Der amerikanische Luftfahrt- und Rüstungskonzern Boeing sieht sich mit einem andauernden Arbeitskonflikt konfrontiert. Nachdem die Gewerkschaftsmitglieder des IAM District 837 in den Verteidigungsanlagen in Missouri und Illinois ein weiteres Vertragsangebot abgelehnt haben, geht der Streik in seine siebente Woche.
Am 12. September 2025 lehnten die rund 3.200 Arbeiter, die in der Gegend von St. Louis Kampfflugzeuge und andere militärische Systeme herstellen, den Vorschlag mit 57% zu 43% ab. Der Streik, der am 4. August 2025 begann, wirft ein Schlaglicht auf die tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Arbeitern und der Unternehmensleitung, insbesondere in Bezug auf finanzielle Leistungen und Vergütungen.
Die Streitpunkte: Gehälter, Zusatzleistungen und Bonuszahlungen
Die Ablehnung des jüngsten Vertragsangebots von Boeing ist primär auf die Unzufriedenheit der Belegschaft mit den angebotenen Zusatzleistungen zurückzuführen. Obwohl das Unternehmen eine durchschnittliche Erhöhung der Gesamtvergütung von etwa 45% über einen Zeitraum von fünf Jahren anbot, reichte dies den Arbeitern nicht aus. Nach Ansicht der Gewerkschaft waren die vorgeschlagenen Verbesserungen bei den 401(k)-Beiträgen, einem wichtigen Pensionsplan in den USA, nicht ausreichend. Zudem fehlte eine Bonuszahlung bei Vertragsabschluß, die vergleichbar wäre mit der, die andere IAM-Mitglieder in anderen Boeing-Werken erhalten hatten.
Boeing bezeichnete das Angebot als das bislang beste und betonte, daß es Anpassungen auf der Grundlage des Feedbacks der Gewerkschaft vorgenommen hatte. Trotzdem war die Belegschaft nicht bereit, das Angebot zu akzeptieren. Brian Bryant, der internationale Präsident der IAM-Gewerkschaft, sagte, die Mitglieder würden sich nicht mit den „Halbherzigkeiten von Boeing“ zufriedengeben. Der Abstimmungsausgang zeige die Solidarität und Entschlossenheit der Arbeiter, die ihre Vorschläge als unzureichend ansehen.
Boeings Reaktion und die Suche nach Ersatzkräften
Als direkte Reaktion auf die Ablehnung des Angebots hat Boeing erklärt, daß keine weiteren Verhandlungen geplant seien. Das Unternehmen setzt nun seine „Notfallpläne“ in die Tat um, zu denen auch die Anstellung von „festen Ersatzkräften“ für die streikenden Positionen gehört. Dieser Schritt ist ein deutliches Zeichen der Härte und unterstreicht die verhärteten Fronten zwischen den beiden Parteien. Die Anstellung von Streikbrechern ist in den USA ein legaler, aber hochumstrittener Schritt in Arbeitskämpfen, der die Spannungen weiter eskalieren läßt.
Der Streik hat bereits die Produktion militärischer Flugzeuge in den betroffenen Werken von Boeing Defense in Missouri und Illinois beeinträchtigt. Das Unternehmen versucht, die Störungen durch den Einsatz von nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeitskräften so weit wie möglich zu minimieren. Doch die Herstellung komplexer Waffensysteme und Kampfflugzeuge wie dem F-15EX Eagle II oder dem F/A-18 Super Hornet erfordert spezialisierte Fähigkeiten und langjährige Erfahrung, die nicht leicht zu ersetzen sind.
Die Dauer des Streiks und die Haltung beider Seiten lassen eine schnelle Lösung des Konflikts unwahrscheinlich erscheinen. Die Gewerkschaft wartet darauf, ob Boeing mit einem modifizierten Vorschlag zurückkehrt, während das Unternehmen sich darauf vorbereitet, den Streik mit eigenen Mitteln zu überstehen.
Folgen für die Verteidigungsindustrie
Der Arbeitskampf bei Boeing Defense hat nicht nur Auswirkungen auf die internen Abläufe des Unternehmens, sondern auch auf die gesamte amerikanische Verteidigungsindustrie und ihre internationalen Kunden. Die Werke in der Gegend von St. Louis sind von entscheidender Bedeutung für die Produktion von Kampfflugzeugen, die sowohl für die US Air Force als auch für alliierte Streitkräfte bestimmt sind. Eine längere Produktionsverzögerung könnte sich auf die Lieferpläne und die operationelle Bereitschaft der Luftstreitkräfte auswirken.
Der Streik ist auch ein Symptom für einen breiteren Trend in der amerikanischen Wirtschaft, in der die Arbeitnehmer in den letzten Jahren zunehmend ihre Macht geltend gemacht haben. In verschiedenen Sektoren, von der Automobilindustrie bis hin zur Logistik, fordern die Gewerkschaften höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechtere Verteilung der Unternehmensgewinne. Der Streik bei Boeing zeigt, daß dieser Trend auch im Verteidigungssektor angekommen ist, einem Bereich, der oft als stabil und gut bezahlt gilt.
Die Arbeiter von IAM District 837 sind sich der Bedeutung ihrer Rolle für die nationale Sicherheit bewußt, doch sie bestehen darauf, daß ihre Verdienste angemessen entlohnt werden müssen. Die Entscheidung, das Vertragsangebot abzulehnen und den Streik fortzusetzen, ist ein Zeichen dafür, daß die Frustration der Belegschaft überwiegt und sie bereit ist, persönliche und finanzielle Opfer zu bringen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Die kommenden Wochen werden zeigen, welche der beiden Seiten in diesem Arbeitskampf nachgeben wird, oder ob der Konflikt weiter eskaliert.