Die skandinavische Fluggesellschaft SAS steht nach einer erfolgreichen Phase der finanziellen Restrukturierung vor einer umfassenden Expansion ihres interkontinentalen Streckennetzes und bereitet eine Großbestellung beim europäischen Flugzeughersteller Airbus vor.
Nach übereinstimmenden Medienberichten beabsichtigt die Fluglinie, ihre Langstreckenflotte um 15 bis 20 werksneue Großraumflugzeuge der Typen A330neo und A350 zu erweitern. Diese strategische Investition markiert eine grundlegende Trendwende für das skandinavische Traditionsunternehmen, das nach dem Ausstieg aus dem Gläubigerschutz nun mit der finanziellen und operativen Unterstützung des französisch-niederländischen Luftfahrtkonzerns Air France-KLM eine aggressive Wachstumsstrategie verfolgt. Während die Airline in den vergangenen Jahren primär auf Konsolidierung und Kapazitätskorrekturen angewiesen war, ermöglicht die neue Kapitalstruktur eine weitreichende Modernisierung sowohl des Kurz- und Mittelstreckensegments als auch der internationalen Fernverbindungen. Die geplanten Flottenzugänge sollen es SAS ermöglichen, die Frequenzen auf den profitablen Routen nach Nordamerika und Asien massiv zu erhöhen und sich im globalen Wettbewerb der Netzwerk-Fluggesellschaften neu zu positionieren.
Die vertraglichen Details des geplanten Airbus-Deals und das Ringen um die Triebwerkswahl
Die Verhandlungen zwischen SAS und Airbus über die Lieferung von bis zu 20 Großraumjets befinden sich in einer fortgeschrittenen Phase. Die geplante Mischbestellung, die sich aus den hocheffizienten Modellen A330neo und zusätzlichen Maschinen der Baureihe A350-900 zusammensetzen soll, spiegelt das Bestreben der Airline wider, eine harmonisierte und ökonomisch optimierte Flottenstruktur aufzubauen. SAS-Vorstandschef Anko van der Werff hatte bereits zu Beginn des Jahres eine größere Bestellung für die Interkontinentalflotte in Aussicht gestellt, zu diesem Zeitpunkt jedoch auch Verhandlungen mit dem amerikanischen Konkurrenten Boeing über die Modelle 787 Dreamliner und 777X geführt. Die Entscheidung für Airbus resultiert primär aus den bestehenden Synergieeffekten, da SAS bereits eine etablierte Infrastruktur für den Betrieb von Airbus-Großraumflugzeugen besitzt.
Gegenwärtig betreibt die skandinavische Fluggesellschaft eine Langstreckenflotte, die sich aus sechs modernen Airbus A350-900 und acht älteren Maschinen des Typs A330ceo zusammensetzt. Die Integration der neuen A330neo-Variante soll schrittweise die älteren A330ceo-Modelle ersetzen, die aufgrund ihrer älteren Triebwerksgeneration höhere Betriebskosten verursachen. Durch den Verbleib bei einer reinen Airbus-Langstreckenflotte spart SAS erhebliche Aufwendungen für die Umschulung von Piloten und Technikern sowie für die Bevorratung von Ersatzteilen. Die neuen Fluggeräte bieten im Vergleich zur Vorgängergeneration eine deutlich gesteigerte Reichweite bei gleichzeitiger Senkung der spezifischen Treibstoffkosten pro Sitzplatzkilometer, was die Rentabilität auf extremen Langstrecken spürbar verbessert.
Massiver Kapazitätsausbau auf den Schlüsselrouten nach Nordamerika und Ostasien
Die strategische Zielsetzung der Flottenaufstockung spiegelt sich bereits in den Planungsdaten für die kommenden Flugplanperioden wider. SAS nutzt die zusätzlichen Kapazitäten der bereits vorhandenen und der kommenden A350-Flotte, um die Sitzplatzkapazitäten auf den wichtigsten Fernost- und Transatlantikrouten drastisch anzuheben. Besonders deutlich zeigt sich diese Expansion im Winterflugplan 2026/2027 auf der Verbindung zwischen dem Drehkreuz Kopenhagen und der US-Metropole Boston, wo das Sitzplatzangebot durch den Einsatz größerer Fluggeräte und eine Erhöhung der wöchentlichen Frequenzen um 70 Prozent ausgeweitet wird. Nordamerika bleibt für SAS der wichtigste und volumenstärkste Überseemarkt.
