Die Geschäftsmodelle europäischer Billigfluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet beruhen auf einer einfachen, aber effektiven Formel: extrem niedrige Basispreise, die durch eine Vielzahl von Zusatzgebühren, sogenannte Ancillary Revenues, ergänzt werden. Eine der bedeutendsten Einnahmequellen dieser Fluggesellschaften ist die Gebühr für das Handgepäck. Die strikte Einhaltung der Handgepäcksregeln ist daher für die Rentabilität der Unternehmen von zentraler Bedeutung.
Wie nun bekannt wurde, geht Ryanair, Europas führende Billigfluggesellschaft, einen Schritt weiter und erhöht die finanzielle Vergütung für seine Mitarbeiter am Flugsteig, die Passagiere mit überdimensionierten Handgepäckstücken identifizieren. Die Gebühr für jedes entdeckte, zu große Gepäckstück wird von 1,50 Euro auf 2,50 Euro angehoben, und die bisherige monatliche Obergrenze von 80 Euro wird komplett abgeschafft. Ein ähnliches System wurde auch beim Konkurrenten Easyjet eingeführt. Dieser Schritt unterstreicht die wachsende Bedeutung der Zusatzumsätze und der operativen Effizienz in einem hart umkämpften Markt und wirft gleichzeitig Fragen nach der Kundenbeziehung und dem Arbeitsklima am Flugsteig auf.
Die Logik des Geschäftsmodells: Wenn Effizienz auf Erträge trifft
Das Geschäftsmodell der Billigfluggesellschaften, das Ryanair in Europa maßgeblich geprägt hat, ist eine meisterhafte Kombination aus Kosteneinsparung und Einnahmengenerierung. Der Kern des Modells ist die Bereitstellung von Flugtickets zu Preisen, die oft geringer sind als die Fahrtkosten zum Flughafen. Dies wird erreicht durch eine radikale Fokussierung auf Effizienz: einheitliche Flugzeugflotten, schnelle Bodenabfertigung und eine Minimierung der Personalkosten. Die Marge pro Ticket ist äusserst gering, weshalb die Fluggesellschaften auf Nebeneinnahmen angewiesen sind, um profitabel zu bleiben.
Diese Nebeneinnahmen, zu denen Sitzplatzreservierungen, bevorzugtes Boarding und insbesondere Gepäckgebühren gehören, machen einen signifikanten Anteil am Gesamtumsatz aus. Nach Berichten von Branchenanalysten macht der Anteil dieser Zusatzumsätze bei Ryanair bereits mehr als 40 Prozent der gesamten Einnahmen aus. Die strikte Durchsetzung der Handgepäcksregeln ist somit nicht nur eine Frage der Fairness gegenüber den Passagieren, die sich an die Regeln halten, sondern vor allem ein vitaler Bestandteil der finanziellen Strategie des Unternehmens. Jedes überdimensionierte Gepäckstück, das am Flugsteig identifiziert wird, generiert eine hohe Gebühr, die die Einnahmen der Fluggesellschaft direkt steigert.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Geschwindigkeit der Bodenabfertigung. Billigflieger müssen ihre Flugzeuge so oft wie möglich in der Luft haben, da ein am Boden stehendes Flugzeug keine Einnahmen generiert. Jede Minute, die beim Boarding eingespart wird, ermöglicht eine schnellere Abfertigung und somit eine höhere Auslastung der Flotte. Überdimensionierte Handgepäcksstücke, die nicht unter den Vordersitz passen und in das Gepäckfach über den Sitzen verstaut werden müssen, verzögern das Boarding und gefährden die angestrebten, oft nur 25-minütigen, Turnaround-Zeiten. Die finanzielle Belohnung für die Mitarbeiter am Flugsteig dient daher nicht nur der Umsatzsteigerung, sondern auch der Sicherstellung einer reibungslosen und schnellen Abfertigung, die für den Erfolg des Geschäftsmodells unerläßlich ist.
Die Bonus-Taktik: Ein finanzieller Anreiz für strikte Durchsetzung
Die Entscheidung von Ryanair, die Kommission für seine Mitarbeiter am Flugsteig zu erhöhen, ist ein klares Signal. Die Fluggesellschaft geht offensiv gegen Passagiere vor, die versuchen, die Gepäcksregeln zu umgehen. Indem die Bezahlung pro Fall um einen Euro angehoben und die monatliche Begrenzung abgeschafft wird, setzt Ryanair einen starken Anreiz für seine Angestellten, die Einhaltung der Vorschriften aktiv zu überwachen. Diese Maßnahme spiegelt die Haltung des Ryanair-Chefs Michael O’Leary wider, der die Gepäcksregelverstöße als ein Problem von etwa „0,1 Prozent der Passagiere“ ansieht, die es zu „erwischen“ gilt. Er betonte, daß jeder die Regeln einhalten müsse, um einen reibungslosen Ablauf für alle zu gewährleisten.
Die Taktik von Ryanair ist nicht einzigartig. Wie aus den vorliegenden Informationen hervorgeht, hat die britische Fluggesellschaft Easyjet bereits im Juli 2025 ein ähnliches System eingeführt. Auch hier erhalten Mitarbeiter Boni für jedes Gepäckstück, das nicht den Maßen entspricht. Easyjet begründete diesen Schritt mit der Notwendigkeit, die Pünktlichkeit der Flüge zu verbessern und die Betriebsabläufe zu optimieren. Der Trend ist klar: Die europäischen Billigflieger sehen in der strikten Durchsetzung der Gepäcksregeln einen Weg, ihre Einnahmen zu steigern und gleichzeitig die operative Effizienz zu verbessern, was letztendlich ihren Niedrigpreis-Ansatz stützt.
Die Frontlinie am Flugsteig: Erfahrungen der Passagiere und Mitarbeiter
Die Umsetzung dieser strengen Richtlinien findet an der sogenannten „Frontlinie“ des Flugbetriebs statt – am Flugsteig, kurz vor dem Boarding. Hier treffen die Mitarbeiter, die nun finanziell motiviert sind, die Regeln durchzusetzen, auf Passagiere, die möglicherweise unwissentlich oder bewußt gegen die Vorschriften verstoßen haben. Es ist die Aufgabe der Gate-Agenten, die Gepäckstücke mit einem sogenannten „bag sizer“ zu überprüfen. Dieser Metallrahmen dient als Schablone, in die das Handgepäck passen muß. Fällt das Gepäckstück durch, muß die Gebühr bezahlt werden.
Diese Situationen führen oft zu Auseinandersetzungen und Frustration auf Seiten der Passagiere, die sich durch die unerwarteten Kosten überrumpelt fühlen. Die Airlines argumentieren, daß die Regeln klar kommuniziert seien, und verweisen auf die Geschäftsbedingungen, in denen die genauen Maße aufgeführt sind. Kritiker werfen den Fluggesellschaften jedoch vor, mit intransparenten Gebühren und der gezielten Überprüfung am Gate, anstatt beim Check-in, zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Für die Mitarbeiter am Flugsteig kann die Bonus-Regelung eine zweischneidige Klinge sein. Einerseits bietet sie die Möglichkeit, das Gehalt aufzubessern, andererseits kann sie zu einem angespannten Arbeitsverhältnis mit den Kunden führen. Der Druck, die Einnahmen zu maximieren, könnte die Mitarbeiter in Konfliktsituationen bringen, die das Kundenerlebnis negativ beeinträchtigen.
Wettbewerb und Diversifizierung: Europas Weg im Vergleich mit anderen Märkten
Die rigorose Gepäckspolitik von Ryanair und Easyjet ist ein Phänomen, das in Europa besonders stark ausgeprägt ist. Weltweit hingegen sind die Marktdynamiken oft anders. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel, wo der Wettbewerb zwischen Low-Cost-Carriern wie Southwest Airlines und größeren Fluggesellschaften anders strukturiert ist, gibt es in der Regel liberalere Gepäckbestimmungen. Southwest Airlines ist bekannt für seine Politik, die kostenlose Mitnahme von zwei aufgegebenen Gepäckstücken erlaubt, was sie von den meisten anderen Anbietern unterscheidet.
Die strikte Handgepäcksregulierung in Europa hat jedoch einen pragmatischen Grund. Der europäische Markt ist dichter besiedelt, und die Fluggesellschaften konkurrieren auf kürzeren Strecken, was die Notwendigkeit einer hohen operativen Effizienz noch weiter erhöht. Die schnellen Turnaround-Zeiten sind für die Rentabilität der Billigflieger in diesem Umfeld entscheidend. Während in den USA ein solch aggressives Vorgehen gegen Handgepäck möglicherweise als kundenunfreundlich angesehen wird und dem Markenimage schaden könnte, ist es in Europa zu einer akzeptierten Praxis geworden, die dem Kunden eine Wahl läßt: entweder niedrigster Preis oder mehr Komfort.