Eine Ansichtskarte von Fruchtermann aus Konstantinopel 1903 (Foto: Ludwig, priv.).
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Wenn man heute verreist, beglückt man die Daheimgebliebenen mit Unmengen von Fotos via Whats App oder Instagramm. Personenbezogene Bilder sind dabei stark in der Überzahl, Landschaft interessiert kaum noch jemanden…

Noch vor einigen Jahrzehnten war die Ansichtskarte das Hauptkommunikationsmittel zwischen Reisenden und der Verwandtschaft oder Freunden. Heute ist ihre Zeit vorbei. Es gibt zwar noch einige zu kaufen, Marken dazu gibt es noch seltener.

Ansichtskarten waren für Verlage eine Goldgrube, für Touristenorte ein beliebtes Mittel der Selbstdarstellung und Werbung, für die Post eine willkommene Zusatzeinnahme und für die Touristen eine einfache Möglichkeit, mit wenigen, meist nichtssagenden Worten soziale Kontakte aufrecht zu halten und auch ein bisschen angeben zu können.

Die große Zeit der Ansichtskarten begann im 19. Jahrhundert, als mit dem Bahnbau auch der Tourismus boomte.

Kaum bekannt ist, dass einer der Pioniere der Ansichtskartenproduktion aus Österreich-Ungarn stammt: Max Fruchtermann (1852 in Lviv/Lemberg geboren) wanderte nach Konstantinopel aus und erkannte, dass es den Reisenden des Orient-Express und anderen Gästen ein großes Bedürfnis war, den Menschen zu Hause mitzuteilen, wo sie sich befanden und wie exklusiv der Aufenthalt in der Türkei für sie war. Ab 1890 verkaufte er massenweise selbst produzierte Ansichtskarten, die nicht gerade billig waren, aber egal, sein Geschäft lief prächtig. Als er 1918 starb, hinterließ er über 600.000 Karten, die er wegen des Krieges und fehlender Touristen nicht verkaufen konnte. Noch heute werden in Antiquariaten in Istanbul Reste aus seiner Sammlung angeboten.

Ein mehrere Kilo schweres „Erinnerungsbuch“ aus Florenz (um 1870?) (Foto: Ludwig, priv.).

Gehen wir noch ein paar Jahre zurück: Um 1850, in den Anfangszeiten der Fotografie, hatten sich vor allem in Italien findige Fotografen wie Carlo Naya oder Gioacchino Altobelli darauf spezialisiert, Fototafeln mit gefragten Motiven anzubieten. Die waren mit etwa 25 x 30 Zentimetern ziemlich unhandlich und mit auf heutige Kaufkraft gerechnet ca. 50€ recht teuer, verkauften sich aber dennoch gut. 

Wegen der langen Belichtungszeiten bis zu einigen Minuten wirkten die Bilder oft gestellt, da sich die Personen einige Zeit nicht bewegen durften.

Zuhause ließen sich die Reisenden die Fototafeln zu großen Fotobüchern binden.

Gioacchino Altobelli: Fischer am Tiber nahe Engelsburg, um 1860. (Foto: Städel Museum Frankfurt, mit frdl. Genehmigung)

Und noch einmal zurück, ins späte 18. Jahrhundert. Da reisten viele Menschen aus dem gehobenen Bürgertum und Adelige vor allem nach Italien, um ihre humanistische Bildung aufzufrischen. Auch sie wollten Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Zum Glück gab es an touristischen Hotspots in Italien, besonders in Rom, dutzende Maler, meist aus Deutschland, die ihre Bilder auf der Straße anboten. Natürlich übernahmen sie auch Aufträge oder man konnte sie tageweise oder wochenlang für einen Trip weiter in den Süden mieten.

Die bekanntesten waren Heinrich Wilhelm Tischbein oder Jakob Philipp Hackert.

Goethe, der von 1786 bis 1788 in Italien weilte, mietete auf Empfehlung Tischbeins den Maler Christoph Heinrich Kniep und reiste mit ihm bis nach Sizilien. Dieser fertigte nach Goethes Anweisungen dutzende akribisch genaue Impressionen von der Reise an. Allerdings war er nicht so geschäftstüchtig: Bei seinen Malerkollegen in Rom machte er sich nicht so beliebt, da er sich zu billig verkaufte und so die Preise drückte. Seine sehr langsame Arbeitsweise verursachte bei den Auftraggebern oft großen Unmut. Obwohl er durch die Bekanntschaft mit Goethe viele Folgeaufträge erhielt, starb Kniep in ärmlichen Umständen 1825 in Neapel.

Als die Fotografie aufkam, fühlten sich viele Straßenmaler in ihrer Existenz bedroht und forderten sogar ein Verbot der neuen Technik, einige wenige sattelten jedoch um.

Christoph Heinrich Kniep: Das Kolosseum in Rom, 1788 (Casa di Goethe, mit frdl. Genehmigung) Foto: E.Fontolan

Vielleicht ein Reiseanlass: Wer sich für die italienischen Zeichnungen von Christoph Heinrich Kniep interessiert, hat in der Casa di Goethe in Rom bis zum 11.1.2026 Gelegenheit, eine Retrospektive zu sehen (tägl. außer Montag). Dort gibt´s auch viele Informationen und Bilder zu Goethes italienischer Reise.

H.W. Tischbein: Goethe am Fenster seiner Wohnung am Corso in Rom. (Freies dt. Hochstift, Frankfurt, mit frdl. Genehmigung)

Dieser Beitrag wurde verfasst von: Mag. Wolfgang Ludwig.

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1 Comment

  • Jacques , 11. Oktober 2025 @ 22:25

    Interessanter Rückblick in eine vergangene Zeit, merci!

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