Der Luftverkehrsstandort Deutschland befindet sich im Wandel, der von deutlichen Preissteigerungen und einer Verschiebung internationaler Passagierströme geprägt ist.
Wie aus dem ersten gemeinsamen Wirtschaftsreport hervorgeht, den der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) am 5. Oktober 2026 vorgelegt haben, hat sich der durchschnittliche Ticketpreis für Flüge ab Deutschland zwischen 2010 und 2024 von knapp unter 150 Euro auf etwa 300 Euro verdoppelt. Parallel dazu verlagern sich Umsteigeverbindungen auf der Langstrecke zunehmend an außereuropäische Drehkreuze, während die Erholung des Marktes nach der Pandemie im Vergleich zum globalen Niveau verzögert verläuft.
Ursachen der Preisentwicklung und staatliche Kostenbelastungen
Der Anstieg der Flugpreise wird im Branchenbericht auf eine Kombination aus gestiegenen staatlichen Abgaben und höheren betrieblichen Aufwendungen zurückgeführt. Zu den wesentlichen Kostentreibern zählen Anpassungen bei der Luftverkehrsteuer, erhöhte Gebühren für die Luftsicherheitskontrollen sowie angehobene Entgelte für die Flugsicherung. Zudem schlagen gestiegene Ausgaben für Treibstoff und Personal in den Bilanzen der Fluggesellschaften zu Buche.
Auch im europaweiten Vergleich ist ein deutlicher Preisauftrieb zu verzeichnen. Die durchschnittlichen Flugpreise innerhalb Europas stiegen im Beobachtungszeitraum von knapp 250 Euro auf rund 340 Euro. Dennoch verläuft die Dynamik am deutschen Markt aufgrund der spezifischen Abgabenstruktur ausgeprägter als in vielen Nachbarstaaten.
Verschiebung der Verkehrsströme zu außereuropäischen Drehkreuzen
Die veränderten Kostenstrukturen wirken sich spürbar auf das Buchungsverhalten und die Routenführung im Fernverkehr aus. BDL und DLR dokumentieren in ihrer Analyse eine Verlagerung von Langstreckenpassagieren auf Drehkreuze außerhalb der Europäischen Union. BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang sprach in diesem Zusammenhang von einer schleichenden Abkopplung Deutschlands vom weltweiten Luftverkehrsnetz, was insbesondere für eine exportorientierte Volkswirtschaft Risiken berge.
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung auf den Routen nach Fernost und Südostasien. Lag der Anteil der Passagiere, die für diese Verbindungen ein Drehkreuz außerhalb der EU nutzten, im Jahr 2010 noch bei 34 Prozent, stieg dieser Wert bis zum Jahr 2024 auf 54 Prozent an. Im Jahr 2019 hatte der Anteil bei knapp 44 Prozent gelegen. Im Gegenzug sank das Aufkommen über die zentralen deutschen Drehkreuze Frankfurt und München im selben Zeitraum von 56 Prozent auf 36 Prozent. Die Verkehrsströme verlagern sich dabei vor allem auf Umsteigepunkte in der Türkei und in den Staaten der Golfregion. Ähnliche Tendenzen zeigen sich bei Verbindungen in Richtung Afrika.
Wettbewerbsbedingungen und regulatorische Rahmenbedingungen
Als ein wesentlicher Einflussfaktor für diese Entwicklung wird im Bericht die Ausgestaltung des europäischen Emissionshandelssystems angeführt. Europäische Fluggesellschaften sind verpflichtet, für Zubringerflüge zu ihren heimischen Drehkreuzen Emissionszertifikate zu erwerben. Fluggesellschaften aus Drittstaaten, die Passagiere über Drehkreuze außerhalb des EU-Geltungsbereichs wie etwa Dubai oder Istanbul befördern, unterliegen auf den entsprechenden Zubringerstrecken nicht diesen Regelungen. Die Vertretung der deutschen Luftverkehrswirtschaft sieht darin einen strukturellen Wettbewerbsnachteil gegenüber staatlich unterstützten Anbietern aus Drittstaaten. BDL-Vertreter fordern daher eine Angleichung der Wettbewerbsbedingungen sowie eine Absenkung der flugplatz- und standortbezogenen Kosten.
Langsame Markterholung und langfristige Perspektiven
Während der globale Luftverkehr nach der Corona-Krise schrittweise wieder an Dynamik gewinnt, erholt sich das Flugangebot in Deutschland langsamer als im internationalen Durchschnitt. Insbesondere das Angebot auf innereuropäischen Strecken sowie die Zahl der angebotenen Direktziele liegen an vielen deutschen Flughäfen weiterhin unter dem Niveau des Jahres 2019.
Für die weltweite Entwicklung prognostiziert das DLR bis zum Jahr 2034 einen Anstieg des Fluggastaufkommens auf 154 Prozent des Niveaus von 2019. Dieses Wachstum soll unter anderem durch den Einsatz von Flugzeugen mit höheren Sitzplatzkapazitäten und verbesserter Effizienz bewältigt werden.
Volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche
Trotz der strukturellen Herausforderungen bleibt der Luftverkehrssektor ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Dem gemeinsamen Bericht zufolge hingen im Jahr 2024 rund 536.900 Arbeitsplätze direkt oder indirekt mit der Luftverkehrswirtschaft und der Luftfahrtindustrie zusammen. Die Branche erwirtschaftete eine Bruttowertschöpfung von 58,4 Milliarden Euro. Dies entsprach einem Anteil von rund 1,3 Prozent am deutschen Bruttoinlandsprodukt.