Airbus A330neo (Foto: Fabian Joy/Unsplash).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Portugals TAP vor dem Teilverkauf: Verborgene Schulden und der Wert der begehrten Flugslots

Werbung

Die portugiesische Nationalfluggesellschaft TAP Air Portugal steht vor einem entscheidenden Kapitel ihrer Geschichte: ihrer Privatisierung. Die Regierung plant, einen Anteil von 49 Prozent der Airline zu veräußern, ein Schritt, der von Experten als unzureichend kritisiert wird.

Im Zentrum der Diskussion stehen nicht nur die politischen Motive für diese Teilprivatisierung, sondern vor allem die komplexen Manöver rund um die Entschuldung der Airline. Insbesondere die Auslagerung von „toxischen Vermögenswerten“ in die umbenannte Gesellschaft Siavilo SGPS wirft Fragen auf und lenkt den Blick auf die wahren Werte der TAP, allen voran die begehrten Start- und Landerechte am überlasteten Lissaboner Flughafen. Während die Regierung Transparenz verspricht, mahnen Kritiker die fehlende Einsetzung eines Überwachungsausschusses an, was die Debatte um den Verkauf weiter anheizt.

Die Notwendigkeit der Privatisierung: Ein politisch heikles Unterfangen

Die Privatisierung der TAP Air Portugal ist keine freiwillige Entscheidung der portugiesischen Regierung, sondern das Ergebnis jahrelanger finanzieller Schieflagen und der damit verbundenen massiven Staatshilfen. Diese Hilfen, die von der Europäischen Kommission genehmigt wurden, sind an strenge Auflagen geknüpft, darunter eben auch die Veräußerung der Staatsanteile. Ursprünglich wurde eine vollständige Privatisierung angestrebt, doch unter dem Druck verschiedener politischer Kräfte hat sich die Regierung nun dazu entschieden, lediglich 49 Prozent der Airline auf den Markt zu bringen. Dies würde bedeuten, daß der Staat weiterhin die Mehrheit und damit die Kontrolle über die TAP behält – eine Position, die von vielen Seiten, insbesondere aus der Wirtschaft und von Luftfahrtexperten, als Kompromiß kritisiert wird, der die volle wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Fluggesellschaft behindern könnte.

Infrastrukturminister Miguel Pinto Luz und der Finanzminister haben jüngst die Dringlichkeit des Verkaufsprozesses betont und angekündigt, diesen in den kommenden Wochen abschließen zu wollen. Minister Luz verteidigte die Teilprivatisierung mit den Worten: „Privatisierung bedeutet nicht Aufgeben. Sie bedeutet, sicherzustellen, daß TAP lebensfähig, strategisch und nützlich für das Land ist.“ Dies spiegelt die Absicht wider, nationale Interessen zu wahren und die Anbindung Portugals an die Welt nicht vollständig privaten Händen zu überlassen. Doch diese Haltung steht im Widerspruch zur europaweiten Tendenz, wo ehemalige Staatsfluggesellschaften oft vollständig in größere private Luftfahrtkonzerne integriert wurden.

Das Geheimnis um Siavilo SGPS: Die Auslagerung „toxischer Vermögenswerte“

Ein zentraler und besonders bemerkenswerter Aspekt des Privatisierungsprozesses ist die umfassende Bilanzbereinigung, die im Vorfeld stattfand. Luftfahrtexperte Pedro Castro beleuchtete detailliert die Vorgehensweise, wie die TAP für den Verkauf „hübscher“ gemacht wurde. Offenbar wurden die sogenannten „toxischen Vermögenswerte“ der Fluggesellschaft in eine separate Einheit ausgelagert. Dazu gehören beispielsweiße die 177 Millionen Euro Schulden bei der brasilianischen Fluggesellschaft Azul. Diese und andere Altlasten wurden in die frühere TAP SGPS, die nun den Namen Siavilo SGPS trägt, transferiert.

Der Zweck dieser Umstrukturierung ist klar: Durch die Abspaltung dieser finanziellen Belastungen von der eigentlichen TAP Air Portugal, die nun zum Verkauf steht, soll das Unternehmen für potenzielle Investoren attraktiver erscheinen. Eine „saubere“ Bilanz ohne hohe Altschulden erleichtert die Bewertung und senkt das wahrgenommene Risiko für Käufer.

