Die deutsche Luftfahrtindustrie steht vor dem nächsten großen Tarifkonflikt: Die Gewerkschaft Verdi hat offiziell ihre Forderungen für die anstehende Verhandlungsrunde für die mehr als 20.000 Beschäftigten des Lufthansa-Bodenpersonals präsentiert. Die Hauptforderungen umfassen eine Lohnsteigerung von sechs Prozent oder alternativ mindestens 250 Euro mehr Monatsgehalt.
Angesichts des anhaltenden Kostendrucks und des laufenden Restrukturierungsprogramms „Turnaround“ bei der Lufthansa zeichnet sich eine konfliktreiche Auseinandersetzung ab. Der Tarifstreit betrifft Beschäftigte in rund 25 Betrieben der Kernmarken Lufthansa Airlines, Lufthansa Technik und Lufthansa Cargo. Die Gewerkschaft untermauert ihre Forderungen nicht nur mit Verweisen auf gestiegene Lebenshaltungskosten, sondern auch mit der Notwendigkeit, niedrigere Gehälter in technischen Bereichen im Vergleich zur Konkurrenz zu korrigieren.
Schutz des Personals gegen Ausgliederung und Lohnsenkungen
Über die reinen Lohnforderungen hinaus setzt Verdi einen klaren Fokus auf den Schutz vor Stellenabbau und der Ausgliederung von Aufgaben in Tochterfirmen, die mit niedrigeren Tarifverträgen operieren. Verhandlungsführer Marvin Reschinsky betonte, dass die Gewerkschaft einen Ausgliederungsschutz durchsetzen wolle, um die negativen Auswirkungen des konzernweiten Sparprogramms „Turnaround“ abzufedern.
Ein konkreter Brennpunkt ist das Drehkreuz München, wo die Beschäftigten der Passagierabfertigung in eine neue, von Lufthansa übernommene Gesellschaft mit Tarifen, die 20 Prozent unter dem bisherigen Niveau liegen, wechseln sollten. Christiane Mindermann, die in diesem Bereich in München tätig ist, beschrieb die daraus resultierende Belastung der Stimmung und die Existenzängste der Mitarbeiter, die befürchten, sich die hohen Mieten im Raum München nicht mehr leisten zu können. Diese Forderung zielt darauf ab, das Prinzip der gleichen Bezahlung für gleiche Arbeit innerhalb des Konzerns zu wahren und einen Verdrängungswettbewerb nach unten zu verhindern.
Erfahrung aus dem konfliktreichen Vorjahr
Die anstehenden Verhandlungen werden von den turbulenten Ereignissen der letzten Tarifrunde überschattet. Damals konnte eine Einigung für das Bodenpersonal erst nach einer langen Schlichtung erzielt werden. Zuvor hatten mehrere Streiktage Anfang des Jahres 2024 zu massiven Flugausfällen und erhebliche finanzielle Belastungen für die Lufthansa geführt. Die Gewerkschaft sieht diese Streiks jedoch auch als erfolgreiches Mittel, um nach der Corona-Pandemie die Personalengpässe durch attraktivere Arbeitsbedingungen und Gehälter zu beheben.
Mit Blick auf die kommende Runde signalisierte der Gewerkschafter Reschinsky die Hoffnung auf eine Lösung ohne erneuten Arbeitskampf: „Wir werden unser Nötiges dazu tun, dass es diesmal hoffentlich auch ohne Arbeitskampfmaßnahmen geht.“ Er fügte jedoch mahnend hinzu, die Lufthansa sei gut beraten, einen anderen Verhandlungsstil zu pflegen als in der konfliktreichen letzten Runde und weiter in Personal für einen stabilen Flugbetrieb zu investieren. Die Friedenspflicht, die Warnstreiks ausschließt, läuft Mitte Februar 2026 aus. Die erste Verhandlungsrunde ist für den 19. Januar 2026 angesetzt.
Verhärtete Fronten auch bei den Piloten
Parallel zum drohenden Konflikt mit Verdi bleibt der Tarifstreit mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) weiterhin festgefahren. Hier geht es um die Forderung der VC nach höheren Beiträgen der Lufthansa zur betrieblichen Altersvorsorge (bAV) für die rund 4800 Cockpit-Beschäftigten.
Interne Rundschreiben der Tarifkommission der VC belegen, dass die Lufthansa bisher kein Angebot zur bAV vorgelegt hat. Lufthansa-Chef Jens Ritter hatte die VC stattdessen aufgefordert, ihre Forderung zurückzunehmen. Im Gegenzug stellte er in Aussicht, die Kurzstreckenflotte nicht weiter zu verkleinern. Die VC lehnte diesen Vorschlag jedoch ab und erklärte, ähnliche Zusagen seien in der Vergangenheit nicht eingehalten worden.
Die VC bleibt in dieser Sache hart: „In dieser Situation braucht sich die Lufthansa aber auch nicht zu beschweren, wenn wir für die Durchsetzung unserer Interessen zur bAV streiken.“ Die Pilotengewerkschaft verfügt seit einer Urabstimmung Ende September über die Möglichkeit, jederzeit zum Streik aufzurufen, was die Drohkulisse für das gesamte Unternehmen zusätzlich verschärft.
Herausforderungen für die gesamte Lufthansa-Gruppe
Die Lufthansa-Gruppe, die in den letzten Quartalen eine starke Erholung der Passagierzahlen und des Geschäftsbetriebs verzeichnen konnte, sieht sich nun mit massiven Forderungen an zwei zentralen Verhandlungsfronten konfrontiert. Das Management muss einen schwierigen Spagat meistern: Einerseits muss es die Lohnforderungen erfüllen, um die Motivation und die Verfügbarkeit des Personals zu sichern, insbesondere vor dem Hintergrund anhaltender Personalengpässe in Schlüsselbereichen. Andererseits steht der Konzern unter dem Druck der Aktionäre und der Finanzmärkte, die die Fortsetzung des Kostensenkungsprogramms und die Einhaltung der Margenziele erwarten.
Der interne Konflikt um die Ausgliederung in niedriger tarifierte Gesellschaften ist ein Spiegelbild der anhaltenden Anstrengungen des Managements, die Kostenstrukturen zu flexibilisieren und zu optimieren. Solche Strategien, wie sie auch bei anderen großen europäischen Carriern zu beobachten sind, führen jedoch regelmäßig zu erbitterten Widerständen der Gewerkschaften, die eine Zersplitterung der Belegschaft und eine Schwächung der Tarifmacht befürchten.
Die Verhandlungen mit Verdi und VC werden somit zu einem entscheidenden Test für die Fähigkeit der Lufthansa-Führung, eine Balance zwischen Kosteneffizienz und der Sicherung des Betriebsfriedens zu finden. Wiederholte Streiks, insbesondere beim Bodenpersonal und in der Kabine, hatten in der Vergangenheit nicht nur zu erheblichen Reputationsschäden geführt, sondern auch die operative Stabilität des wichtigen deutschen Luftverkehrsdrehkreuzes beeinträchtigt. Eine Eskalation an beiden Fronten könnte die weitere Erholung und die ambitionierten Wachstumspläne der Lufthansa signifikant gefährden. Die Branche blickt gespannt auf die Verhandlungen im Januar und Februar.