Flughafen London-Heathrow (Foto: Jan Gruber).
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Millionengeschäft in der Luft: Die extreme Wertschöpfung der Start- und Landerechte in London-Heathrow

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Die weltweite Nachfrage nach Flugreisen wächst stetig, und Fluggesellschaften erweitern ihre Kapazitäten, um diesem Bedarf gerecht zu werden. Gleichzeitig stossen viele der weltweit wichtigsten Flughäfen an ihre physischen und regulatorischen Grenzen. Dies führt dazu, daß Start- und Landerechte, die sogenannten Slots, zu einigen der wertvollsten Güter der gesamten Luftfahrtindustrie avancieren.

Nirgends wird dieser Trend so deutlich wie am Flughafen London-Heathrow, der als einer der meistfrequentierten und am stärksten kapazitätsbeschränkten Drehkreuze der Welt gilt. Die Verknappung der verfügbaren Zeitfenster hat die Preise in schwindelerregende Höhen getrieben, wobei einzelne Transaktionen Summen von bis zu 75 Millionen US-Dollar erreichten. Während eine geplante Kapazitätserweiterung durch eine dritte Startbahn die Hoffnung auf eine Entspannung des Marktes nährt, bleibt die grundlegende Frage, wie die neuen Kapazitäten verteilt werden, ein zentraler Streitpunkt.

Die Goldgrube am Londoner Himmel: Warum Start- und Landerechte so wertvoll sind

Ein Slot ist im Wesentlichen das Recht einer Fluggesellschaft, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Tag an einem Flughafen zu starten oder zu landen. Die Verwaltung dieser Rechte ist für die sichere und effiziente Steuerung des Flugverkehrs an belebten Flughäfen unerlässlich. London-Heathrow ist hier ein Paradebeispiel. Mit seiner strategischen Bedeutung als Tor zum globalen Flugnetz und seinem Zwei-Startbahn-System, das kaum Spielraum für zusätzliche Bewegungen bietet, ist der Flughafen ständig am Limit seiner Kapazität. Nach Angaben des Luftfahrtanalyseunternehmens IBA ist Heathrow auf etwa 10.500 wöchentliche Flugbewegungen beschränkt, was einem Durchschnitt von 40 bis 45 Starts und Landungen pro Stunde entspricht.

Die jüngste Analyse der IBA zeigt, daß das Angebot an verfügbaren Slots im Sommer 2025 lediglich etwa 90 Prozent der tatsächlichen Nachfrage deckt. Hierbei ist die Nachfrage jener Fluggesellschaften, die gar nicht erst versuchen, einen Slot über die offizielle Zuteilung zu erhalten, noch nicht einmal berücksichtigt, da sie die Chancen auf eine Zuweisung als zu gering einschätzen. Als Folge dieser extremen Marktknappheit werden nur sehr wenige Slots zur Wiedervergabe zurückgegeben. Der Flughafen operiert bereits bei 99 Prozent seiner maximalen Kapazität, was den sekundären Markt für Slots zu einem hart umkämpften Terrain macht. Fluggesellschaften sind bereit, Rekordsummen zu zahlen, um sich Zugang zu diesem lukrativen Markt zu sichern und sich einen strategischen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen.

Ein Blick auf die Transaktionen: Das 75-Millionen-Dollar-Geschäft und weitere spektakuläre Deals

Die extreme Wertigkeit der Slots in London-Heathrow zeigt sich eindrucksvoll in den spektakulären Transaktionen der letzten Jahre. Der bisher teuerste öffentlich bekanntgewordene Handel war der Erwerb eines Slot-Paares im Jahr 2016 durch Oman Air von Air France-KLM für 75 Millionen US-Dollar. Dieser Preis unterstreicht nicht nur die enorme finanzielle Dimension des Geschäfts, sondern auch die strategische Bedeutung, die der Erwerb eines Zugangs zum Drehkreuz London-Heathrow für eine Fluggesellschaft haben kann. Oman Air tätigte diese Investition im Rahmen ihrer 25-jährigen nationalen Tourismusstrategie, um internationale Ankünfte zu steigern und das Land als Reisedestination zu etablieren.

Die Übersicht über weitere namhafte Slot-Transaktionen verdeutlicht die Dynamik dieses Nischenmarktes: Im Jahr 2015 erwarb American Airlines von Scandinavian Airlines (SAS) ein Slot-Paar für 60 Millionen US-Dollar, gefolgt von einem weiteren Kauf im Jahr 2017, bei dem American Airlines für 75 Millionen US-Dollar gleich zwei Slot-Paare von SAS erwarb. Diese aggressiven Zukäufe des oneworld-Allianzmitglieds American Airlines zeigen den Willen, die Präsenz in Heathrow zu konsolidieren. Auch andere namhafte Fluggesellschaften wie Air New Zealand und United Airlines waren in ähnliche Transaktionen verwickelt. Die Preise variieren stark, was die Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren belegt. Der Kauf eines Slot-Paares durch KLM von Virgin Atlantic im Jahr 2022 für weniger als 20 Millionen US-Dollar und der Erwerb durch Qatar Airways von der rumänischen Tarom im Jahr 2024 für mehr als 20 Millionen US-Dollar spiegeln die Komplexität und die spezifischen Umstände jedes Deals wider.

