Die Fluggesellschaft Discover Airlines, eine Tochter des Lufthansa-Konzerns, und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi haben nach mehrmonatigen Verhandlungen eine umfassende Einigung über die Absicherung des fliegenden Personals beim Berufsrisiko der Fluguntauglichkeit erzielt. Die neue Regelung bietet den rund 2.000 Beschäftigten in Cockpit und Kabine Schutz vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes und damit ihres Einkommens aufgrund krankheitsbedingter oder dauerhafter Fluguntauglichkeit. Dieser Abschluss gilt in der Branche als bedeutender Fortschritt und setzt neue Maßstäbe, insbesondere im Vergleich zu den Regelungen bei anderen Fluggesellschaften innerhalb und außerhalb des Lufthansa-Konzerns.
Der Kern der Vereinbarung liegt in der Einführung einer kollektiven Versicherung für Cockpitpersonal, deren Beiträge vollständig von Discover Airlines übernommen werden, sowie in deutlich erhöhten Abfindungsregelungen und Zuschüssen für Kabinenpersonal. Die Einigung verschafft der Belegschaft des Ferienfliegers eine höhere finanzielle Sicherheit und stellt einen wichtigen Erfolg für die Gewerkschaft Verdi dar, die erst 2024 erstmals Tarifverträge bei Discover Airlines durchsetzen konnte.
Umfangreiche Absicherung für Cockpitpersonal
Die Einigung sieht eine weitreichende kollektive Absicherung für alle Cockpitbeschäftigten vor, die unabhängig von ihrem Lebensalter und ihrer Betriebszugehörigkeit gilt. Die Beiträge für diese kollektive Versicherung werden vollständig von Discover Airlines getragen.
Die Höhe der Versicherungssummen bei dauerhafter Fluguntauglichkeit staffelt sich nach der Position des Personals:
- Kapitäne: Erhalten eine Versicherungssumme von bis zu 160.000 Euro.
- Co-Piloten: Werden mit einer Versicherungssumme von bis zu 125.000 Euro abgesichert.
Alternativ zur kollektiven Versicherung haben Piloten die Möglichkeit, sich für einen jährlichen Zuschuss von 2.100 Euro zu entscheiden, den sie für ihre private Loss-of-Licence (lol)-Versicherung verwenden können. Diese lol-Versicherungen sind in der Luftfahrtbranche gängig, um das finanzielle Risiko des Verlusts der Fluglizenz aus medizinischen Gründen abzufedern. Die Möglichkeit, zwischen kollektiver Absicherung und privatem Zuschuss zu wählen, bietet dem Personal eine erhöhte Flexibilität, ihre Absicherung individuell zu gestalten.
Die Regelung zur Fluguntauglichkeit (oft als Loss of Licence bezeichnet) ist in der kommerziellen Luftfahrt von existenzieller Bedeutung. Piloten müssen in regelmäßigen Abständen strenge medizinische Untersuchungen bestehen, um ihre Flugtauglichkeit nachzuweisen. Ein dauerhafter Verlust der Lizenz beendet die Karriere abrupt und hat ohne entsprechende Versicherung erhebliche finanzielle Folgen.
Verbesserte Abfindungen und Zuschüsse für Kabinenpersonal
Auch für Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter wurden die Leistungen bei dauerhafter Fluguntauglichkeit substanziell verbessert. Das Kabinenpersonal erhält im Falle eines berufsbedingten Ausscheidens aufgrund von Fluguntauglichkeit erhöhte Abfindungen, deren Höhe sich nach ihrer Betriebszugehörigkeit und ihrem Lebensalter richtet. Die Details der Abfindungsstaffelung wurden von der Gewerkschaft nicht im Detail veröffentlicht, aber die Betonung auf „erhöhte Abfindungen“ signalisiert einen spürbaren finanziellen Zugewinn für die Beschäftigten im Vergleich zu früheren oder konzernüblichen Regelungen.
Zusätzlich erhalten Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter einen monatlichen Zuschuss von 20 Euro zur Finanzierung ihrer privaten Absicherungen. Obwohl die Summe geringer ist als die des Cockpitpersonals, stellt sie eine direkte finanzielle Unterstützung zur Reduzierung des Berufsrisikos dar. Für das Kabinenpersonal, das oft ebenfalls hohen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt ist, schafft diese Regelung ein wichtiges Sicherheitsnetz.
Positionierung im Konzern- und Branchenvergleich
Verdi-Verhandlungsführer Marvin Reschinsky hob die Qualität des Verhandlungsergebnisses hervor und betonte, dass dieses gerade im Vergleich zu anderen Fluggesellschaften innerhalb oder außerhalb des Lufthansa-Konzerns bemerkenswert sei.
Dieser Vergleich ist im Kontext der deutschen Luftfahrtindustrie von großer Relevanz:
- Innerhalb des Lufthansa-Konzerns: Die Lufthansa Group verfolgt eine komplexe Mehrmarkenstrategie, bei der die Kostenstrukturen zwischen den verschiedenen Flugbetrieben (Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines, Eurowings und Discover Airlines) sorgfältig ausbalanciert werden. Discover Airlines, als junger Ferienflieger im Konzern, hat durch die Einigung bewiesen, dass sie bereit ist, attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten, um qualifiziertes Personal in einem umkämpften Markt zu gewinnen und zu halten. Diese Vereinbarung könnte Druck auf andere Konzerngesellschaften ausüben, ihre eigenen Regelungen zur Fluguntauglichkeit zu überprüfen.
- Branche außerhalb des Konzerns: Im europäischen Wettbewerb kämpfen Fluggesellschaften gegen einen anhaltenden Mangel an qualifiziertem Personal, insbesondere im Cockpit. Eine verbesserte soziale Absicherung ist ein entscheidender Faktor im Kampf um Talente. Die kollektive, vom Arbeitgeber getragene Versicherung für Piloten bei Discover Airlines stellt im Vergleich zu vielen reinen Billigfluggesellschaften, die sich oft auf Mindestanforderungen beschränken, einen Wettbewerbsvorteil dar.
Die Einigung bei Discover Airlines kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Gewerkschaften auch bei anderen Lufthansa-Töchtern aktiv sind. Bei City Airlines, dem neuen Hubzubringer der Lufthansa, stehen die Ersttarifierungen noch aus. Die Verdi-Verhandlungserfolge bei Discover Airlines dürften den Rückenwind und die Erwartungen an weitere Verbesserungen in den anderen Flugbetrieben der Lufthansa stärken.
Der Abschluss spiegelt die veränderte Machtbalance zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Luftfahrt nach den Umwälzungen der letzten Jahre wider. Das qualifizierte fliegende Personal genießt eine starke Marktposition, die es den Gewerkschaften ermöglicht, nicht nur grundlegende Lohn- und Arbeitsbedingungen, sondern auch umfassende soziale Absicherungen durchzusetzen. Die Vereinbarung bei Discover Airlines gilt somit als wichtiger Schritt zur Stärkung der sozialen Komponenten in den Arbeitsverhältnissen der Luftfahrtbranche.