Neun Monate nach dem tragischen Absturz eines Passagierflugzeugs der Azerbaijan Airlines (AZAL) im Dezember 2024 hat der russische Präsident Wladimir Putin erstmals direkt die Verantwortung Russlands für den Tod von 38 Menschen anerkannt.
Bei einem Treffen mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev am 9. Oktober 2025 in Duschanbe, Tadschikistan, erklärte Putin, dass das zivile Flugzeug, das vom aserbaidschanischen Baku nach Grozny in Russland unterwegs war, durch Trümmer von russischen Flugabwehrraketen getroffen wurde. Diese Raketen waren demnach gegen ukrainische Drohnen gerichtet, die sich dem russischen Luftraum näherten. Die späte, aber direkte Bestätigung schließt eine monatelange diplomatische Krise zwischen Moskau und Baku ab und markiert einen Wendepunkt in den bilateralen Beziehungen, wobei Russland Entschädigungen und eine Untersuchung der verantwortlichen Beamten versprach.
Der tragische Absturz des Embraer E190
Der Zwischenfall betrifft den Azerbaijan Airlines Flug J28243, durchgeführt mit einer Embraer E190 mit der Registrierung 4K-AZ65. Das Flugzeug startete am 25. Dezember 2024 in Baku und sollte auf dem Flughafen von Grozny, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, landen. An Bord befanden sich 62 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder, insgesamt 67 Personen.
Erste Berichte deuteten darauf hin, dass die Besatzung des Fluges aufgrund von schlechtem Wetter und dichtem Nebel in Grozny versuchte, zum internationalen Flughafen Aktau in Kasachstan auszuweichen. Etwa 40 Minuten nach dem Start, als sich das Flugzeug dem russischen Luftraum bei Grozny näherte, meldete die Besatzung den Verlust der GPS-Navigationshilfen, ein Phänomen, das Experten auf den Einsatz russischer elektronischer Kampfführung (ew) zur Abwehr von Drohnen zurückführten. Die Region um Grozny stand zu diesem Zeitpunkt aufgrund wiederholter ukrainischer Drohnenangriffe unter erhöhter militärischer Spannung.
Nach dem Überflug von Grozny berichteten Passagiere von einer Explosion und dem Einschlag von Granatsplittern im Flugzeug. Die Piloten meldeten zunächst einen vermeintlichen Vogelschlag und eine „Kontrollstörung“, forderten dann aber die Umleitung nach Aktau. Kurz darauf meldeten sie einen Ausfall der Hydraulik. Die Kontrolle über das Flugzeug war stark eingeschränkt. Nach mehreren missglückten Landeversuchen stürzte das Flugzeug schließlich drei Kilometer vom Flughafen Aktau entfernt ab. Von den 67 Insassen starben 38 Personen, darunter beide Piloten und ein Flugbegleiter, während 29 Menschen verletzt überlebten. Überlebende erlitten unter anderem geschlossene Schädel-Hirn-Traumata und traumatische Schocks. Die meisten Überlebenden befanden sich vermutlich im hinteren Teil des Flugzeugs.
Die technische Erklärung des Angriffs
Die aserbaidschanische Untersuchung identifizierte schnell ein russisches Flugabwehrsystem vom Typ Pantsir-S1 als Ursache. Gefundene Metallfragmente in der Flugzeughülle sollen von der dazugehörigen Rakete des Typs 57E6-E stammen.
Präsident Putins Erklärung, dass das Flugzeug nicht direkt von der Rakete, sondern von „Trümmern“ getroffen wurde, steht im Einklang mit der Funktionsweise dieses Waffensystems. Die 57E6-E ist eine zweistufige Boden-Luft-Rakete mittlerer Reichweite, die eine Hochexplosiv-Fragmentierungs-Sprengkopf (fragmentation warhead) besitzt. Sie ist nicht darauf ausgelegt, ein Ziel direkt zu treffen, sondern verwendet einen Näherungszünder, der die Rakete in unmittelbarer Nähe des Ziels zur Detonation bringt. Die dadurch freigesetzte Wolke aus Hochgeschwindigkeitsfragmenten ist dazu bestimmt, die Flugzeughülle zu zerreißen und lebenswichtige Systeme außer Gefecht zu setzen. Putin präzisierte, dass zwei russische Flugabwehrraketen auf ukrainische Drohnen abgefeuert wurden und „nur wenige Meter“ von dem zivilen Flugzeug entfernt detonierten. Das Flugzeug sei wahrscheinlich durch diese Fragmente und nicht durch die Gefechtsköpfe selbst beschädigt worden.