Das komplizierte Rechenspiel: Was den Wert eines Slots bestimmt

Der Preis eines Slots ist nicht allein von der Knappheit an einem Flughafen abhängig. Wie William McClintock, Manager of Markets & Sustainability bei IBA, erklärt, wird der Wert eines Slots durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst, darunter das regulatorische Umfeld, die herrschenden Marktbedingungen und die zeitliche Komponente. Beispielsweise ist die Tageszeit des Slots von entscheidender Bedeutung: Ein Slot für eine Ankunft am frühen Morgen in Heathrow ist für Fluggesellschaften, die ihren Passagieren Anschlussflüge am Morgen anbieten wollen, von ungleich grösserem Wert als ein Slot in der Mitte des Tages.

Auch die Saisonalität spielt eine wesentliche Rolle. Slots für den Sommerflugplan, wenn die Nachfrage nach Freizeitreisen am höchsten ist, erzielen in der Regel höhere Preise als die im Winterflugplan. Letztlich hängt der Wert eines Slots davon ab, wie viel eine Fluggesellschaft bereit ist zu zahlen, um sich einen strategischen Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten zu sichern. Für Fluggesellschaften, die auf Wachstum oder die Verfolgung strategischer Ziele ausgerichtet sind, rechtfertigt der Preis für den Eintritt in einen der wichtigsten globalen Drehkreuze selbst auf Rekordniveau die Investition.

Die Debatte um die dritte Startbahn: Hoffnung und Streit um neue Kapazitäten

Angesichts der extremen Kapazitätsengpässe hat der Flughafen London-Heathrow einen Plan für eine dritte Startbahn-Erweiterung vorgelegt. Sollte dieser Vorschlag genehmigt werden, könnte der Flughafen seine derzeitige Kapazität nahezu verdoppeln, indem er jährlich bis zu 276.000 zusätzliche Flüge ermöglicht. Dies würde die Gesamtkapazität auf rund 756.000 Flugbewegungen pro Jahr erhöhen und die Möglichkeit schaffen, bis zu 150 Millionen Passagiere abzufertigen.

Doch selbst wenn die Startbahn gebaut würde, stellt sich die entscheidende Frage, wie die neuen Slots verteilt werden. Die Zuteilung würde unter dem bestehenden Rahmen der britischen Luftfahrtbehörde (UK Civil Aviation Authority) erfolgen, der das sogenannte Grandfathering-System anwendet. Dieses System, das Fluggesellschaften das Recht gibt, ihre Slots zu behalten, wenn sie diese zu mindestens 80 Prozent nutzen, wird von Kritikern als eine Massnahme angesehen, die dominante Fluggesellschaften wie British Airways bevorzugt und den Wettbewerb einschränkt. Ökonomen, wie etwa vom Cato Institute, schlagen als Alternative Slot-Auktionen vor. Sie argumentieren, daß Auktionen nicht nur Einnahmen für die Finanzierung der Erweiterung generieren könnten, sondern auch neuen Marktteilnehmern, wie etwa Billigfluggesellschaften, die Möglichkeit geben würden, in den Markt einzutreten und den Wettbewerb zu beleben. Die Entscheidung über die Erweiterung und insbesondere über die Art der Slot-Verteilung wird nicht nur die Zukunft von Heathrow bestimmen, sondern auch den gesamten Slot-Markt nachhaltig beeinflussen.

Der Markt für Start- und Landerechte in London-Heathrow ist ein faszinierendes Beispiel für die Dynamik, die entsteht, wenn Angebot und Nachfrage in einem extrem begrenzten Umfeld aufeinandertreffen. Die Rekordpreise spiegeln die strategische Bedeutung des Flughafens für Fluggesellschaften wider. Die geplante Kapazitätserweiterung könnte eine Lösung für die anhaltende Knappheit bieten, doch der Streit um die Verteilung der neuen Slots zeigt, daß die Debatte über Wettbewerb und Marktzugang noch lange nicht beendet ist. Die Art und Weise, wie die Luftfahrtbehörden dieses Dilemma lösen, wird bestimmen, ob die Preise für Slots weiterhin in schwindelerregende Höhen steigen oder ob der Markt für neue Akteure geöffnet wird. Die Zukunft des Flughafens als globales Drehkreuz steht in direktem Zusammenhang mit dieser Entscheidung.

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