Salt Lake City Boeing Office (Foto: Boeing).
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Boeing: Über 3.200 Mitarbeiter lehnen jüngstes Vertragsangebot ab und verlängern den Streik

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Ein zentraler Arbeitskampf in der US-amerikanischen Rüstungs- und Luftfahrtindustrie verschärft sich weiter: Mehr als 3.200 Beschäftigte des Flugzeugherstellers Boeing an den Standorten in Missouri und Illinois haben das jüngste Vertragsangebot des Unternehmens abgelehnt. Die Arbeiter, die in der Verteidigungssparte von Boeing tätig sind und von der Gewerkschaft International Association of Machinists and Aerospace Workers (iam), Distrikt 837, vertreten werden, sehen ihre „Kernprioritäten“ in der vorgeschlagenen Offerte nicht adressiert. Die Entscheidung hat zur Folge, dass der Streik, der nun in seinen vierten Monat geht, verlängert wird. Der anhaltende Stillstand ist das Ergebnis zahlreicher gescheiterter Verhandlungen zwischen der Unternehmensleitung und der Gewerkschaft.

Die knappe Ablehnung des überarbeiteten Fünfjahresvertrags mit einem Verhältnis von 51 Prozent zu 49 Prozent unterstreicht die tiefe Spaltung und die Entschlossenheit der Belegschaft. Während Boeing das knappe Ergebnis als Zeichen wertet, dass viele Mitarbeiter den Wert des Angebots sehen, bekräftigt die Gewerkschaft ihre Haltung. Die iam wirft dem Konzern vor, die Menschen, die den Erfolg des Unternehmens ermöglichen, weiterhin geringschätzig zu behandeln. Die finanziellen Auswirkungen des Streiks auf das Unternehmen und die betroffenen Mitarbeiter werden indes immer spürbarer.

Der Kern des Konflikts: Löhne und Anerkennung

Der monatelange Arbeitskampf dreht sich nicht nur um die blanken Zahlen der Lohnsteigerungen, sondern vor allem um die Wahrnehmung von Anerkennung und Gerechtigkeit für die Belegschaft. Die Arbeiter fordern eine deutliche Verbesserung ihrer finanziellen und sozialen Bedingungen, die ihrer Meinung nach nicht mit dem Erfolg und den Gewinnen des Luftfahrtgiganten Boeing in der Verteidigungssparte im Einklang stehen.

Das jüngste, überarbeitete Vertragsangebot von Boeing, welches am 26. Oktober 2025 von den Mitarbeitern abgelehnt wurde, umfasste:

  • Eine allgemeine Lohnerhöhung von 24 Prozent über die Laufzeit des Fünfjahresvertrags.
  • Einen Ratifizierungsbonus in Höhe von 3.000 US-Dollar.
  • Restricted Stock Units (eingeschränkte Aktien) im Wert von 3.000 US-Dollar, die über drei Jahre unverfallbar werden.
  • Einen Bleibebonus (Retention Bonus) von 1.000 US-Dollar im vierten Jahr.
  • Die Beibehaltung des hoch bewerteten 401(k)-Rentenplans und der Krankenversicherungsleistungen.

Trotz dieser Zugeständnisse, insbesondere der hohen prozentualen Lohnerhöhung, scheiterte der Vorschlag an der Ablehnung der Gewerkschaft. Sam Cicinelli, Vizepräsident der iam Union Midwest Territory, kritisierte, dass Boeing „statt auf unser vorab ratifiziertes Angebot aufzubauen, mit einem weiteren Vorschlag zurückkam, der die Menschen missachtet, die seinen Erfolg ermöglichen“. Der Fokus der Gewerkschaft liegt weiterhin auf einem eigenen, von den Mitgliedern im September 2025 selbst erarbeiteten Gegenvorschlag, den Boeing jedoch als „Publicity Stunt, der Zeitverschwendung ist“, abgetan hatte.

