Airbus A320neo (Foto: Mario Caruana / MAviO News).
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Icelandair strebt Beteiligung an maltesischer Chartertochter der insolventen Play an

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Die isländische Luftfahrtbranche steht vor einer signifikanten Konsolidierung, nachdem die Niedrigpreisfluggesellschaft Play im September 2025 ihren Betrieb aufgrund massiver finanzieller Verluste einstellen musste. Nun soll die maltesische Play Europe von Icelandair geschluckt werden.

Während das Kerngeschäft der Airline, das ursprünglich auf Transitverbindungen zwischen Europa und Nordamerika basierte, gescheitert ist, rückt nun die maltesische Tochtergesellschaft Fly Play Europe in den Fokus des nationalen Flagcarriers Icelandair. Icelandair führt derzeit fortgeschrittene Verhandlungen mit den Anteilseignern, zu denen namhafte Pensionsfonds gehören, über die Übernahme eines 49-Prozent-Anteils an dem maltesischen Unternehmen. Dieser strategische Schritt zielt darauf ab, die operative Flexibilität von Icelandair zu erhöhen und den Zugang zum europäischen Chartermarkt sowie zu vorteilhaften internationalen Luftverkehrsabkommen zu sichern, die über das isländische Luftverkehrsbetreiberzeugnis (AOC) nicht in gleichem Maße zugänglich sind. Die geplante Transaktion markiert einen Wendepunkt in der isländischen Luftverkehrsstrategie und unterstreicht den Trend zu multinationalen Betriebsstrukturen innerhalb der europäischen Luftfahrtindustrie.

Der Niedergang von Play und die Folgen für den Standort Island

Das Ende von Play im Jahr 2025 kam für Marktbeobachter nicht völlig überraschend, obwohl das Management bemüht war, die Fehler der 2019 spektakulär gescheiterten WOW Air zu vermeiden. Play hatte bewusst auf den Einsatz von kostspieligem Großraumgerät verzichtet und setzte stattdessen auf eine homogene Flotte aus Airbus A321neo. Dennoch erwies sich der Wettbewerb auf den Nordatlantikrouten als zu intensiv für den Newcomer. Selbst die kurz vor der Insolvenz vollzogene strategische Neuausrichtung weg vom Hub-and-Spoke-Modell in Keflavik hin zu einem verstärkten Fokus auf europäische Urlaubsziele konnte die Liquiditätskrise nicht abwenden.

Ein wesentlicher Teil der Überlebensstrategie von Play war die Gründung der Fly Play Europe auf Malta. Durch die Auslagerung von vier Airbus A321neo in dieses maltesische Tochterunternehmen sollte durch Wetlease-Aufträge – also die Vermietung von Flugzeugen inklusive Besatzung an andere Airlines – ein stabiler Cashflow generiert werden. Malta bietet aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Europäischen Union und spezifischer steuerlicher sowie regulatorischer Rahmenbedingungen erhebliche Vorteile für Luftfahrtunternehmen. Mit dem Aus von Play in Island blieb die maltesische Einheit als potenziell werthaltiges Asset zurück, das nun das Interesse des langjährigen Rivalen Icelandair geweckt hat.

Strategische Ziele hinter der Malta-Expansion

Für Icelandair ist die potenzielle Beteiligung an Fly Play Europe weit mehr als nur ein Gelegenheitskauf. Der Konzern verfolgt damit langfristige wettbewerbsstrategische Ziele. Bogi Nils Bogason, der Vorstandsvorsitzende von Icelandair, betonte im Rahmen der Verhandlungen, dass die meisten großen europäischen Fluggesellschaften mittlerweile über mehrere Luftverkehrsbetreiberzeugnisse verfügen. Diese Struktur erlaubt es den Unternehmen, Flugzeuge und Personal je nach Marktlage und saisonalem Bedarf flexibler zwischen verschiedenen Märkten und regulatorischen Rahmenbedingungen zu verschieben.

Durch den Einstieg bei der maltesischen Gesellschaft erhielte Icelandair Zugang zu einer Vielzahl von Luftverkehrs- und Doppelbesteuerungsabkommen, die Malta mit Drittstaaten abgeschlossen hat. Für ein Land wie Island, das zwar Teil des Europäischen Wirtschaftsraums, aber kein EU-Mitglied ist, sind solche Abkommen oft schwieriger zu erreichen oder weniger vorteilhaft ausgestaltet. Insbesondere im Bereich des Chartergeschäfts und der Ad-hoc-Leistungen für Reiseveranstalter könnte Icelandair durch die maltesische Basis ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber großen europäischen Konzernen wie der Lufthansa Group oder IAG deutlich steigern.

Optimierung der Flottennutzung im Chartermarkt

Ein weiterer zentraler Aspekt der Verhandlungen ist die Optimierung der Flottennutzung. Icelandair betreibt eine wachsende Flotte, die jedoch starken saisonalen Schwankungen unterliegt. Im Winter, wenn die Nachfrage nach Transatlantikflügen über Island traditionell sinkt, könnten Teile der Flotte, die nicht im regulären Streckennetz benötigt werden, in das maltesische AOC überführt werden. Von dort aus ließen sich Charteraufträge in Südeuropa oder Afrika effizienter abwickeln.

Die vier Airbus A321neo, die sich im Besitz der Leasinggesellschaft AerCap befinden und zuletzt für die maltesische Play-Tochter flogen, stellen eine moderne und effiziente Kapazität dar, die nahtlos in das Anforderungsprofil von Icelandair passt. Da Icelandair selbst seine Flotte modernisiert und vermehrt auf effiziente Schmalrumpfflugzeuge für die Langstrecke setzt, bietet die Übernahme der operativen Kontrolle über diese Maschinen eine synergetische Ergänzung zum bestehenden Flugzeugpark.

Die Rolle der Pensionsfonds und regulatorische Hürden

Die Verhandlungen über die 49-prozentige Beteiligung gestalten sich komplex, da die Eigentümerstruktur der Fly Play Europe durch isländische Pensionsfonds geprägt ist, die nach der Insolvenz der Muttergesellschaft an einer Sicherung ihrer Investitionen interessiert sind. Die Begrenzung auf 49 Prozent ist dabei kein Zufall: Um die Vorteile des maltesischen AOC und die damit verbundenen europäischen Verkehrsrechte zu wahren, muss die Mehrheit der Anteile und die effektive Kontrolle formal oft in Händen von EU-Ansässigen bleiben oder spezifischen rechtlichen Konstruktionen folgen, die den EU-Anforderungen entsprechen.

Sollte die Transaktion zustande kommen, müssten zudem die isländischen und maltesischen Luftfahrtbehörden grünes Licht geben. Dabei geht es vor allem um die Einhaltung von Sicherheitsstandards und die Sicherstellung, dass die operative Führung der Gesellschaft den internationalen Vorschriften entspricht. Für Icelandair wäre es das erste Mal, dass der Konzern eine so enge operative Basis außerhalb Islands etabliert, was auch innerhalb des Unternehmens Anpassungen in der Verwaltung und im Personalmanagement erfordern wird.

Wettbewerbslage im Nordatlantik nach dem Play-Aus

Mit dem Wegfall von Play reduziert sich der Wettbewerbsdruck auf den Direktverbindungen von und nach Island spürbar. Dies gibt Icelandair die Möglichkeit, die Preise zu stabilisieren und die eigene Marktposition zu festigen. Die Expansion nach Malta zeigt jedoch, dass sich das Unternehmen nicht auf seinem Heimmarkt ausruhen will, sondern aktiv nach neuen Erlösquellen im Ausland sucht. Die Konsolidierung im isländischen Markt folgt einem globalen Trend, bei dem kleinere, unabhängige Low-Cost-Carrier zunehmend Schwierigkeiten haben, gegen etablierte Fluggesellschaften mit breiter gefächerten Geschäftsmodellen zu bestehen.

Die Geschichte von Play verdeutlicht einmal mehr die Volatilität des Billigflugsegments auf Langstreckenrouten. Trotz eines schlanken Kostenmanagements und einer modernen Flotte reichten die Margen nicht aus, um externe Schocks und den harten Preiskampf abzufedern. Icelandair hingegen nutzt seine jahrzehntelange Erfahrung und seine robuste Bilanz, um die verwertbaren Überreste des Wettbewerbers in die eigene Wachstumsstrategie zu integrieren.

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