Parallel dazu treibt die Fluggesellschaft den Ausbau ihrer Präsenz im asiatisch-pazifischen Raum voran, der sich nach den geopolitisch bedingten Routenänderungen im Zuge von Luftraumsperrungen langsam stabilisiert. Auf der prestigeträchtigen Route nach Seoul plant das Management eine Kapazitätserhöhung von 50 Prozent, während die Flugfrequenzen zum zentrumsnahen Tokioter Flughafen Haneda um 40 Prozent hochgefahren werden. Diese Taktverdichtungen richten sich sowohl an den touristischen Premium-Verkehr als auch an Geschäftsreisende, die auf flexible Flugzeiten angewiesen sind. Durch die enge Taktung will SAS verhindern, dass Passagierströme an die Konkurrenz an den großen mittelereuropäischen Hubs verloren gehen.
Die Übernahme durch Air France-KLM und der fundamentale Wandel der Allianzstruktur
Die wirtschaftliche Dynamik, mit der SAS agiert, ist untrennbar mit der tiefgreifenden Veränderung der Eigentümerstruktur verbunden. Die Fluggesellschaft, die einst zu den prominenten Gründungsmitgliedern der Star Alliance rund um die Lufthansa gehörte, hat im Zuge ihres Sanierungsverfahrens eine Allianz mit Air France-KLM geschlossen. Das franko-niederländische Luftfahrtkonsortium ist Ende 2023 zunächst mit einer Minderheitsbeteiligung von 19,9 Prozent eingestiegen, um das skandinavische Unternehmen finanziell zu stabilisieren und vor dem Bankrott zu bewahren.
Für das laufende Jahr 2026 ist die vollständige Übernahme der unternehmerischen Kontrolle durch Air France-KLM fest eingeplant. Durch die geplante Auszahlung bisheriger Mitgesellschafter wird der Anteil von Air France-KLM auf 60,5 Prozent aufgestockt, wodurch SAS vollständig in den kontinentalen Luftfahrtkonzern integriert wird. Dieser Eigentümerwechsel bedingte auch den Austritt aus der Star Alliance und den koordinierten Wechsel zum konkurrierenden Bündnis Skyteam. Für SAS bedeutet diese Integration den Zugang zu einem weitaus größeren globalen Vertriebsnetz und die Möglichkeit, Zubringerflüge aus ganz Europa effizienter zu steuern. Die geplante Großbestellung bei Airbus wird in engen Abstimmung mit den Flottenplanern in Paris und Amsterdam koordiniert, um konzernweite Skaleneffekte beim Einkauf der Flugzeuge zu erzielen.
Ganzheitliche Flottenmodernisierung von der Regionalstrecke bis zur Langstrecke
Das Investitionsprogramm für die Langstrecke ist Teil einer umfassenden Flottenbereinigung auf allen operativen Ebenen. SAS-Chef Anko van der Werff verfolgt das Ziel, das Durchschnittsalter der gesamten Flugzeugflotte signifikant zu senken, um die technische Zuverlässigkeit zu erhöhen und die Wartungskosten zu minimieren. Bereits im Jahr 2025 setzte die Airline ein wichtiges Signal für den Regional- und Kurzstreckenverkehr, indem sie einen Großauftrag über 55 Flugzeuge des Typs Embraer E195-E2 des brasilianischen Herstellers Embraer unterzeichnete.
Die Auslieferung dieser Regionaljets soll im Jahr 2027 beginnen und wird die älteren, ineffizienteren Flugzeuge auf den skandinavischen Routen und den Zubringerstrecken zu den Hauptdrehkreuzen Kopenhagen, Stockholm und Oslo ersetzen. Zusammen mit der erwarteten Airbus-Bestellung für die Langstrecke verfügt SAS für die kommenden Jahre über ein fest terminiertes Zulaufprogramm an modernen Fluggeräten. Diese konsequente Erneuerung der Produktionsmittel gilt in der Luftfahrtbranche als zwingende Voraussetzung, um in einem Marktumfeld, das von volatilen Treibstoffpreisen und intensivem Wettbewerb durch Low-Cost-Carrier geprägt ist, langfristig wirtschaftlich erfolgreich operieren zu können. Die kommenden Monate werden zeigen, wie schnell die vertraglichen Details mit Airbus finalisiert werden können, um die ersten Lieferpositionen in den stark ausgelasteten Produktionslinien des Herstellers zu sichern.