Ein weiterer Streitpunkt im revidierten Vorschlag war die Reduzierung einiger anwesenheitsabhängiger Bonuszahlungen, was als Rückschritt im Vergleich zu früheren Bedingungen gewertet wurde und die Kritik der Gewerkschaft an der mangelnden Wertschätzung für die Arbeitsleistung befeuerte. Die Botschaft der iam ist klar: „Boeing kann diesen Streik morgen beenden – alles, was es tun muss, ist, einen fairen Deal auf den Tisch zu legen.“

Montierte finanzielle Belastung für beide Seiten

Der anhaltende Streik führt zu erheblichen finanziellen Einbußen sowohl für Boeing als auch für die streikenden Arbeitnehmer. Die 3.200 Mitarbeiter verlieren durch den Arbeitskampf fünf Lohnzahlungen, was das Unternehmen auf etwa 26.100 US-Dollar an entgangenem Lohn und 4.200 US-Dollar an verpassten Sozialleistungen pro Mitarbeiter schätzt. Diese Zahlen unterstreichen den hohen Einsatz und die finanzielle Not, mit der die Belegschaft die Fortsetzung des Streiks erkauft.

Für Boeing sind die Auswirkungen des mehrmonatigen Arbeitsausstands in den Werken in Missouri und Illinois, wo wesentliche Komponenten für die Verteidigungssparte hergestellt werden, signifikant. Die Fertigung von militärisch wichtigen Flugzeugen und Systemen, wie etwa Komponenten für die F/A-18 Super Hornet, die F-15EX Eagle II oder die T-7A Red Hawk Trainer, ist direkt von der Arbeitsniederlegung betroffen. Analysten weisen darauf hin, dass die Verzögerungen in der Produktion von Rüstungsgütern nicht nur unmittelbare Umsatzeinbußen verursachen, sondern auch die Vertragserfüllung gegenüber dem US-Verteidigungsministerium und internationalen Kunden gefährden. Die Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit von Boeing, große Verteidigungsprogramme zuverlässig zu liefern, stehen damit auf dem Prüfstand.

Die Unternehmensleitung zeigte sich „enttäuscht“ über das Ergebnis der Abstimmung, nutzte jedoch das knappe Abstimmungsergebnis von 51:49, um die eigene Position zu untermauern. Boeing erklärte, man höre von Mitarbeitern, die die Streikposten überqueren möchten, und sei der Ansicht, dass „viele den Wert unseres Angebots verstehen“. Infolgedessen kündigte Boeing an, sich auf die Umsetzung der nächsten Phase ihres Notfallplans zu konzentrieren, um die Lieferketten und Verpflichtungen gegenüber den Kunden aufrechtzuerhalten.

Parallele Entwicklungen in der US-Luftfahrtindustrie

Der Arbeitskampf bei Boeing ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines breiteren Trends in der US-amerikanischen Industrie, in der Arbeitnehmer in den letzten Jahren zunehmend entschlossen für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen kämpfen. In der Luftfahrt- und Rüstungsbranche, in der die Nachfrage hoch und der Fachkräftemangel spürbar ist, sehen die Gewerkschaften einen günstigen Zeitpunkt, um lang ausstehende Forderungen durchzusetzen.

Im weiteren Kontext der US-Luftfahrtindustrie gab es in jüngster Zeit auch bei anderen Herstellern und Airlines langwierige Tarifauseinandersetzungen, die oft zu signifikanten Verbesserungen für die Belegschaft führten. Die iam und andere Gewerkschaften beobachten genau, welche Zugeständnisse in anderen Sektoren erzielt werden, und nutzen diese als Maßstab für ihre eigenen Verhandlungen. Der Erfolg der Gewerkschaften in anderen Industriesektoren, wie etwa der Automobilbranche, wirkt als Ermutigung für die Beschäftigten bei Boeing, ihren Streik fortzusetzen. Die Forderung nach gerechter Beteiligung am Unternehmenserfolg ist ein dominierendes Thema, das über die spezifischen Lohnforderungen hinausgeht und die soziale Gerechtigkeit im Fokus hat.

Die Fortsetzung des Streiks bei Boeing in den Werken in Missouri und Illinois, die zentrale Bedeutung für die Rüstungsproduktion haben, erhöht den Druck auf das Management erheblich. Die Produktionsverzögerungen in Schlüsselprogrammen haben nicht nur finanzielle Auswirkungen, sondern können auch strategische Konsequenzen für die Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten haben. Die Wiederaufnahme der Verhandlungen und die Bereitschaft von Boeing, einen „fairen Deal“ vorzulegen, sind nun die einzigen Wege, um diesen kostspieligen Konflikt beizulegen.

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