Das Odeon des Herodes Atticus, eines der ikonischsten und meistgenutzten antiken Theater Griechenlands, wird nach dem Ende der aktuellen Kultursaison für rund drei Jahre seine Pforten schließen. Das griechische Kulturministerium hat umfassende Restaurierungsarbeiten angekündigt, die ab Mitte Oktober beginnen und voraussichtlich bis zum Jahr 2028 andauern werden.
Diese dreijährige Zwangspause ist notwendig, um das fast 1900 Jahre alte Bauwerk vor dem fortschreitenden Verfall zu bewahren. Das Herodion, wie es in Griechenland genannt wird, ist nicht nur eine bedeutende architektonische Sehenswürdigkeit am Fuß des Akropolishügels in Athen, sondern auch die zentrale Spielstätte des renommierten Athen- und Epidauros-Festivals. Die Schließung markiert einen schweren, wenn auch vorübergehenden Verlust für das kulturelle Leben Athens und den internationalen Tourismus.
Der Zahn der Zeit nagt am antiken Erbe
Die Notwendigkeit der umfassenden Sanierung des Odeons ergibt sich aus einer Reihe von Schäden, die sich über Jahrhunderte und insbesondere in den letzten Jahrzehnten angesammelt haben. Experten des Kulturministeriums und der Nationalen Technischen Universität Athen haben festgestellt, dass das Bauwerk unter Abnutzung, Rissbildungen, Materialverlusten und der Zerstörung durch Mikroorganismen leidet. Darüber hinaus hat Feuchtigkeit dem antiken Mauerwerk und den Marmorstrukturen zugesetzt. Besondere Aufmerksamkeit gilt auch den Folgen früherer Reparaturen. Das Odeon wurde zwar bereits in den Jahren 1952 und 1953 umfassend restauriert, um es für den Theaterbetrieb wieder nutzbar zu machen, doch haben die dabei angewandten Methoden und Materialien den Test der Zeit an einigen Stellen nicht bestanden und erfordern nun eine Korrektur.
Das Odeon, das 161 nach Christus von dem wohlhabenden athenisch-römischen Magnaten Herodes Atticus zum Gedenken an seine verstorbene Frau Regilla gestiftet wurde, war ursprünglich mit einem großen Zedernholzdach versehen. Nach seiner teilweisen Zerstörung durch den germanischen Stamm der Heruler im Jahr 267 nach Christus wurde das Dach jedoch nie wieder aufgebaut. Das Bauwerk, das in seiner Blütezeit bis zu 5000 Zuschauer fasste, besteht aus 32 steil ansteigenden Marmorsitzreihen und einer dreigeschossigen Steinfassade.
Umfangreiche Maßnahmen zur Bestandssicherung
Die nun anstehenden Restaurierungsarbeiten sind weit mehr als kosmetische Maßnahmen. Sie zielen darauf ab, die Standfestigkeit des gesamten Bauwerks langfristig zu sichern und seine historische Substanz zu erhalten. Zu den vorgesehenen Arbeiten, die von einem spezialisierten Team durchgeführt werden, gehören:
- Stabilisierung des südlichen Bühnenwalls: Ein kritischer Bereich, dessen Standfestigkeit überprüft und verbessert werden muss.
- Sicherung der antiken Marmortribünen: Die steil ansteigenden Sitzreihen aus Marmor, die das Herzstück des Zuschauerraums bilden, werden gesichert.
- Freilegung verborgener Mosaikböden: Im Zuge der Arbeiten sollen auch bislang verborgene archäologische Elemente wie Mosaikböden freigelegt und konserviert werden.
- Verbesserung der Infrastruktur: Auch die Backstage-Räume und die technische Ausstattung des Theaters sollen modernisiert werden, um den Anforderungen moderner Kulturproduktionen gerecht zu werden, ohne dabei die architektonische Integrität zu beeinträchtigen.
Die Leiterin der Abteilung für klassische Altertümer im Kulturministerium, Elena Koundouri, betonte in einem Interview mit der Athener Sonntagzeitung „To Vima“, dass es darum gehe, „das Denkmal zu erhalten und es für das Publikum zu verbessern“. Die sorgfältige Restaurierung – definiert als die Bewahrung und Erschließung der historischen und künstlerischen Werte eines gealterten Werkes – steht dabei im Vordergrund, wobei Schäden behutsam beseitigt und die Maßnahmen auf die gefährdeten Teile beschränkt werden sollen.
Auswirkungen auf das kulturelle Leben Athens
Das Odeon des Herodes Atticus ist seit seiner Wiedernutzung in den 1930er Jahren und insbesondere seit der Restaurierung Mitte der 1950er Jahre der wichtigste Veranstaltungsort für hochkarätige Musik-, Tanz- und Theateraufführungen in Athen. Es ist die Hauptspielstätte des Athen- und Epidauros-Festivals, das seit 1955 internationale Berühmtheit genießt. Hier traten Legenden wie die Operndiva Maria Callas, der Sänger Frank Sinatra, die Berliner Philharmoniker, Sting und der Tenor Andrea Bocelli auf. Die einzigartige Akustik des Freilufttheaters und die magische Atmosphäre am Fuße der Akropolis machen jede Vorstellung zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Die dreijährige Schließung stellt die Veranstalter des Athen- und Epidauros-Festivals vor eine logistische Herausforderung. Sie müssen für die kommenden Spielzeiten Ausweichorte finden, welche die Qualität und den historischen Rahmen des Odeons zumindest teilweise ersetzen können. Glücklicherweise verfügt das Festival über weitere etablierte Spielstätten. Dazu gehören das Antike Theater von Epidauros auf dem Peloponnes, das für klassische Dramen genutzt wird, und die modernen Spielorte in Peiraios 260, einem ehemaligen Industriekomplex im Stadtteil Tavros, sowie die Räumlichkeiten des Athener Konservatoriums (Megaro Mousikis). Obwohl das Theater im Megaro Mousikis mancherorts als akustisch besser gilt, wurde das baulich offene Odeon im Sommer stets wegen seiner unvergleichlichen Atmosphäre vorgezogen.
Die letzte Vorstellung vor der Schließung ist für den 16. Oktober geplant, ein Konzert der griechischen Komponistin Evanthia Reboutsika mit einem Sinfonieorchester aus Istanbul. Dieser Termin markiert das vorläufige Ende einer Ära und den Beginn der dringend notwendigen Arbeiten an einem der bedeutendsten Kulturgüter Griechenlands. Die griechische Regierung setzt mit diesem Projekt ihre Bemühungen zur Erhaltung antiker Stätten fort, zu denen auch die laufenden Modernisierungen an der archäologischen Stätte im antiken Korinth gehören. Die Eröffnung des Odeons im Jahr 2028 wird von Kulturliebhabern weltweit mit Spannung erwartet.
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