Der amerikanische Luftfahrtriese Boeing sieht sich erneut mit Herausforderungen im Rahmen seines Langstreckenprogramms 777X konfrontiert. Konzernchef Kelly Ortberg hat kürzlich in einer Investorenkonferenz eingeräumt, daß Boeing bei der Zulassung der 777-9 hinter dem Zeitplan zurückfällt.
Trotz positiver Flugtestergebnisse, die keine neuen technischen Probleme offenbarten, stehe dem Unternehmen noch „ein Berg an Arbeit“ bevor, um die finale Zulassung zu erreichen. Diese Äußerungen führten zu einem klaren Kursverlust der Boeing-Aktie. Die Auslieferung des ersten Flugzeugs an den Erstkunden Lufthansa wird nun für das Jahr 2026 angestrebt. Die 777X-Familie, die bereits jahrelange Verzögerungen hinter sich hat, nähert sich zwar der Zielgeraden, kämpft aber weiterhin mit den strengen Anforderungen der US-Luftfahrtaufsichtsbehörde FAA.
Ein steiniger Weg zur Zertifizierung
Der Weg zur Markteinführung der Boeing 777-9 ist von zahlreichen Rückschlägen geprägt. Der Erstflug des Flugzeugs fand bereits im Januar 2020 statt, doch die folgenden Jahre waren von technischen Problemen und globalen Ereignissen, wie der Pandemie, überschattet. Insbesondere Probleme mit den Triebwerken und strukturelle Bedenken führten immer wieder zu Verzögerungen. Die FAA hat die Zulassungsanforderungen nach den Zwischenfällen mit der Boeing 737 MAX drastisch verschärft, was den Zertifizierungsprozeß für neue Flugzeugtypen erheblich verlängert hat.
Boeing hatte die 777-9 im Sommer dieses Jahres in die entscheidende Zulassungsphase „TIA 2C“ (Type Inspection Authorization) überführen können. Um die Tests zu beschleunigen, wurde die Testflotte um ein fünftes Flugzeug verstärkt. Diese fünfte Testmaschine, die im August ihren ersten Flug absolvierte, dient vor allem der Durchführung von Lärmtests, die für die endgültige Zulassung unerläßlich sind. Nach Angaben von Ortberg seien zwar bei den jüngsten Flugtests keine neuen technischen Mängel aufgetaucht, doch der Abstimmungsprozeß mit der FAA erfordere noch viel Zeit und Aufwand. Die Aufsichtsbehörde prüft jedes Detail und verlangt umfassende Dokumentationen, was den Zeitplan weiter beeinflußt.
Die fortwährenden Verzögerungen bei der 777-9 sind symptomatisch für die Schwierigkeiten, mit denen Boeing in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Neben dem 737 MAX-Programm kämpft das Unternehmen auch mit Problemen bei anderen Projekten, wie beispielsweise dem neuen Tankflugzeug KC-46 für die US-Luftwaffe. Jede weitere Verzögerung bei der 777X hat nicht nur finanzielle Auswirkungen, sondern schädigt auch das Vertrauen der Investoren und der Kunden, die dringend auf die neuen, effizienteren Langstreckenflugzeuge warten.
Auswirkungen auf Kunden und den Aktienmarkt
Die neuerlichen Verzögerungen haben umgehend Reaktionen hervorgerufen. Der Aktienkurs von Boeing, der nach Ortbergs Äußerungen ins Minus rutschte, spiegelt die Nervosität der Anleger wider. Investoren beobachten die Entwicklung der 777X genau, da der Erfolg dieses Programms als ein wichtiger Indikator für die zukünftige Leistungsfähigkeit des Unternehmens gilt. Der Wert der Boeing-Aktie wurde in den vergangenen Jahren durch die Krisen des Unternehmens stark beeinflußt, und selbst geringfügige Rückschläge haben große Auswirkungen.
Für die Kunden, die die 777-9 bestellt haben, bedeuten die Verzögerungen weitere Unsicherheit in ihrer Flottenplanung. Als Erstbetreiber steht die Lufthansa fest. Das deutsche Luftfahrtunternehmen hat bereits die Kennungen von D-ABTA bis D-ABTV für seine zukünftigen 777X-Flugzeuge reserviert. Die Lufthansa hatte ursprünglich 34 Maschinen des Typs 777X bestellt, hat aber bereits 14 davon in Optionen umgewandelt. Die deutsche Airline wartet sehnsüchtig auf die neuen Langstreckenflugzeuge, die ihre alternde Boeing 747– und Airbus A340-Flotte ersetzen und das Interkontinentalgeschäft modernisieren sollen. Die Verzögerungen zwingen die Fluggesellschaft dazu, ihre Flottenplanung anzupassen und ältere Flugzeuge länger als geplant in Betrieb zu halten.
Neben der Lufthansa warten auch andere namhafte Fluggesellschaften wie Emirates und Qatar Airways auf die Auslieferung der 777-9. Insbesondere Emirates hatte einen großen Teil seiner Flottenstrategie auf die 777X ausgerichtet. Die ständigen Verzögerungen haben bei den Kunden für Frustration gesorgt und einige dazu veranlaßt, alternative Modelle wie den Airbus A350 in Betracht zu ziehen oder ihre Bestellungen zu reduzieren.
Ausblick und strategische Bedeutung
Trotz der anhaltenden Schwierigkeiten beharrt Boeing auf seinem Zeitplan, die erste 777-9 im Jahr 2026 auszuliefern. Die Entscheidung, ein fünftes Testflugzeug hinzuzufügen, zeigt, daß das Unternehmen entschlossen ist, das Zulassungsprogramm so schnell wie möglich abzuschließen. Der 777X ist für Boeing von entscheidender strategischer Bedeutung. Er soll das Erbe des erfolgreichen Boeing 777-Programms fortführen und im hart umkämpften Markt der Großraumflugzeuge gegen den Rivalen Airbus A350 bestehen.
Derzeit sind laut Medienberichten die Zulassungsarbeiten der 777-9 in vollem Gange. So wurden beispielsweise im September 2025 die Bremstests erfolgreich abgeschlossen. Des Weiteren hat die FAA die Erlaubnis erteilt, mit der Phase 2D der Lärmtests zu beginnen. Dies sind kleine, aber wichtige Schritte auf dem Weg zur endgültigen Zertifizierung.
Der Erfolg der 777-9 ist nicht nur für Boeing, sondern für die gesamte Luftfahrtindustrie von großer Bedeutung. Sie wird als eines der technologisch fortschrittlichsten Passagierflugzeuge ihrer Generation gelten und neue Möglichkeiten für den Langstreckenverkehr eröffnen. Dennoch bleibt abzuwarten, ob Boeing die strengen Anforderungen der Aufsichtsbehörden rechtzeitig erfüllen kann und die erste Auslieferung wie geplant im Jahr 2026 stattfinden wird.