Eine neue Studie wirft ein Schlaglicht auf eine der größten Paradoxien des modernen europäischen Reiseverkehrs: Trotz der Dichte und Effizienz des Schienennetzes sind Flüge auf vielen grenzüberschreitenden Strecken immer noch erheblich günstiger als Zugreisen.
Eine Analyse von 142 europäischen Reiserouten, die von einer paneuropäischen Forschungsgruppe in Auftrag gegeben wurde, zeigt, daß der Luftverkehr, der mit bestimmten fiskalischen Vorteilen versehen ist, weiterhin einen signifikanten Preisvorteil gegenüber der Eisenbahn genießt. Der Bericht faßt zusammen, daß auf mehr als der Hälfte aller grenzüberschreitenden Verbindungen die Flugtickets günstiger sind als die Bahntickets. Dies untergräbt nicht nur die Bemühungen um einen kohärenten europäischen Binnenmarkt, sondern schafft auch einen systemischen Anreiz für Reisende, sich für die billigere, wenn auch logistisch kompliziertere, Option zu entscheiden. Die Studie fordert eine Überprüfung der Steuerpolitik und die Einführung eines einheitlichen Buchungssystems für den Eisenbahnverkehr, um ein gerechteres Wettbewerbsumfeld zu schaffen.
Ein Preiskrieg der Systeme: Die ökonomische Realität im europäischen Reiseverkehr
Die Diskrepanz zwischen den Flug- und Zugpreisen ist das Ergebnis zweier fundamental unterschiedlicher ökonomischer Systeme. Auf der einen Seite stehen die sogenannten Billigflieger, die ihr Geschäftsmodell auf aggressivem Preiskampf und einem ausgeklügelten System von Zusatzgebühren, etwa für Gepäck oder Sitzplatzwahl, aufgebaut haben. Sie profitieren von einer Reihe von Steuerprivilegien, die es der Bahn nicht gibt. So ist gewiß, daß das Fehlen einer Steuer auf Flugkerosin einen enormen Kostenvorteil darstellt, der es den Fluggesellschaften ermöglicht, Tickets zu einem Preis anzubieten, der in keinem Verhältnis zu den operativen Kosten steht. Dies führt zu extremen Preisunterschieden, wie das Beispiel der Strecke von Barcelona nach London zeigt: Ein Flugticket kostet hier nur 14,99 Euro, während die Bahnfahrt stolze 389 Euro kosten kann.
Auf der anderen Seite steht die Eisenbahn, ein Sektor, der mit enormen Investitions- und Unterhaltskosten konfrontiert ist. Nationale Bahngesellschaften müssen ein weitreichendes Schienennetz unterhalten, Bahnhöfe betreiben und die Sicherheit der Infrastruktur gewährleisten. Dies sind Fixkosten, die unabhängig von der Passagieranzahl anfallen. Zudem sind viele Bahngesellschaften verpflichtet, unrentable Strecken aus Gründen der öffentlichen Daseinsvorsorge zu betreiben. Die Preisgestaltung im Schienenverkehr spiegelt diese hohen Fixkosten wider und ist oft weniger flexibel als die dynamischen Preismodelle der Fluggesellschaften. Dies führt zu einem erheblichen Wettbewerbsnachteil, den die Bahn vor allem auf grenzüberschreitenden Verbindungen hinnehmen muß.
Zwischen Paris und Polen: Das geografische Ungleichgewicht der Mobilität
Der Report zeigt, daß die Preisunterschiede nicht gleichmäßig über den Kontinent verteilt sind. In Westeuropa, etwa in Frankreich, Spanien und dem Vereinigten Königreich, waren Bahntickets auf bis zu 95 Prozent der grenzüberschreitenden Strecken teurer als die Flugtickets. Dies hat mehrere Gründe. Das Streben nach Hochgeschwindigkeitsnetzen, wie dem französischen TGV oder dem spanischen AVE, hat zwar die Reisezeiten verkürzt, aber auch zu hohen Ticketpreisen geführt. Der Fokus liegt hier oft auf dem hochpreisigen, zeitkritischen Geschäftsreiseverkehr, weniger auf dem preisbewußten Tourismus. Die fragmentierten nationalen Schienensysteme und die unterschiedlichen Standards an den Grenzen erschweren zudem die Buchung und die Reise.
Ein anderes Bild zeigt sich in Zentral- und Osteuropa, wo Züge auf 29 grenzüberschreitenden Strecken (39 Prozent) fast immer oder immer günstiger waren als Flüge. In den baltischen Staaten und in Polen, wo die Bahn oft als grundlegendes öffentliches Verkehrsmittel gesehen und entsprechend subventioniert wird, sind die Preise für Zugreisen vergleichsweise niedrig. Auch Österreich faßt sich in dieser Hinsicht besser: Auf inländischen Strecken wie Innsbruck–Wien und auf Verbindungen nach Deutschland sowie nach Zürich, Ljubljana und Warschau ist die Bahn oft die preiswertere Wahl. Dennoch ist die Bahn auf vielen anderen europäischen Routen deutlich teurer, wie zum Beispiel auf der Verbindung von London nach Wien, wo eine Zugreise im Schnitt das Zwölffache eines Billigflugs kostet.
Das Hindernis an der Grenze: Die Hürden eines fragmentierten Bahnsystems
Ein zentrales Problem, das die Studie anspricht, ist das Fehlen eines einheitlichen europäischen Bahnsystems. Während Flugreisen von einem zentralen Buchungs- und Ticketingsystem profitieren, das es dem Reisenden ermöglicht, eine Verbindung von Amsterdam nach Rom mit nur einer Buchung zu finden, ist die Bahnreise über mehrere Grenzen hinweg oft ein logistisches Problem.
Verschiedene Buchungsplattformen, unkoordinierte Fahrpläne und eine fehlende Zusammenarbeit zwischen den nationalen Bahngesellschaften machen die Planung einer internationalen Zugreise kompliziert und zeitaufwendig. Diese fehlende Bequemlichkeit ist ein weiterer Grund, warum sich viele Reisende für das Flugzeug entscheiden, selbst wenn die Preise vergleichbar wären. Die Studie faßt dies als „politisches Versagen“ zusammen, denn ein kohärentes und benutzerfreundliches Bahnsystem für den gesamten Kontinent existiert bislang nur in den Köpfen der Visionäre. Es braucht eine umfassende europäische Initiative, die die nationalen Grenzen für den Bahnverkehr auflöst.
Die Suche nach der Gerechtigkeit: Forderungen nach einer neuen Steuerpolitik
Die Verfasser des Reports fordern, daß Flüge endlich „fair besteuert“ werden müssen, um die Wettbewerbsverzerrung gegenüber der Bahn zu beenden. Es wird die Notwendigkeit einer Steuer auf Kerosin und anderer fiskalischer Abgaben für den Luftverkehr betont. Diese würden nicht nur die Preise für Flugreisen realitätsnäher machen, sondern auch die Einnahmen für die öffentlichen Haushalte erhöhen, die wiederum in den Ausbau und die Modernisierung des Schienennetzes investiert werden könnten.
Eine der Hauptforderungen ist die Einführung eines einheitlichen Ticketsystems. Dieses würde die Buchung von internationalen Zugreisen so einfach machen wie das Buchen eines Fluges, was die Attraktivität der Bahn für Reisende, die grenzüberschreitend unterwegs sind, erheblich steigern würde. Nur durch diese strukturellen Veränderungen kann die Bahn zur ersten Wahl für Reisende in Europa werden.