Am Frankfurter Flughafen steht eine weitreichende Veränderung der operativen Flugroutenführung bevor. Ein neues Betriebskonzept des Flughafenbetreibers Fraport sieht vor, das Flugverfahren für Abflüge grundlegend zu modifizieren und einen größeren Teil der startenden Maschinen in Richtung Nordwesten über den Taunus zu leiten.
Die betroffenen Anrainerkommunen, die in der Kommission zur Abwehr des Fluglärms organisiert sind, treten am heutigen Mittwoch zu einer Sondersitzung in Raunheim zusammen, um das Konzept detailliert zu analysieren und im Anschluss der Öffentlichkeit vorzustellen. Während die Verantwortlichen der Fraport AG und des hessischen Wirtschafts- und Verkehrsministeriums die Maßnahme mit der Notwendigkeit begründen, die Flugsicherheit auch bei einem prognostizierten Anstieg des Luftverkehrsaufkommens zu gewährleisten, formiert sich in den betroffenen Gemeinden vehementer Widerstand. Insbesondere für die Städte Flörsheim und Hattersheim-Eddersheim im Main-Taunus-Kreis bedeutet die Neuregelung eine spürbare Zunahme der Lärmbelastung, während andere Regionen im Frankfurter Umland eine Entlastung erfahren sollen. Neben der inhaltlichen Kritik an den Routenführungen steht auch das Krisenmanagement der Projektbeteiligten im Fokus der Debatte, nachdem die Fluglärmkommission den bisherigen Informationsfluss als mangelhaft gerügt hat.
Infrastrukturelle Notwendigkeiten und die mathematischen Verkehrsprognosen der Fraport AG
Der Frankfurter Flughafen zählt zu den am stärksten frequentierten Luftfahrtdrehkreuzen im europäischen Luftraum und operiert zu den Hauptverkehrszeiten nahe an den Kapazitätsgrenzen seines bestehenden Bahnsystems. Die Notwendigkeit für eine Anpassung der Start- und Landeverfahren resultiert aus den aktuellen Verkehrsprognosen des Flughafenbetreibers. Nach einer Phase der Konsolidierung verzeichnen die Flugbewegungen am größten deutschen Flughafen wieder eine kontinuierliche Aufwärtstendenz. Um den prognostizierten Zuwachs an Starts und Landungen geordnet und ohne Verzögerungen im internationalen Liniennetz abwickeln zu können, müssen die bestehenden Abflugkorridore effizienter genutzt und personelle sowie technische Engpässe bei der Flugsicherung minimiert werden.
Das neue Betriebskonzept zielt primär auf die Optimierung der sogenannten Center-Bahn ab, die eine zentrale Achse im parallelen Start- und Landesystem des Flughafens bildet. Durch eine stärkere Staffelung und die vermehrte Ableitung von Abflügen in Richtung Nordwesten soll der Verkehrsfluss entflochten werden. Nach Angaben von Luftfahrtexperten und den zuständigen Planungsbehörden ist diese Anpassung unausweichlich, um die internationalen Sicherheitsabstände zwischen aufeinanderfolgenden Luftfahrzeugen auch bei hoher Dichte der Flugbewegungen lückenlos zu garantieren. Ein Verharren im aktuellen Status quo würde bei steigendem Verkehrsaufkommen zu erheblichen Kapazitätsengpässen, Verspätungen im europäischen Luftraum und einer Überlastung der Fluglotsen führen.
Die geografische Verschiebung der Schallimmissionen im Main-Taunus-Kreis
Die geplanten Änderungen in der Routenführung führen zu einer direkten räumlichen Umverteilung der akustischen Belastungen im Flughafenumfeld. Durch die häufigere Ausrichtung der Abflüge von der Center-Bahn in Richtung Taunus verschiebt sich der Lärmteppich über dicht besiedeltes Gebiet im Nordwesten Frankfurts. Das hessische Wirtschafts- und Verkehrsministerium bestätigte in ersten Stellungnahmen, dass vor allem die Kommunen Flörsheim und der Hattersheimer Stadtteil Eddersheim von den zusätzlichen Überflügen in niedriger Höhe betroffen sein werden. Für die dortige Wohnbevölkerung bedeutet dies eine erhebliche Frequenzsteigerung des Fluglärms, insbesondere in den verkehrsreichen Morgen- und Abendstunden.
Im Gegenzug zu dieser Mehrbelastung sieht das Konzept an anderen Messpunkten im Frankfurter Umland Entlastungen vor. Durch die Bündelung der Verkehrsströme auf die nordwestliche Achse werden Flugkorridore über anderen Gemeinden seltener genutzt, was dort zu einer Beruhigung der akustischen Situation führt. Diese ungleiche Verteilung der Belastungen sorgt für erhebliche Spannungen zwischen den Kommunen in der Region. Während entlastete Gebiete das Konzept verhalten positiv bewerten, sehen die betroffenen Städte im Main-Taunus-Kreis ihre kommunale Entwicklung und die Lebensqualität ihrer Bürger massiv beeinträchtigt. Lokale Bürgerinitiativen haben bereits angekündigt, die rechtlichen Grundlagen der Routenänderungen im Rahmen von Planfeststellungsverfahren überprüfen zu lassen.
Neben den baulichen und fliegerischen Details des Konzepts steht die Art und Weise der Vermittlung im Zentrum der politischen Kontroverse. Die Kommission zur Abwehr des Fluglärms, in der die Bürgermeister und Vertreter der Anrainerkommunen zusammengeschlossen sind, kritisierte das Vorgehen der Fraport AG und des Ministeriums im Vorfeld der Sondersitzung scharf. Die Institution beklagte ein gravierendes Informationsdefizit und sprach offiziell von einem Kommunikationsdesaster. Die Kommunen seien zu spät in die Planungen einbezogen und vor vollendete Tatsachen gestellt worden, was das Vertrauen in die regionale Luftverkehrspolitik nachhaltig beschädigt habe. Als Reaktion auf den anhaltenden öffentlichen Druck und die Interventionen der Fluglärmkommission wurde das Betriebskonzept in den vergangenen Wochen nochmals modifiziert. Die Planer fügten dem Entwurf spezifische Lärmschutzmaßnahmen hinzu, die darauf abzielen, die negativen Auswirkungen in den Hauptbetroffenheitszonen abzumildern. Hierzu zählen unter anderem modifizierte Steigprofile für bestimmte Flugzeugtypen, die es den Maschinen ermöglichen sollen, schneller an Höhe zu gewinnen und somit die bodennahe Schallausbreitung in Flörsheim und Eddersheim zu reduzieren. Ob diese technischen Nachbesserungen ausreichen, um die Skeptiker in den Kommunen zu überzeugen, ist Gegenstand der aktuellen Debatten in Raunheim. Die betroffenen Bürgermeister fordern weiterhin eine transparente Offenlegung aller Gutachten sowie eine Überprüfung von Alternativrouten, um die Belastungen gleichmäßiger auf das gesamte Rhein-Main-Gebiet zu verteilen.