Pedro Castro weist jedoch mit Nachdruck darauf hin, daß diese Auslagerung letztlich nicht die Schulden verschwinden läßt, sondern lediglich verschiebt: „Es ist klar, daß früher oder später die Steuerzahler für die Verbindlichkeiten von Siavilo SGPS zur Kasse gebeten werden, und niemand wird dies mit TAP in Verbindung bringen.“ Dies deutet auf eine potentielle Belastung für den portugiesischen Staat in der Zukunft hin, die im Rahmen der aktuellen Verkaufsdebatte kaum Beachtung findet. Solche Manöver sind in Unternehmensverkäufen nicht unüblich, werfen aber immer Fragen nach der langfristigen finanziellen Verantwortung auf.

Der wahre Wert der TAP: Slots als Kronjuwel

Während die Schulden in eine neue Gesellschaft verschoben wurden, konzentriert sich der eigentliche Wert der zum Verkauf stehenden TAP Air Portugal auf ihre operativen und infrastrukturellen Assets. Die am deutlichsten hervorstechenden und wertvollsten Teile der Fluggesellschaft sind laut Pedro Castro die Start- und Landerechte (Slots) am Flughafen Lissabon-Portela.

TAP besitzt rund 50 Prozent der Slots an diesem als „überlastet“ geltenden Flughafen. Dies verleiht der Airline eine „enorme ‚natürliche Festung‘ gegenüber der Konkurrenz und ein sehr komfortables Wachstumspotenzial.“ An einem Flughafen, der seine Kapazitätsgrenzen erreicht hat, sind Slots ein extrem wertvolles Gut, das den Zugang zum Markt sichert und Wettbewerbern den Eintritt erschwert. Diese exklusive Position ermöglicht es TAP, ihre Flugfrequenzen und damit ihr Passagieraufkommen strategisch zu steuern, ohne unmittelbar durch Kapazitätsengpässe am Heimflughafen limitiert zu sein.

Der Experte führt weiter aus, daß TAP ihr Wachstum in Portela problemlos steigern könnte, beispielsweiße durch die Umstellung der Flotte der 20 TAP Express-Flugzeuge von den aktuellen 100-Sitzern auf größere Maschinen mit 150 oder 160 Sitzen. Allein dies würde das Sitzplatzangebot um 50 Prozent erhöhen. Es fehle lediglich ein Investor, der bereit ist, in diese neue Flotte zu investieren. Dies könnte auch ein Grund sein, warum die Diskussion um einen „neuen“ Flughafen in Lissabon derzeit ruht: Solange der Wert der bestehenden Slots von TAP so hoch ist, liegt es im Interesse der Regierung, diesen Wert zu schützen, anstatt ihn durch neue Kapazitäten zu entwerten.

Neben den Slots hebt Castro auch die Wartungs- und Entwicklungsabteilung von TAP hervor, die als einer der am wenigsten „dysfunktionalen“ Bereiche der Airline gilt und somit einen weiteren Werttreiber darstellt. Unter Berücksichtigung dieser strategischen Vermögenswerte und der erfolgten Bilanzbereinigung schätzt Pedro Castro den Wert der gesamten „guten TAP“ auf 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro. Zukünftige Käufer würden zudem auch die Kosten- und Skalensynergien berücksichtigen, die sie durch den Kauf erzielen können, was ein wichtiger Aspekt ist, der in den staatlichen Gutachten naturgemäß nicht berücksichtigt wird, da er vom spezifischen Käufer abhängt.

Fehlende Transparenz und der Ruf nach einer vollständigen Privatisierung

Trotz der vorliegenden Bewertungsgutachten von Banco Finantia und EY, deren Werte streng geheim gehalten werden, stößt der Privatisierungsprozeß auf erhebliche Kritik hinsichtlich seiner Transparenz. Sérgio Palma Brito bemängelt, daß die Regierung ihrer gesetzlichen Pflicht zur Einrichtung eines Privatisierungsüberwachungsausschusses noch nicht nachgekommen sei. Dieser Ausschuß, bestehend aus unabhängigen und kompetenten Personen, soll den Prozeß überwachen und für Transparenz sorgen. Das Fehlen dieses Gremiums wirft Fragen nach der Integrität des Verfahrens auf und nährt Spekulationen über mögliche politische Einflußnahmen.

