Entry/Exit System (EES) in Salzburg (Foto: Salzburg Airport Presse).
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Krise an den EU-Außengrenzen: Luftfahrtverbände fordern sofortige Aussetzung des neuen Ein- und Ausreisesystems

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Die Einführung des neuen elektronischen Ein- und Ausreisesystems, bekannt unter der Abkürzung EES, an den Außengrenzen des Schengen-Raums führt zu erheblichen Spannungen zwischen der europäischen Luftfahrtbranche und der Europäischen Kommission.

In einem gemeinsamen offenen Brief an die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnen die maßgeblichen Dachverbände Airlines for Europe, ACI Europe und die International Air Transport Association vor gravierenden Beeinträchtigungen des Flughafenbetriebs während der sommerlichen Hauptreisezeit. Seit der vollständigen Implementierung des Systems im April dieses Jahres berichten Passagiere und Betreiber von Wartezeiten von bis zu fünf Stunden an den Grenzkontrollen. Während die Branchenverbände eine sofortige temporäre Flexibilisierung und den vorübergehenden Rückzug zu den herkömmlichen manuellen Kontrollverfahren fordern, weist die Europäische Kommission die Verantwortung von sich und macht die dichten Flugpläne der Fluggesellschaften für die Verzögerungen verantwortlich. Die Auseinandersetzung berührt fundamentale Fragen der Grenzsicherheit und der Leistungsfähigkeit der europäischen Verkehrsinfrastruktur.

Einführung und operative Auswirkungen des neuen Kontrollsystems

Das Ein- und Ausreisesystem wurde mit dem Ziel entwickelt, die Sicherheit an den Außengrenzen der Europäischen Union zu erhöhen und die Erfassung von Drittstaatsangehörigen durch die Digitalisierung von biometrischen Daten wie Gesichtsscans und Fingerabdrücken zu automatisieren. Nach mehrfachen Verschiebungen trat das System im April in Kraft. Die praktische Umsetzung im realen Betrieb offenbart jedoch erhebliche Defizite. Nach Berichten der Luftfahrtverbände führt die lückenlose Registrierung der Reisenden zu einer Verlangsamung der Abfertigungsprozesse. An zahlreichen europäischen Flughäfen bilden sich seither regelmäßige Warteschlangen, die in Stoßzeiten ein Ausmaß von mehreren Stunden annehmen.

Diese Verzögerungen haben direkte Konsequenzen für den gesamten Luftverkehr. Fluggesellschaften berichten von einer zunehmenden Zahl verspäteter Abflüge, da Passagiere die Grenzkontrollen nicht rechtzeitig passieren können. Dies führt im europäischen Luftraum, der ohnehin durch Kapazitätsengpässe in der Flugsicherung belastet ist, zu Kettenreaktionen im gesamten Flugplan. Zudem verpassen Reisende in großer Zahl ihre Anschlussflüge an den großen Drehkreuzen. Das Flughafenpersonal ist einer dauerhaften Mehrbelastung ausgesetzt, während Passagiere, darunter Familien und mobilitätseingeschränkte Personen, mit unzureichenden Wartebedingungen in den Terminalgebäuden konfrontiert sind.

Der Konflikt um die Ursachen von Verzögerungen im Luftverkehr

Zwischen der Industrie und den Brüsseler Behörden hat sich ein tiefer Riss über die Kausalität der Krise gebildet. Die Europäische Kommission vertritt den Standpunkt, dass das System technisch einwandfrei funktioniere. Ein Sprecher der Kommission betonte Ende Juni, dass die langen Wartezeiten primär auf strukturelle Faktoren des Flugbetriebs zurückzuführen seien. Insbesondere die Konzentration von Ankünften und Abflügen in bestimmten, stark frequentierten Zeitfenstern wurde als Hauptursache genannt. Die Flugplanung der Fluggesellschaften sei demnach nicht ausreichend an die neuen Gegebenheiten angepasst worden.

