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Pilotengewerkschaft leitet Urabstimmung ein und bringt Lufthansa an den Rand eines Streiks

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Der Tarifkonflikt bei der Lufthansa hat sich vor dem Beginn der Herbst-Reisewelle dramatisch zugespitzt. Die Vereinigung Cockpit (VC), die mächtige Gewerkschaft der Piloten der Lufthansa-Kernmarken und der Frachttochter Lufthansa Cargo, hat eine Urabstimmung über einen möglichen Streik eingeleitet.

Diese Maßnahme gilt als letztes und schärfstes Schwert der Gewerkschaft und macht einen Arbeitskampf kaum noch vermeidbar. Passagiere, insbesondere jene, die zum Auftakt der hessischen Herbstferien am 3. Oktober abfliegen, könnten von Ausfällen und Verspätungen betroffen sein. Während die Verhandlungen über die betriebliche Altersversorgung festgefahren sind, offenbart der Konflikt einen tieferliegenden Graben: die strategische Neuausrichtung des Konzerns und der Widerstand der Gewerkschaften gegen die Gründung kostengünstigerer Flugbetriebe wie City Airlines und Discover.

Festgefahrene Verhandlungen: Der Kampf um die Betriebsrenten

Der unmittelbare Anlaß für die Zuspitzung des Konflikts ist die festgefahrene Situation bei den Verhandlungen über die betriebliche Altersversorgung der Piloten. Seit Mai fordert die Tarifkommission der VC eine Neuregelung. In einem bis 2017 gültigen Tarifvertrag hatte die Lufthansa die absolute Höhe der Rentenzahlungen garantiert. Nach einem Arbeitskampf im Jahr 2017, der 14 Streikwellen umfaßte, wurde das System umgestellt. Seitdem garantiert das Unternehmen lediglich die Höhe des Arbeitgeberbeitrags in die Pensionsfonds. Das Risiko, daß geringe Zinsen zu deutlich kleineren Renten führen, liegt seitdem allein bei den Piloten.

Nach Darstellung der Gewerkschaft haben sich die damaligen Renditeerwartungen von „ein bis zwei Prozent“ nicht erfüllt, was zu einer deutlichen Verschlechterung der Altersvorsorge geführt habe. Die VC fordert, daß die Arbeitgeberbeiträge auf neuen Berechnungsgrundlagen massiv steigen. In einer Beispielrechnung führt die Gewerkschaft aus, daß bei einem Grundgehalt von 10.000 Euro und 3.000 Euro Zulagen der monatliche Arbeitgeberbeitrag von aktuell rund 820 Euro um etwa 1.800 Euro steigen müsse – eine Verdreifachung. Dies würde eine zusätzliche jährliche Kostenbelastung von rund 100 Millionen Euro für die Lufthansa-Kernmarke bedeuten.

Das Unternehmen, das sich offiziell nicht zu den Verhandlungen äußert, soll diese Forderungen in sieben Verhandlungsrunden abgelehnt haben. Als Begründung führt das Management die wirtschaftliche Lage der Lufthansa-Kerngesellschaft an, die im vergangenen Jahr noch Verluste verzeichnete und ein Sanierungsprogramm durchläuft. Zwar ist der Gesamtkonzern profitabel, doch die Forderungen der VC gelten als kaum erfüllbar. Insbesondere auch im Hinblick auf niedrigere Tarifbedingungen, die bei anderen Flugbetrieben im Konzern gelten.

Der tiefere Konflikt: Wachstum kontra Tarifverträge

Hinter den Forderungen nach besserer Altersvorsorge verbirgt sich ein tieferliegender Konflikt, der seit Jahren schwelt. Das Management der Lufthansa-Gruppe um den Vorstandsvorsitzenden Carsten Spohr hat mit der Gründung neuer Flugbetriebe wie City Airlines und Discover eine klare Strategie verfolgt: Wachstum soll nur dort stattfinden, wo Geld verdient wird. Diese neuen Fluggesellschaften sollen zu kostengünstigeren Tarifbedingungen operieren als die Lufthansa-Kernmarke, die Lufthansa Cargo und die Regionaltochter Lufthansa Cityline.

Spohr hat mehrfach betont, daß die Kernmarke erst wieder wachsen könne, wenn der „Kostennachteil“ gegenüber der Konkurrenz geschlossen sei. Die Vereinigung Cockpit und die Kabinengewerkschaft Ufo sehen in dieser Strategie eine Bedrohung ihrer Tarifhoheit und ihrer Arbeitsplätze. Sie befürchten, daß immer mehr Flugzeuge und damit verbundene Arbeitsplätze in die jüngeren, billigeren Betriebe verlagert werden. Bei Discover wurden bereits Tarifverträge mit der konkurrierenden Gewerkschaft Verdi abgeschlossen, wobei die Spartengewerkschaften außen vor blieben. Ein ähnliches Vorgehen wird bei der City Airlines erwartet.

Diese Entwicklung treibt die Gewerkschaften in die Enge und läßt eine Verhandlungslösung als schwierig erscheinen. Die VC achtet peinlich darauf, ihre Forderungen auf den offenen Tarifvertrag zu beschränken, um keine Angriffsfläche zu bieten. Doch es ist klar, daß der eigentliche Konflikt die strategische Ausrichtung des gesamten Konzerns betrifft.

Ablauf der Urabstimmung und mögliche Folgen

Die Urabstimmung über einen Streik hat am 12. September begonnen und wird bis zum 30. September dauern. Um einen Streik zu legitimieren, muß ein Quorum von 70 Prozent aller stimmberechtigten VC-Mitglieder erreicht werden. Enthaltungen und Nicht-Teilnahmen werden als Nein-Stimmen gewertet, was die Hürde für einen Arbeitskampf erhöht. Ob die Gewerkschaft im Falle einer Zustimmung sofort einen Streiktermin bekanntgeben wird, ist noch unklar. In der Vergangenheit hat die VC der Gegenseite häufig eine letzte Chance für ein neues Angebot eingeräumt.

Sollte es zum Streik kommen, könnten die ersten Auswirkungen bereits zum Auftakt der Herbstferien am 3. Oktober in Hessen, Sachsen und Thüringen zu spüren sein. Ein Arbeitskampf der Piloten der Lufthansa-Kernmarke und der Frachttochter würde unweigerlich zu massiven Flugausfällen und Verspätungen führen, was die Reisewünsche von Tausenden von Passagieren beeinträchtigen würde. Dies wäre nicht der erste Pilotenstreik. Zuletzt streikten die Piloten bei der Lufthansa-Kernmarke im Jahr 2022 einen Tag lang.

Die gesamte Luftfahrtbranche blickt nun gebannt auf die Urabstimmung. Die Entscheidung der Piloten wird nicht nur die Zukunft ihrer betrieblichen Altersversorgung beeinflussen, sondern auch einen entscheidenden Einfluß auf die strategische Ausrichtung und das Wachstum der Lufthansa-Gruppe in den kommenden Jahren haben.

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