Der Flugmarkt zwischen China und Europa erlebt einen grundlegenden Wandel, der sowohl für europäische Fluggesellschaften als auch für die EU-Kommission von großer Bedeutung ist. Der aktuelle Trend zeigt, dass chinesische Airlines durch die Nutzung direkterer Routen über Russland einen erheblichen Wettbewerbsvorteil erlangt haben, während europäische Konkurrenten unter den Bedingungen längerer Flugstrecken leiden. Dieser Entwicklungen hat die EU-Kommission auf den Plan gerufen, um die Auswirkungen auf den Wettbewerb und mögliche regulatorische Maßnahmen zu prüfen.
Seit der Corona-Pandemie haben sich die Gewichte im internationalen Luftverkehr verschoben. Während europäische Fluggesellschaften in China mit Herausforderungen kämpfen, erleben chinesische Airlines einen Aufschwung auf dem europäischen Markt. Laut Carsten Spohr, dem CEO der Lufthansa, sind die Margen für europäische Fluggesellschaften im Fernostgeschäft „nicht so doll“. Die Lufthansa hat ihre Kapazität auf den China-Routen nur auf 57 Prozent des Vorkrisenniveaus erhöhen können. Ein weiteres Beispiel ist British Airways, die ihre Flüge nach Peking für ein Jahr aussetzt.
Im Gegensatz dazu haben chinesische Fluggesellschaften wie Air China, China Southern Airlines und China Eastern Airlines ihr Angebot nach Europa erheblich ausgeweitet. Diese Expansion hat zu einem Preisdruck auf dem Markt geführt und den Wettbewerb verschärft. Die großen chinesischen Fluggesellschaften dominieren zunehmend den Markt, mit Marktanteilen von bis zu 75 Prozent auf einzelnen Strecken.
Der Einfluss des russischen Überflugverbots
Ein zentraler Faktor für diese Marktentwicklung ist das russische Überflugverbot für europäische Fluggesellschaften, das seit der russischen Aggression gegen die Ukraine besteht. Dieses Verbot zwingt europäische Airlines, längere Flugrouten zu wählen, was die Betriebskosten erheblich erhöht. KLM-Chefin Marjam Rintel bezifferte die Mehrkosten durch den Umweg um Russland auf bis zu 30 Prozent, abhängig von der Strecke. Im Gegensatz dazu profitieren chinesische Fluggesellschaften von direkten Routen über Russland, was ihnen einen signifikanten Vorteil verschafft.
Die Reaktion der EU-Kommission
Die EU-Kommission hat die Situation erkannt und begonnen, sich intensiver mit den Auswirkungen auf den Luftverkehrsmarkt zu befassen. „Als Antwort auf die gegen Russland gerichteten Sanktionen nach der unprovozierten Aggression gegen die Ukraine hat Russland Fluggesellschaften aus der EU verboten, sein Hoheitsgebiet zu überfliegen“, erklärte ein Sprecher der EU-Kommission. Das Verbot hat zu längeren Flugstrecken für europäische Airlines geführt, während chinesische Airlines von kürzeren Routen profitieren, da sie nicht vom Überflugverbot betroffen sind.
Die Kommission ist sich des Wettbewerbsnachteils bewusst und prüft die Situation, doch konkrete Maßnahmen sind noch nicht beschlossen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind komplex, da die Luftfahrtbeziehungen zwischen China und den EU-Staaten in bilateralen Abkommen geregelt sind, die nicht einheitlich sind. Ein umfassendes Luftverkehrsabkommen zwischen der EU und China fehlt, was die Handlungsfähigkeit der EU-Kommission einschränkt.
Bilaterale Abkommen und zukünftige Entwicklungen
Aktuell regelt das bilaterale Luftverkehrsabkommen zwischen China und Deutschland die Anzahl der wöchentlichen Passagier- und Frachtflüge. China hat Anfang 2024 bei der Bundesregierung einen Ausbau dieser Kontingente angestoßen, was zu einem neuen Deal führte: Ab Sommer 2025 dürfen chinesische Airlines vier zusätzliche Passagierflüge pro Woche nach Deutschland anbieten, ab Herbst weitere vier. Im Gegenzug erhalten deutsche Airlines 17 zusätzliche Frachtflüge pro Woche nach China.
Trotz dieses Fortschritts bleibt die Frage offen, ob dieser Deal erneut verändert wird. Während die EU-Kommission keine pauschalen Überflugverbote für Russland aussprechen kann, könnte sie als Plattform für Beratungen zwischen den Mitgliedstaaten fungieren.
Koordinierung und zukünftige Schritte
Die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten sind für die Durchsetzung und Überwachung der Luftverkehrsregelungen zuständig. Die Kommission wird die Situation weiterhin beobachten und die Auswirkungen auf den Wettbewerb analysieren. Bis dahin haben EU-Passagiere die Möglichkeit, mit Airlines zu fliegen, die Russland nicht überfliegen, während mehrere asiatische Airlines ebenfalls auf die Überflüge verzichten.
Die Entwicklungen im Luftverkehrsmarkt zwischen China und Europa zeigen, wie geopolitische Ereignisse und regulatorische Maßnahmen weitreichende Auswirkungen auf den globalen Wettbewerb haben können. Während europäische Airlines sich mit den Herausforderungen des verlängerten Weges durch Russland auseinandersetzen, sehen sich chinesische Fluggesellschaften in einer vorteilhaften Position. Die kommenden Monate könnten entscheidend dafür sein, wie die EU und ihre Mitgliedstaaten auf diese Veränderungen reagieren und welche Maßnahmen zur Sicherung fairer Wettbewerbsbedingungen ergriffen werden.