Palma Brito und Castro sind sich zudem einig, daß die beste Lösung für die TAP ein vollständiger Verkauf des Unternehmens wäre. Sie verweisen auf die Entwicklung in anderen europäischen Ländern, wo ehemals staatliche Fluggesellschaften wie British Airways, Iberia (beide heute Teil der IAG), Air France-KLM oder die Lufthansa Group vollständig privatisiert wurden und sich zu großen, global agierenden Konzernen entwickelt haben. Der von der portugiesischen Regierung favorisierte 49-Prozent-Verkauf wird als „enormer Nachteil“ und als ideologisch motiviertes Manöver kritisiert, das die TAP in ihrer Entwicklung hemmen könnte. Die politische Unsicherheit, beispielsweiße durch einen Regierungswechsel, könnte private Minderheitsaktionäre abschrecken und das Risiko für Investoren erhöhen.

Die möglichen Käufer: Ein Wettkampf der Giganten

Für die Übernahme der TAP werden vor allem drei große europäische Luftfahrtkonzerne als ernsthafte Kandidaten gehandelt: die International Airlines Group (IAG), Air France-KLM und die Lufthansa Group. Diese Branchengrößen sind ständig auf der Suche nach strategischen Zukäufen, um ihre Netzwerke zu konsolidieren und ihre Marktposition zu stärken. Eine Integration der TAP in einen dieser Konzerne würde beispielsweiße das strategisch wichtige Drehkreuz Lissabon festigen und die Anbindung Portugals an die portugiesischsprachigen Gemeinschaften weltweit sichern, ein Aspekt, den auch prominente Politiker wie Luís Montenegro betonen.

Der „beste“ Käufer wird laut Pedro Castro derjenige sein, der nicht nur über die notwendigen Investitionsmittel verfügt – insbesondere angesichts der Tatsache, daß der portugiesische Staat, obwohl er 3,2 Milliarden Euro an Hilfen von der EU erhielt, diese nicht in das Unternehmen reinvestieren darf –, sondern auch die Fähigkeit besitzt, „am besten mit den Gewerkschaften umzugehen und über das geeignete Gegenmittel verfügt, um mit einem Anteilseigner Staat umzugehen, der dysfunktionale und populistische Tendenzen hat.“ Zudem muß der Käufer aus wettbewerbsrechtlicher Sicht „am besten vor allzu strafenden Maßnahmen der Wettbewerbsbehörde in Brüssel und anderen Gerichtsbarkeiten geschützt“ sein. Dies unterstreicht die vielschichtigen Anforderungen an einen potenziellen Investor.

Jüngste Geschäftsentwicklung: Ein Zeichen der Erholung, trotz Widrigkeiten

Die jüngsten Geschäftszahlen der TAP zeigen trotz des anhaltenden Verlustes im ersten Quartal 2025 (108,2 Millionen Euro) eine leichte Verbesserung gegenüber dem Vorjahr (18,1 Millionen Euro weniger Verlust). Dieses Quartal war von „außergewöhnlichen Ereignissen“ geprägt, darunter ein 20 Tage dauernder Streik der PGA-Piloten, der die operativen Abläufe erheblich beeinträchtigte. Auch die Verschiebung des Osterfestes ins zweite Quartal 2025 beeinflußte die Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Diese externen Faktoren hatten einen geschätzten finanziellen Einfluß von 30 bis 40 Millionen Euro auf das Betriebsergebnis. Die leichte Reduzierung des Verlustes könnte dennoch ein Signal für eine grundsätzliche operative Erholung der Airline sein, die den Wert für einen zukünftigen Käufer steigern könnte.

Ein Verkauf unter Beobachtung

Die Privatisierung der TAP Air Portugal ist ein Vorgang von nationaler Bedeutung, der weit über finanzielle Transaktionen hinausgeht. Die umfassenden Manöver zur Bilanzbereinigung, insbesondere die Auslagerung von Schulden in die Siavilo SGPS, verdeutlichen die Komplexität und die potenziellen Risiken für den Steuerzahler.

Der wahre Wert der TAP liegt in ihren begehrten Slots in Lissabon und ihrem Wachstumspotenzial, doch die politische Weichenstellung für eine Teilprivatisierung und die ausstehende Transparenz geben Anlaß zur Sorge. Es bleibt abzuwarten, welcher strategische Partner den Zuschlag erhalten wird und ob die portugiesische Regierung letztlich bereit ist, die Kontrolle vollständig abzugeben, um die TAP für eine erfolgreiche Zukunft in einem wettbewerbsintensiven europäischen Luftverkehrsmarkt zu rüsten.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung