Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat eine dringliche Lufttüchtigkeitsanweisung für die Flugzeugtypen Boeing 737 Max 8, Max 9 und die Sonderkonfiguration Max 8200 erlassen. Grund für die behördliche Intervention ist eine schwerwiegende Fehlfunktion im Klimasystem, die zu einer sprunghaften und unkontrollierten Überhitzung von Cockpit und Passagierkabine führen kann.
Nach zwei dokumentierten Zwischenfällen, bei denen die Temperaturen an Bord innerhalb kürzester Zeit gefährliche Werte erreichten, müssen Piloten weltweit nun spezifische Notfallprotokolle befolgen. Die technische Ursache wurde in einem fehlerhaften Erdungskabel identifiziert, das dazu führt, dass Schutzschalter im Umweltkontrollsystem unbeabsichtigt auslösen. In der Folge wird ungekühlte Zapfluft direkt in den Innenraum geleitet. Während Boeing an einer dauerhaften technischen Lösung arbeitet, sieht die Anweisung drastische Verfahrensweisen vor: Sollten erste Korrekturmaßnahmen in der Luft nicht greifen, müssen die Maschinen in niedrige Flughöhen sinken und den nächsten geeigneten Flughafen ansteuern, um die Sicherheit der Insassen nicht zu gefährden.
Technische Hintergründe der Systemfehlfunktion
Das Umweltkontrollsystem (Environmental Control System, ECS) eines modernen Verkehrsflugzeugs wie der Boeing 737 Max ist eine hochkomplexe Anlage, die für den Druckausgleich und die Thermoregulierung verantwortlich ist. Hierbei wird sogenannte Zapfluft aus den Triebwerken entnommen. Diese Luft ist im Ursprungszustand extrem heiß und muss durch Wärmetauscher und Kühleinheiten, die sogenannten Packs, geleitet werden, bevor sie in die Kabine gelangt. Die FAA-Anweisung beschreibt nun ein Szenario, in dem ein Schutzschalter aufgrund eines fehlerhaften Erdungskabels ohne Notwendigkeit auslöst. Dieser elektrische Impuls führt dazu, dass zwei kritische Klappen im Kühlsystem der Zapfluft automatisch schließen.
Sobald diese Klappen geschlossen sind, wird der Kühlprozess unterbrochen. Die Folge ist die direkte Zuleitung von übermäßig heißer Luft in das Cockpit und die Kabine. Da das System in diesem Zustand die Temperatur nicht mehr regeln kann, steigen die Werte im Innenraum unkontrolliert an. Experten weisen darauf hin, dass solche Hitzeentwicklungen nicht nur das Wohlbefinden der Passagiere beeinträchtigen, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit der Piloten massiv einschränken können. Zudem besteht die Gefahr, dass empfindliche Avionik-Komponenten im Cockpit durch die thermische Belastung Schaden nehmen oder Fehlfunktionen aufweisen.
Verfahrensregeln und Workarounds für das Flugpersonal
Um der Gefahr entgegenzuwirken, hat die FAA detaillierte Anweisungen für das Verhalten im Falle einer Überhitzung herausgegeben. Piloten sind angehalten, bei einem sprunghaften Temperaturanstieg zunächst einen technischen Workaround zu versuchen. Dabei soll das Kühlungssystem durch manuelles Eingreifen reaktiviert werden. Gleichzeitig müssen nicht lebensnotwendige elektrische Verbraucher an Bord abgeschaltet werden, um die interne Wärmelast zu reduzieren. Dazu gehören insbesondere das In-Flight-Entertainment-System (IFE) sowie Teile der Kabinenbeleuchtung.
Sollten diese Maßnahmen innerhalb eines kurzen Zeitfensters keine spürbare Senkung der Temperatur bewirken, schreibt die Lufttüchtigkeitsanweisung radikalere Schritte vor. Die Besatzung muss in diesem Fall die Flughöhe auf maximal 10.000 Fuß (ca. 3.000 Meter) reduzieren. In dieser Höhe ist der Sauerstoffgehalt der Außenluft hoch genug, um auf den Kabinendruckausgleich verzichten zu können. Ein weiterer ungewöhnlicher Schritt in dem Protokoll ist die Anweisung, die Cockpittür zu öffnen, um einen Luftaustausch zwischen den Sektionen zu ermöglichen. Schließlich ist die Landung auf dem nächstgelegenen geeigneten Ausweichflughafen zwingend vorgeschrieben, da ein sicherer Weiterflug unter diesen thermischen Bedingungen nicht garantiert werden kann.
