Der brasilianische Flugzeughersteller Embraer, der weltweit drittgrößte Produzent von Verkehrsflugzeugen, hat seine langfristigen Produktionsziele neu justiert. Konzernchef Francisco Gomes Neto gab in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters bekannt, daß das Unternehmen erst im Jahr 2028 wieder 100 Verkehrsflugzeuge pro Jahr ausliefern werde.
Als Hauptursache für die verhaltene Wachstumsplanung nannte er anhaltende und unvorhersehbare Probleme in der globalen Lieferkette. Trotz einer kontinuierlichen Erholung von der Pandemie-Krise, bei der Embraer seine Auslieferungen seit 2021 stetig steigern konnte, wird das kommende Jahr 2026 als besonders herausfordernd für die Produktion angesehen. Gleichwohl stützt ein solider Auftragsbestand die Wachstumsprognosen des Unternehmens, welches mit einem neuen Großauftrag aus den USA einen wichtigen Meilenstein erreicht hat.
Herausforderungen in der Lieferkette und strategische Weitsicht
Die Luftfahrtindustrie kämpft seit Jahren mit Störungen in den Lieferketten, die durch die Pandemie, geopolitische Spannungen und Engpässe bei Rohstoffen und Komponenten verursacht werden. Auch Embraer bleibt von diesen Problemen nicht verschont. Francisco Gomes Neto erläuterte, daß die Triebwerkslieferungen für die Jets der neuen Generation (E2) sich zwar verbessert hätten, es nun aber neue Schwierigkeiten mit Rumpfteilen aus Europa und GE-Aerospace-Triebwerken für die älteren E1-Jets gebe. Die Prognose von 77 bis 85 Auslieferungen für das laufende Jahr, nach 73 im Jahr 2024, spiegelt diese Realität wider.
Der CEO gab einen ehrlichen Einblick in die Planungen des Unternehmens: „2026 wird noch ein herausfordernderes Jahr für die Produktion von Verkehrsflugzeugen“. Die Strategie des Unternehmens sei es, nur das zu versprechen, was auch gehalten werden könne. Erst ab 2027 werde Embraer seinen „starken Wachstumsplan“ wieder aufnehmen. Die Entscheidung, das 100-Flugzeug-Ziel auf 2028 zu verschieben, zeigt eine vorsichtige und realistische Einschätzung der Marktlage. Zuletzt hatte das Unternehmen im Jahr 2017 mehr als 100 Verkehrsflugzeuge in einem Jahr ausgeliefert.
Der solide Auftragsbestand untermauert die langfristigen Ambitionen von Embraer. Die Produktionskapazitäten für die Jahre 2026 und 2027 seien nahezu vollständig ausgebucht, und auch für 2028 gebe es bereits feste Bestellungen. „Die Herausforderung besteht jetzt darin, die Flugzeuge auszuliefern“, betonte Gomes Neto.
Wichtige Erfolge im amerikanischen Markt
Die Zukunftspläne von Embraer wurden kürzlich durch einen bedeutenden Auftrag untermauert. Die amerikanische Billigfluggesellschaft Avelo Airlines erteilte einen festen Auftrag für 50 Flugzeuge des Typs E195-E2. Dieser Deal ist der erste Auftrag für die neue E2-Generation aus den Vereinigten Staaten und erweitert den Auftragsbestand des Unternehmens erheblich. Der amerikanische Markt ist für Embraer von strategischer Bedeutung, da er einen Großteil der Bestellungen für die E1-Jets ausmacht.
Die Bekanntgabe des Avelo-Auftrags folgt auf weitere Erfolge in diesem Jahr, darunter Bestellungen von der japanischen ANA und der skandinavischen SAS für E2-Jets sowie vom US-amerikanischen Regionalcarrier Skywest für E1-Flugzeuge. Das Unternehmen geht davon aus, im laufenden Jahr weitere E2-Aufträge abschließen zu können, da mehrere Verkaufsgespräche laufen. Für die E1-Jets, die fast ausschließlich auf dem amerikanischen Markt zum Einsatz kommen, werden im Jahr 2025 keine neuen Aufträge mehr erwartet.
Keine amerikanische Produktionslinie trotz Zöllen
Trotz des jüngsten Erfolgs in den USA und der Einführung von zehn Prozent Einfuhrzöllen auf seine in Brasilien gebauten Flugzeuge, plant Embraer nicht, eine Produktionslinie für E2-Verkehrsflugzeuge in den Vereinigten Staaten zu errichten. Gomes Neto erklärte, daß eine solche Investition eine „riesige Investition“ erfordern würde, die die Wettbewerbsfähigkeit des Produkts beeinträchtigen könnte. Eine zweite Produktionslinie würde nur bei Tausenden von verkauften Flugzeugen sinnvoll sein. Stattdessen konzentriert sich Embraer auf die diplomatische Ebene, um die bestehenden Zölle zu beseitigen.
Das Unternehmen verweist auf die Vorteile, die es der US-Wirtschaft bietet. „In den nächsten fünf Jahren planen wir, 21 Milliarden Dollar aus den Vereinigten Staaten zu kaufen und 13 Milliarden Dollar zu exportieren“, so Gomes Neto. Diese Zahlen sollen die Rolle von Embraer als wichtiger Partner für amerikanische Lieferanten und Kunden hervorheben.
Die Produktionsstrategie von Embraer ist weiterhin auf das Werk Sao Jose dos Campos in Brasilien ausgerichtet, wo beide Generationen der Verkehrsflugzeuge auf einer hybriden Linie hergestellt werden. Das Unternehmen betreibt bereits Montagelinien für einige Geschäftsflugzeuge in Florida und hat den Bau einer 500 Millionen Dollar teuren Linie für den Militärtransporter C-390 in den USA vorgeschlagen, falls das Land sich für den Kauf des Frachtflugzeugs entscheiden sollte. Dies zeigt, daß Embraer bereit ist, in den USA zu investieren, jedoch nur bei strategisch wichtigen Großaufträgen und unter bestimmten Bedingungen.