Flugzeugtyp weltweit für 20 Monate zum Stillstand brachten. Die weiteren anstehenden Gerichtsverfahren werden die Diskussion um Verantwortung, Sicherheit und Transparenz in der Luftfahrtindustrie aufrechterhalten und Boeings Bemühungen zur Wiederherstellung seines Rufs weiterhin auf die Probe stellen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung