ITA Airways prüft knapp drei Jahre nach der Verlegung ihrer letzten Langstreckenverbindung vom Flughafen Mailand-Malpensa eine operative Rückkehr an das norditalienische Drehkreuz.
Auslöser für die Streckenevaluierung zum internationalen Flughafen Jorge Chávez in der peruanischen Hauptstadt Lima sind Ausbauabsichten der in Dubai ansässigen Emirates. Die Fluggesellschaft aus den Vereinigten Arabischen Emiraten strebt die Erteilung von sogenannten Fünften-Freiheit-Rechten (Fifth-Freedom-Rights) an, um Mailand-Malpensa als Zwischenstopp auf Flügen zwischen Dubai und Peru in ihr Streckennetz einzubinden. Um diesen verkehrsrechtlichen Antrag zu durchkreuzen und den heimischen Passagiermarkt zu schützen, plant ITA Airways eine Direktverbindung zwischen Italien und Südamerika. Vorgesehen ist ein Umlaufschema über die Knotenpunkte Rom-Fiumicino und Mailand-Malpensa nach Lima unter Einsatz von Großraumflugzeugen des Typs Airbus A350.
Streckennetzplanung und die Mechanik des W-förmigen Flugumlaufs
Die operative Struktur der geplanten Südamerika-Verbindung basiert auf einem komplexen Rotationsmuster. Da ITA Airways seit der Einstellung der New-York-Verbindung ab Malpensa im Januar 2024 über keine stationierten Langstreckenflugzeuge oder eigenen Besatzungsbasen am Mailänder Großflughafen verfügt, soll die Route über ein sogenanntes W-Schema bedient werden. Das in Rom-Fiumicino stationierte Fluggerät würde dabei die Abfolge Rom – Lima – Mailand-Malpensa – Lima – Rom absolvieren. Dieser Umlauf ermöglicht es der Airline, sowohl die Hauptstadt Rom als auch die Wirtschaftsmetropole Mailand zwei- bis dreimal wöchentlich mit der peruanischen Hauptstadt zu verbinden, ohne in Malpensa eine kostenintensive stationäre Basis einrichten zu müssen.
ITA-Vorstandschef Jörg Eberhart betonte in einer Stellungnahme die verkehrspolitische Zielsetzung dieser Initiativen. Als nationale Fluggesellschaft Italiens liege der Fokus darauf, die regionalen Transportbedürfnisse abzudecken und über die Netzsentwicklung zur Wettbewerbsfähigkeit des italienischen Luftverkehrssystems beizutragen. Die Beantragung von Streckenrechten durch ausländische Mitbewerber auf europäisch-südamerikanischen Relationen stößt in der italienischen Luftfahrtbranche auf spürbaren Widerstand. Neben ITA Airways hat sich auch die italienische Ferienfluggesellschaft Neos an die Zivilluftfahrtbehörde ENAC gewandt, um Bedenken gegen die Erteilung der Streckenrechte an Emirates vorzubringen.
Marktpotenzial und Passagiervolumina im Verkehr zwischen Italien und Peru
Das Passagieraufkommen zwischen Norditalien und Peru weist im Branchenvergleich eine kontinuierliche Grundnachfrage auf. Nach Analysen von Luftverkehrsdaten nutzen derzeit rund 189.000 Passagiere pro Jahr Umsteigeverbindungen auf der Relation zwischen Mailand und Lima. Bei einem kalkulatorischen Betrieb von fünf wöchentlichen Umläufen pro Richtung entspräche dies einer durchschnittlichen Auslastung von 363 Fluggästen pro Flugbewegung. Emirates strebt auf dieser Strecke einen täglichen Flugdienst an.
Auch ab der Hauptstadt Rom zeigt der Markt ein stabiles Potenzial. Mit rund 62.000 Jahrespassagieren errechnet sich bei einer angenommenen Fracht- und Flugfrequenz von drei wöchentlichen Verbindungen eine durchschnittliche Auslastung von rund 200 Passagieren pro Flug. Während das Volumen in Rom hinter dem Mailänder Niveau zurückbleibt, reicht die Kombination beider Einzugsgebiete über den geplanten W-Umlauf aus, um den Einsatz eines Großraumflugzeugs des Typs Airbus A350 wirtschaftlich abzusichern.
Historische Verschiebung der Mailänder Drehkreuze zwischen Linate und Malpensa
Die Präferenz von ITA Airways sowie ihrer Vorgängergesellschaft Alitalia lag in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend auf dem stadtnnahen Flughafen Mailand-Linate. Linate fungiert aufgrund seiner Lage als primärer Flughafen für den lukrativen Geschäftsreiseverkehr nach Rom sowie zu europäischen Metropolen. Historische Auswertungen des Luftfahrtanalysten Cirium belegen, dass Alitalia letztmals im Jahr 2008 mehr Flugbewegungen in Malpensa als in Linate durchführte, als 24.343 Flügen in Malpensa 18.739 Flüge in Linate gegenüberstanden.
Der Höchststand von Alitalia am Flughafen Malpensa wurde im Jahr 2006 mit 62.243 Flugbewegungen erreicht, bevor im Zuge von Restrukturierungen eine Verlagerung des Verkehrsangebots nach Linate und Rom-Fiumicino einsetzte. Im Jahr 2009 brach das Angebot in Malpensa auf 5.167 Flüge ein, während Linate auf 20.132 Verbindungen zulegte. Nach einem kurzzeitigen Anstieg auf 9.181 Flüge im Jahr 2019 führten die Einschränkungen der Corona-Pandemie zu einem nahezu vollständigen Rückzug der staatlichen Airline aus Malpensa. Die nun diskutierte Wiederaufnahme von Langstrecken zeigt, dass die Kapazitätsgrenzen in Linate und der Druck internationaler Mitbewerber die Fluggesellschaft zu einer erneuten Diversifizierung ihrer Standorte im Raum Mailand veranlassen.
Verkehrsrechtliche Hürden und Rolle der Luftfahrtbehörde ENAC
Die Entscheidung über die Bedienung der Strecke Mailand–Lima liegt bei der italienischen Zivilluftfahrtbehörde ENAC. Die Vergabe von Fünften-Freiheit-Rechten an Fluggesellschaften aus Drittstaaten ist im internationalen Luftrecht an strenge Bedingungen geknüpft. Solche Rechte gestatten es einer Airline wie Emirates, Passagiere und Fracht zwischen zwei Staaten aufzunehmen und zu befördern, die nicht der Heimatstaat der Fluggesellschaft sind – in diesem Fall zwischen Italien und Peru als Verlängerung der Verbindung aus Dubai. Emirates nutzt ein solches Recht im italienischen Markt bereits auf der Verbindung von Mailand-Malpensa zum New Yorker Flughafen John F. Kennedy.
Die Gewährung weiterer Rechte dieser Art wird von europäischen Airlines kritisch gesehen, da sie einen Intensivierungsdruck auf Heimatmärkten erzeugt. Sollte ITA Airways bei der ENAC nachweisen, dass der Bedarf auf der Strecke durch europäische Luftfahrtunternehmen abgedeckt werden kann, sinkt die Wahrscheinlichkeit für die Erteilung der Ausnahmegenehmigung an den Golf-Carrier. Die behördliche Entscheidung wird in den kommenden Monaten erwartet.