Die senegalesische Nationalfluggesellschaft Air Sénégal steht an einem kritischen Punkt ihrer Entwicklung. Während das Unternehmen eine forcierte Flottenerweiterung und die Stärkung seiner regionalen Routen in Westafrika ankündigt, wird seine operative Stabilität von anhaltenden Herausforderungen in der Flottenverwaltung und dem Bekanntwerden massiver Unregelmäßigkeiten bei der Ticketausgabe überschattet.
Die Strategie des Unternehmens sieht die kurzfristige Ergänzung von drei Flugzeugen vor, darunter ein dritter Airbus A320-200, um der wachsenden innerafrikanischen Nachfrage gerecht zu werden. Parallel dazu muss sich die Airline mit den Ergebnissen einer internen Revision auseinandersetzen, die weitreichende finanzielle Verluste durch systematischen Ticketbetrug aufdeckte, und mit technischen sowie personellen Problemen bei der Einführung neuer Turboprop-Flugzeuge kämpfen.
Expansion durch Leasing: Der Airbus A320-Schwerpunkt
Air Sénégal setzt bei ihrer sofortigen Kapazitätserweiterung auf die bewährte Strategie des Wet-Lease (ACMI-Vereinbarung: Flugzeug, Besatzung, Wartung und Versicherung), um schnell auf die steigende Nachfrage reagieren zu können. Die geplante Ankunft eines dritten Airbus A320-200 am 10. Oktober soll die beiden bereits von der litauischen Fluggesellschaft GetJet Airlines geleasten A320 ergänzen. Diese Flugzeuge sind entscheidend, um das regionale Netzwerk zu verdichten und die Verbindungen innerhalb Westafrikas sowie auf mittelstreckigen internationalen Routen zu festigen.
Die schnelle Einbindung von Leasingflugzeugen ist für Air Sénégal ein wiederkehrendes Muster. Sie ermöglicht der relativ jungen Fluggesellschaft, ihre Kapazitäten flexibel anzupassen, ohne sofortige, hohe Investitionen in eigene Flugzeuge tätigen zu müssen. Dies ist besonders relevant vor dem Hintergrund früherer Schwierigkeiten, eigene Flugzeuge zu betreiben. In der Vergangenheit hatte Air Sénégal bereits Transatlantikflüge in die Vereinigten Staaten auf Wet-Lease-Basis geplant und betrieben sowie ihren Langstreckenbetrieb nach Paris zeitweise mit geleasten Boeing 777 aufrechterhalten. Die jüngste Leasing-Erweiterung unterstreicht das strategische Ziel, die operative Zuverlässigkeit zu erhöhen und die Marktpräsenz in der Region zu sichern.
Herausforderungen in der Flottenverwaltung
Trotz der kurzfristigen Verstärkung durch den geleasten Airbus A320 zeigt die Bilanz der Fluggesellschaft erhebliche Probleme im Management der eigenen Flotte, insbesondere im Bereich der kleineren Turboprop-Flugzeuge, die für Inlandsflüge konzipiert sind.
Zum einen soll die ATR 72-600 mit dem Kennzeichen 6V-ASN, die sich im Besitz des Unternehmens befindet, Mitte Oktober wieder in Dienst gestellt werden, nachdem sie seit März 2024 im mauretanischen Nouakchott abgestellt war. Die Reaktivierung dieses achtjährigen Flugzeugs ist Teil der Bemühungen, den Inlandsflugbetrieb zu verstärken.
Zum anderen gibt es anhaltende Verzögerungen und Schwierigkeiten bei der Einführung des tschechischen Let 410NG-Turboprops. Air Sénégal plant, bis Ende 2025 ein drittes Flugzeug dieses Typs zur Erhöhung der Frequenzen auf inländischen Strecken zu übernehmen. Das Problem liegt in der bereits erfolgten Beschaffung von fünf Let 410NG-Maschinen. Diese Flugzeuge sind, wie berichtet, aufgrund eines Mangels an geschultem Personal und technischer Probleme bisher nicht kommerziell geflogen. Zwei der bereits gelieferten Maschinen sind seit März 2024 auf dem Flughafen Dakar Blaise Diagne International abgestellt und warten auf ihren Einsatz. Diese Verzögerung bei einem Flugzeugtyp, der für die Erschließung des Inlandsnetzes von zentraler Bedeutung ist, stellt ein Hindernis für die angestrebte Stärkung der inländischen Konnektivität dar.
Diese operativen Schwierigkeiten kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Fluggesellschaft auch mit finanziellen Forderungen von Leasinggebern konfrontiert ist. Beispielsweise hat das Leasingunternehmen Carlyle Aviation Partners öffentlich Forderungen wegen ausstehender Mietzahlungen in Millionenhöhe erhoben und im Juni 2025 sogar Klage eingereicht, um die sofortige Rückgabe von vier geleasten Flugzeugen, darunter Airbus A319 und A321, zu erwirken. Solche Streitigkeiten belasten die finanzielle Situation und die Reputation der Fluggesellschaft im internationalen Luftverkehrsmarkt.
Interne Finanzkontrolle und Ticketing-Affäre
Die Flottenprobleme werden zusätzlich durch interne finanzielle Missstände verschärft. Eine interne Revision bei Air Sénégal hat gravierende Unregelmäßigkeiten bei der Ticketausgabe und Einnahmenerfassung aufgedeckt, die sich über den Zeitraum von Januar bis September 2024 erstrecken. Der Bericht, über den die lokale Presse berichtete, zieht 18 Mitarbeiter in die Verantwortung.
Die festgestellten Praktiken umfassen die manuelle Manipulation von Buchungsdaten, das Nicht-Einkassieren von Vertragsstrafen und andere unzulässige Reservierungsabläufe. Der direkte Schaden allein im Jahr 2024 belief sich auf umgerechnet rund 34.350 US-Dollar, wobei 13 der beschuldigten Mitarbeiter einer Rückzahlung zustimmten. Die Ausweitung der Untersuchung auf die Jahre 2022 und 2023 erhöhte den Gesamtschaden auf schätzungsweise 72.000 US-Dollar.
Interne Ermittler vermuten, dass die Mitarbeiter von der vollständigen Digitalisierung des Vertriebssystems und der Anbindung an die Überwachungssoftware der Amadeus IT Group seit 2021 keine Kenntnis hatten. Diese technische Überwachung ermöglichte es, die systematischen Manipulationen aufzudecken, die darauf abzielten, Einnahmen am offiziellen System vorbeizuleiten. Die Unternehmensleitung wurde dringend aufgefordert, entschlossene Maßnahmen zur Beendigung dieser missbräuchlichen Praktiken und zur Verstärkung der Verkaufssicherheit zu ergreifen, um die finanzielle Integrität des Unternehmens wiederherzustellen. Die Notwendigkeit der strukturellen Neuordnung der Unternehmensführung wird auch dadurch unterstrichen, dass Air Sénégal in den letzten sieben Jahren bereits den fünften Generaldirektor ernannt hat, zuletzt Tidiane Ndiaye im August 2024.