Boeing 777X (Foto: Boeing.
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Finanzielle Belastung durch 777X-Verzögerung überschattet operativen Fortschritt bei Boeing im dritten Quartal

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Der Luftfahrtriese Boeing hat das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2025 mit einem erheblichen Verlust abgeschlossen, der in erster Linie auf eine massiv erhöhte finanzielle Belastung im Zusammenhang mit dem Langstreckenflugzeugprogramm 777X zurückzuführen ist. Das Unternehmen meldete am 29. Oktober 2025 einen Verlust von 7,14 Dollar pro Aktie nach Standardrechnungslegung und 7,47 Dollar pro Aktie auf bereinigter Basis. Diese Zahlen wurden maßgeblich durch eine einmalige Vorsteuerbelastung von 4,9 Milliarden Dollar für das 777X-Programm beeinflusst, was den Verlust pro Aktie um etwa 6,45 Dollar erhöhte.

Dieser außerordentlich hohe Betrag übertraf die Schätzungen der Analysten, die Anfang Oktober 2025 noch von Belastungen zwischen 2,5 Milliarden und 4 Milliarden Dollar ausgegangen waren. Die neue Bewertung des 777X-Zeitplans, der die Erstauslieferung der 777-9 nun erst für das Jahr 2027 vorsieht, zwingt das Unternehmen zu dieser tiefgreifenden bilanziellen Korrektur. Das 2013 gestartete Programm hat damit seine ursprüngliche geplante Auslieferung in 2020 bereits um voraussichtlich sieben Jahre verfehlt. Trotz dieser Rückschläge betonte Boeing-CEO Kelly Ortberg, dass das Flugzeug in den Flugtests weiterhin gut abschneide. Er hob hervor, dass man sich auf die Fertigstellung der Entwicklungsprogramme und die Stabilisierung des Betriebs konzentriere, um die Unternehmensleistung vollständig wiederherzustellen und das Vertrauen aller Beteiligten zurückzugewinnen.

Hintergrund der 777X-Verzögerungen: Kumulierte Kosten und Zertifizierungsengpässe

Die jüngste Verschiebung der 777X-Auslieferung ins Jahr 2027, der nunmehr sechste Aufschub seit Programmstart, verdeutlicht die anhaltenden Schwierigkeiten des Flugzeugherstellers, insbesondere im Umgang mit der Zertifizierung. Die Gründe für die erneute Verzögerung liegen primär in den komplexen und langwierigen behördlichen Genehmigungsprozessen durch die Federal Aviation Administration (FAA) sowie in früheren technischen Herausforderungen und Lieferkettenproblemen. Die FAA hatte in der Vergangenheit bereits „Designreife“-Mängel festgestellt und im Jahr 2020 über ein unkontrolliertes Nickereignis während eines Testflugs berichtet.

Die kumulierten finanziellen Belastungen für das 777X-Programm belaufen sich Schätzungen zufolge mittlerweile auf über 15 Milliarden Dollar. Diese beträchtliche Summe ist auf die sogenannten „abnormal costs“ zurückzuführen, die durch die wiederholten Verzögerungen und die damit verbundenen Mehrkosten entstehen. Der nun verbuchte Einmaleffekt von 4,9 Milliarden Dollar ist zwar bilanziell ein nicht liquiditätswirksamer Posten, da die Ausgaben in früheren Perioden getätigt wurden, er spiegelt jedoch einen realen und erheblichen Verlust wider, der sich über die gesamte Lebensdauer des Programms erstreckt und dessen Wirtschaftlichkeit massiv beeinträchtigt.

Der Markt reagierte auf die Nachricht von der außerplanmäßigen Belastung verhalten. Analysten zeigten sich besorgt über weitere mögliche Überraschungen, während die Aktie des Unternehmens im frühen Handel nachgab. Trotz der Bedenken hinsichtlich der Schuldenlast Boeings wird der finanzielle Gesamteinschlag nicht als unmittelbar existenzbedrohend angesehen, stellt jedoch eine deutliche Hypothek für die schnelle Erholung der Ertragskraft dar.