Identifikation der Fehlerquelle und Reaktion des Herstellers
Der Flugzeughersteller Boeing hat die Problematik bestätigt und führt die Fehlfunktion auf ein spezifisches Problem mit einem Erdungskabel zurück. Dieses Kabel kann offenbar unter bestimmten Betriebsbedingungen eine fehlerhafte elektrische Spannung weitergeben, die das Auslösen des Schutzschalters provoziert. Boeing arbeitet nach eigenen Angaben mit Hochdruck an einer technischen Modifikation, die voraussichtlich den Austausch oder die Neuverlegung des betroffenen Kabelsatzes vorsehen wird. Bis diese Lösung zertifiziert und in der weltweiten Flotte implementiert werden kann, dienen die nun verordneten Prozeduren als primäre Sicherheitsbarriere.
Diese neue Herausforderung trifft Boeing in einer Phase, in der das Vertrauen in die 737-Max-Serie ohnehin unter genauer Beobachtung steht. Die FAA betont jedoch, dass es sich um eine präventive Maßnahme handelt, um auf Basis der zwei gemeldeten Zwischenfälle Schlimmeres zu verhindern. Die Behörde stuft die Anweisung als dringlich ein, was bedeutet, dass Fluggesellschaften die neuen Betriebshandbücher und Pilotenschulungen innerhalb kürzester Zeit umsetzen müssen. Weltweit sind hunderte Maschinen der betroffenen Baureihen im Einsatz, was die logistische Tragweite dieser Anweisung verdeutlicht.
Auswirkungen auf den weltweiten Flugbetrieb
Für die Fluggesellschaften bedeutet die Lufttüchtigkeitsanweisung einen erhöhten Schulungsaufwand für ihre Besatzungen. Die Simulatortrainings müssen um das Szenario der unkontrollierten Überhitzung erweitert werden. Operativ könnte die Anweisung zu Umleitungen und Flugausfällen führen, sollte es in der Luft zu entsprechenden Fehlfunktionen kommen. Besonders betroffen sind Regionen mit ohnehin hohen Außentemperaturen, in denen das Kühlsystem der Flugzeuge bereits an der Leistungsgrenze arbeitet. Hier ist die Zeitspanne bis zum Erreichen kritischer Innentemperaturen bei einem Systemausfall noch kürzer.
Die Kosten für die anstehenden Nachrüstungen wird voraussichtlich der Hersteller tragen müssen, doch der Imageverlust wiegt für Boeing schwer. Analysten beobachten genau, wie effizient die technische Lösung umgesetzt wird. Da die 737 Max das wichtigste Modell im Kurz- und Mittelstreckensegment für den Konzern ist, haben wiederkehrende technische Probleme direkte Auswirkungen auf die Lieferpläne und die Zufriedenheit der Großkunden wie United Airlines, Southwest oder Ryanair. Die betroffene Modellvariante Max 8200, die speziell für Billigflieger mit einer höheren Sitzplatzdichte konzipiert wurde, steht aufgrund der höheren Passagierzahl bei einer Überhitzung unter besonderem Fokus der Sicherheitsexperten.
Zukünftige Sicherheitsstrategien der FAA
Die FAA hat in den letzten Jahren ihre Überwachungsprozesse verschärft und reagiert nun deutlich schneller auf Berichte über Systemunregelmäßigkeiten. Die aktuelle Lufttüchtigkeitsanweisung zeigt, dass auch vermeintlich kleine Bauteile wie Erdungskabel in komplexen Systemen katastrophale Folgen haben können.
Die Luftfahrtbehörde plant, die Daten aus den kommenden Wochen genau auszuwerten, um festzustellen, ob weitere Systemkomponenten des Umweltkontrollsystems angepasst werden müssen. Die Sicherheit des Flugbetriebs genießt oberste Priorität, weshalb die strengen Auflagen für Flughöhe und Ausweichlandungen bis auf Weiteres bestehen bleiben. Passagiere werden von den technischen Anpassungen im Idealfall wenig bemerken, sofern die Systeme einwandfrei funktionieren oder die Piloten die Fehlfunktion rechtzeitig in den Griff bekommen. Dennoch verdeutlicht dieser Fall, dass die technische Evolution der Luftfahrt eine kontinuierliche Anpassung der Sicherheitsvorschriften erfordert.