Die kasachische Transportbehörde veröffentlichte Anfang 2025 einen vorläufigen Bericht, der zahlreiche Perforationen an Rumpf, Stabilisator, linkem Triebwerk und Tragfläche des Flugzeugs bestätigte, die auf den Aufprall von „externen Objekten“ zurückzuführen seien. Die Beschädigung der Hydrauliksysteme und der Stabilisatorsteuerung machte einen normalen Flug unmöglich und führte letztendlich zum Absturz.
Internationales Recht und staatliche Verantwortung
Der Abschuss eines zivilen Flugzeugs durch staatliche Streitkräfte wirft schwerwiegende Fragen des internationalen Luftfahrtrechts und der Staatenverantwortung auf. Die internationale Zivilluftfahrtkonvention (Chicagoer Abkommen) von 1944 regelt in Artikel 3bis, dass alle Vertragsstaaten die Anwendung von Waffen gegen in der Luft befindliche Zivilflugzeuge unterlassen müssen. Maßnahmen gegen solche Flugzeuge, die abgefangen werden, dürfen das Leben der an Bord befindlichen Personen und die Sicherheit des Flugzeugs nicht gefährden.
Ein Staat hat zwar das Recht, die ausschließliche Hoheitsgewalt über seinen Luftraum zu schützen, der Einsatz von Waffen ist jedoch nur unter strengsten Bedingungen zulässig, etwa zur Abwendung einer unmittelbaren und massiven Gefahr für die nationale Sicherheit (Artikel 51 der UN-Charta, das Recht auf Selbstverteidigung), wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Der absichtliche Abschuss eines Zivilflugzeugs ist damit de facto weltweit geächtet.
Im vorliegenden Fall handelt es sich laut Putin um einen Unfall, der durch ein technisches Versagen oder menschliches Versagen im Rahmen eines militärischen Abwehrmanövers verursacht wurde. Auch ein unbeabsichtigter Abschuss oder die Zerstörung eines Zivilflugzeugs durch militärische Maßnahmen ist völkerrechtlich verboten und zieht die Haftung des Staates nach sich. Dies umfasst die Pflicht zur Wiedergutmachung, Schadensersatz (Reparation) und die „Genugtuung“ (Satisfaction), die oft in Form einer offiziellen Entschuldigung erfolgt. Mit der formalen Verantwortungserklärung und dem Versprechen auf Entschädigung und juristische Aufarbeitung der verantwortlichen Beamten signalisiert Russland die Absicht, die völkerrechtlichen Konsequenzen anzuerkennen.
Diplomatische Spannungen und Entspannung
In den Monaten nach dem Absturz verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Moskau und Baku drastisch. Aserbaidschan übte scharfe Kritik an der anfänglichen russischen Haltung, die den Vorfall zu vertuschen oder zu verharmlosen versuchte. Präsident Aliyev forderte eine vollständige Schuldanerkennung, eine Bestrafung der Verantwortlichen und Entschädigung. Als Reaktion auf die Spannungen schloss Aserbaidschan zeitweilig lokale Büros russischer Staatsmedien, während Moskau die Festnahme von ethnischen Aserbaidschanern in Russland vornahm. Das Ausbleiben einer direkten Schuldanerkennung führte zu einer diplomatischen Eiszeit, die auch durch Putins anfängliche Entschuldigung für einen „tragischen Vorfall“ im russischen Luftraum kurz nach dem Absturz nicht behoben werden konnte.
Das nun erfolgte Treffen zwischen Putin und Aliyev in Tadschikistan, das erste seit dem Absturz, dient eindeutig der Deeskalation. Präsident Aliyev nannte Putins Eingeständnis eine „positive Entwicklung“ und dankte ihm für die „persönliche Kontrolle“ der Untersuchung. Beide Seiten äußerten die Hoffnung, die strategische Partnerschaft und die Zusammenarbeit, die für beide Staaten wichtig ist – insbesondere da Aserbaidschan eine Schlüsselrolle als Transportkorridor für Russland in den Nahen Osten spielt und ein wichtiger Handelspartner ist – wiederherzustellen und zu vertiefen. Die Normalisierung der Beziehungen wird jedoch davon abhängen, wie schnell und umfassend Russland seine Versprechen bezüglich Entschädigung und juristischer Konsequenzen umsetzen wird. Beobachter in Baku äußerten zudem Zweifel an Putins technischer Erklärung, wonach er erst kurz vor dem Treffen die tatsächliche Ursache des Absturzes erfahren habe.