Die Luftfahrtverbände weisen diese Argumentation entschieden zurück. Sie betonen, dass Flugpläne mit einem Vorlauf von bis zu einem Jahr koordiniert werden und sich an den Verkehrsbedürfnissen der Passagiere orientieren müssen. Die Verkehrsspitzen in den Sommermonaten seien seit langem bekannt und dürften für die Behörden keine Überraschung darstellen. Der Erfolg eines solchen Kontrollsystems dürfe nicht allein an der theoretischen IT-Funktionalität gemessen werden, sondern müsse sich an der Praxistauglichkeit unter realen Bedingungen orientieren. Die Verbände werfen der Kommission eine unrealistische Einschätzung der Lage vor.

Infrastrukturelle Defizite und Forderungen an die europäische Politik

Ein Kernproblem der aktuellen Misere liegt in der unvollständigen technischen und personellen Ausstattung der Grenzübergänge in vielen Mitgliedstaaten. Obwohl die Regierungen monatelang Zeit hatten, die notwendige Infrastruktur aufzubauen, mangelt es flächendeckend an voll funktionsfähigen Selbstbedienungskiosken und automatisierten Grenzkontrolltoren, den sogenannten ABC-Gates. Zudem ist die zentrale EES-Plattform der Europäischen Union in der Vergangenheit wiederholt durch mangelnde Stabilität aufgefallen, was zu temporären Totalausfällen der Registrierungssysteme führte. Auch die geplante mobile App zur Vorregistrierung der Reisedaten ist noch nicht in allen Schengen-Staaten einsatzbereit.

Angesichts des erwarteten Passagierplus von rund 40 Millionen Reisenden in den Monaten Juli und August fordern die Verbände von der Politik ein sofortiges und pragmatisches Gegensteuern. Konkret verlangen sie, den Mitgliedstaaten die Erlaubnis zu erteilen, das EES-Verfahren präventiv immer dann auszusetzen, wenn das Passagieraufkommen die Kapazitäten der Grenzkontrollstellen übersteigt. In diesen Fällen soll vorübergehend zum alten System inklusive der manuellen Passabstempelung zurückgekehrt werden. Bisher genutzte Ausnahmeregelungen, die das Aussetzen der Biometrieerfassung bis Anfang September erlaubten, reichten nicht aus, um den Verkehrsfluss zu sichern. Langfristig wird die Einrichtung eines permanenten Flexibilitätsmechanismus gefordert, der so lange greifen soll, bis die strukturellen Mängel bei Personal und Hardware behoben sind.

Wirtschaftliche Implikationen für den europäischen Tourismussektor

Die Problematik beschränkt sich nicht nur auf die großen internationalen Drehkreuze wie Frankfurt, Paris oder Amsterdam. Auch kleinere Regionalflughäfen, die primär touristische Destinationen in Südeuropa bedienen, melden erhebliche Engpässe. Aufgrund begrenzter Raumkapazitäten in den Terminals mussten Passagiere bereits auf den ungeschützten Vorfeldern der Flughäfen warten. Fluggesellschaften sehen sich zudem mit dem Dilemma konfrontiert, Flüge mit halbleeren Kabinen durchführen zu müssen, weil die gebuchten Passagiere in den Warteschlangen der Passkontrolle festsitzen, während das Zeitfenster für den Abflug abläuft.

Branchenexperten warnen vor den langfristigen Folgen für den Wirtschaftsstandort Europa. Erste Berichte deuten darauf hin, dass internationale Reisende, insbesondere aus Nordamerika und Asien, ihre Reisepläne nach Europa aufgrund der Berichte über das Chaos an den Grenzen überdenken. Dies könnte den europäischen Tourismussektor, der ein wichtiger Pfeiler der Wirtschaftsleistung vieler Mitgliedstaaten ist, spürbar treffen. Die Luftfahrtbranche warnt eindringlich davor, dass der Ruf Europas als effizientes und einladendes Reiseziel durch das starre Festhalten an einem unzureichend vorbereiteten System nachhaltig beschädigt wird. Sicherheit und ein flüssiger Reiseverkehr müssten als komplementäre Ziele verstanden werden, die nur durch ein praxisnahes Grenzmanagement zu erreichen sind.

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