Operative Lichtblicke: Steigende Auslieferungen und positiver Cashflow

Trotz des substanziellen Verlusts in der Bilanz weist der Bericht für das dritte Quartal 2025 auch Anzeichen einer operativen Erholung auf, insbesondere in den kommerziellen und Dienstleistungssegmenten. Der Gesamtumsatz des Unternehmens stieg im dritten Quartal auf 23,3 Milliarden Dollar und übertraf damit den Umsatz des zweiten Quartals von 22,7 Milliarden Dollar. Bemerkenswerterweise erzielte Boeing in diesem Quartal erstmals seit Ende 2023 wieder einen positiven operativen Cashflow von 1,1 Milliarden Dollar sowie einen positiven freien Cashflow von 0,2 Milliarden Dollar. Das Unternehmen betonte, dass der positive freie Cashflow ein wichtiger Meilenstein für die Reparatur der Bilanz sei, auch wenn er relativ bescheiden ausfiel und maßgeblich durch erhaltene Kundeneinzahlungen beeinflusst wurde.

Die Sparte Commercial Airplanes verzeichnete einen Umsatzanstieg auf 11,1 Milliarden Dollar. Dies ist hauptsächlich auf die gestiegene Zahl von Flugzeugauslieferungen zurückzuführen, die mit 160 Einheiten das höchste Quartalsergebnis seit 2018 darstellte. Die Division verbuchte 161 Nettoaufträge, darunter 50 787 Dreamliner für Turkish Airlines und 30 737-8-Flugzeuge für die Norwegian Group. Der Gesamtauftragsbestand des Unternehmens belief sich zum Ende des Quartals auf 636 Milliarden Dollar, wovon 535 Milliarden Dollar auf das Segment Commercial Airplanes mit über 5.900 Flugzeugen entfielen.

Ein wichtiger operativer Erfolg war die Genehmigung der Federal Aviation Administration (FAA) im Oktober 2025, die Produktionsgrenze für die 737 MAX von 38 auf 42 Flugzeuge pro Monat anzuheben. Diese schrittweise Erhöhung soll die Grundlage für zukünftige Umsatzsteigerungen bilden. Parallel dazu stabilisierte sich die Produktion des 787-Programms bei sieben Flugzeugen pro Monat, flankiert von Investitionen zur Erweiterung des Betriebs in South Carolina.

Stärkung der Verteidigungs- und Dienstleistungssegmente

Die Geschäftsbereiche, die weniger von den zivilen Entwicklungsproblemen betroffen waren, trugen zur Stabilisierung der Unternehmensleistung bei. Die Sparte Defense, Space & Security (Verteidigung, Raumfahrt & Sicherheit) erwirtschaftete im dritten Quartal einen Umsatz von 6,9 Milliarden Dollar und eine operative Marge von 1,7 Prozent. Dies deutet nach Angaben des Unternehmens auf eine „stabilisierende operative Leistung und ein höheres Volumen“ hin.

Wesentliche Vertragsabschlüsse im Quartal waren ein Auftrag der US Space Force zur Verbesserung strategischer Satellitenkommunikationsfähigkeiten sowie eine Partnerschaft mit der Royal Australian Air Force zur Demonstration autonomer operativer Fähigkeiten der MQ-28 Ghost Bat. Der Auftragsbestand der Verteidigungssparte stieg auf 76 Milliarden Dollar, wovon 20 Prozent auf internationale Kunden entfielen. Das Segment Global Services (Globale Dienstleistungen) steuerte 5,4 Milliarden Dollar zum Umsatz bei, was auf ein „höheres Volumen“ zurückgeführt wurde. Dieses Segment glänzte mit einer vergleichsweise hohen operativen Marge von 17,5 Prozent, hauptsächlich bedingt durch ein „günstiges kommerzielles Volumen und Produktmix“. Zu den wichtigsten Aufträgen im Quartal zählten ein Zuschlag der US Navy für die Reparatur von F/A-18-Flugzeugfahrwerken und eine strategische Kooperationsvereinbarung mit Korean Air zur Weiterentwicklung prädiktiver Wartungsanalysen. Die positive Entwicklung im Dienstleistungsbereich unterstreicht die Rolle dieses Segments als stabiler Ertragspfeiler in einer ansonsten von Entwicklungsrisiken geprägten Unternehmenslandschaft.

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