Die indische Regionalfluggesellschaft Fly91 hat am 3. September 2026 den Festkauf von 40 Turboprop-Flugzeugen des Typs ATR 72-600 bekannt gegeben. Der Auftrag hat nach Listenpreisen ein Volumen von rund einer Milliarde US-Dollar und stellt die größte Einzelbestellung des Herstellers ATR seit knapp zehn Jahren dar.
Gleichzeitig handelt es sich um das umfangreichste Geschäft, das ein Indikatorensegment regionaler Fluggesellschaften jemals mit dem europäischen Konsortium abgeschlossen hat. Die Auslieferung der Maschinen ist für den Zeitraum zwischen 2027 und 2032 vorgesehen. Für die in Goa ansässige Fluggesellschaft bedeutet das Abkommen eine schrittweise Aufstockung der eigenen Flotte von aktuell sechs auf insgesamt 60 Flugzeuge innerhalb der kommenden fünf Jahre. Mit diesem Schritt zieht das Auftragsvolumen von ATR für das laufende Jahr 2026 auf 54 Maschinen an, womit das Gesamtergebnis des Vorjahres 2025 bereits mehrere Monate vor Jahresende übertroffen wird.
Marktpotenziale und operative Ausrichtung der Fluggesellschaft Fly91
Die Unternehmensführung von Fly91, die offiziell unter dem Namen Just Udo Aviation Private Limited registriert ist, setzt mit der Investition auf ein Marktsegment, das in den indischen Bundesstaaten bislang als unterentwickelt gilt. Nach Marktdaten des Herstellers ATR werden in Indien jährlich rund 4,6 Milliarden interurbane Reisen absolviert. Lediglich etwa drei Prozent dieser Fahrten und Flüge entfallen derzeit auf den Luftverkehr. Das Geschäftsmodell von Fly91 basiert auf der Anbindung von Städten der zweiten und dritten Kategorie, die von den großen Netzwerk-Carriers bislang nur eingeschränkt angeflogen werden.
Derzeit führt die Fluggesellschaft wöchentlich mehr als 280 Flüge durch und verbindet 13 Zielorte. Das Streckennetz erstreckt sich über Bundesstaaten wie Maharashtra, Karnataka, Andhra Pradesh und Kerala sowie die Inselgruppe Lakshadweep. Gründer und Geschäftsführer Manoj Chacko betont, dass das Ziel des Unternehmens im Aufbau eines fokussierten Regionalnetzes besteht, das aufstrebende Wirtschaftszentren ohne den Umweg über die großen Drehkreuze direkt miteinander verbindet. Der Einsatz von Turboprop-Maschinen gilt dabei aus Sicht der Airline als betriebswirtschaftlich notwendig, um bei variablen Treibstoffkosten günstige Ticketpreise anzubieten.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Indiens staatliches Förderprogramm UDAN
Der Ausbau der regionalen Flottenkapazitäten fügt sich in die verkehrspolitischen Vorgaben der indischen Regierung ein. Über das nationale Förderprogramm UDAN versucht das Ministerium für Zivilluftfahrt seit mehreren Jahren, strukturschwächere Regionen an das Luftverkehrsnetz anzuschließen. Der indische Minister für Zivilluftfahrt, Kinjarapu Ram Mohan Naidu, ordnete die Bestellung von Fly91 in die staatliche Gesamtstrategie ein und bezeichnete die regionale Anbindung als wesentliche Säule des verkehrsbezogenen Wirtschaftswachstums.
Im Rahmen der nächsten Phase des Förderprogramms, bezeichnet als UDAN 2.0, sollen weitere Flugplätze in kleineren Städten für den kommerziellen Betrieb aufbereitet werden. Schätzungen des Herstellers ATR gehen davon aus, dass das erweiterte Regionalnetz durch die zusätzlichen Flugzeugkapazitäten bis zu 35 Millionen zusätzliche Passagiere aufnehmen könnte. Für viele Bürger in den ländlichen Regionen stellt der Luftverkehr damit erstmals eine zugängliche Reisealternative zu den oft überlasteten Schienen- und Straßennetzen dar.
Rolle des Flugzeugherstellers ATR und finanzielle Absicherung
Der Flugzeughersteller ATR, ein Gemeinschaftsunternehmen der europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerne Airbus und Leonardo, profitiert mit dem Großauftrag von der anhaltenden Nachfrage nach Turboprop-Flugzeugen auf Kurzstrecken. Nach Unternehmensangaben setzen weltweit rund 200 Fluggesellschaften in mehr als 100 Ländern Maschinen von ATR ein. Das Modell ATR 72-600 zeichnet sich im Vergleich zu regionalen Jet-Flugzeugen ähnlicher Größenordnung durch geringere Betriebskosten und verringerte Treibstoffverbräuche aus, was den Anforderungen von Low-Cost-Regionalgesellschaften entgegenkommt. Nathalie Tarnaud Laude, Vorstandsitzende von ATR, verwies darauf, dass die Wirtschaftlichkeit des Typs es den Betreibern erlaube, auch auf schwächer frequentierten Routen kostendeckend zu arbeiten.
Finanziell getragen wird die Expansion von Fly91 durch die Beteiligungsgesellschaft Convergent Finance, die als Hauptinvestor fungiert. Harsha Raghavan, Verwaltungsratsvorsitzender der Fluggesellschaft und Managing Partner bei Convergent Finance, betonte die langfristige Ausrichtung des Engagements. Die Investition stütze sich auf die Verknüpfung des indischen Wirtschaftswachstums mit dem Erschließungspotenzial im regionalen Luftverkehr.
Herausforderungen für die Infrastruktur und den Luftverkehrsmarkt
Trotz der positiven Wachstumsprognosen steht der indische Luftverkehrssektor vor erheblichen infrastrukturellen Herausforderungen. Der schnelle Anstieg der Flugzeugbestellungen bei indischen Gesellschaften – auch im Bereich der Großraum- und Standardrumpfflugzeuge – führt an vielen Flughäfen zu Engpässen bei Slot-Vergaben, Wartungskapazitäten und qualifiziertem Personal. Kleine Flugplätze in Städten der Kategorie 2 und 3 verfügen zudem oft nicht über die erforderliche technische Ausstattung für den Allwetterflugbetrieb.
Darüber hinaus ist der indische Markt für seine hohe Preissensibilität bekannt. Steigende Beschaffungs- und Personalkosten sowie Schwankungen bei den Treibstoffpreisen setzen die Margen der Fluggesellschaften kontinuierlich unter Druck. Ob Fly91 die geplante Flottenaufstockung bis zum Jahr 2032 ohne wirtschaftliche Verwerfungen umsetzen kann, wird maßgeblich von der Entwicklung der regionalen Flughafeninfrastruktur und der Kaufkraft der Bevölkerung in den angesteuerten Zielgebieten abhängen.