Boeing 777-300ER (Foto: Masahiro TAKAGI).
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Schwerer Vorfall im Cockpit von Eva Air: Pilot nach tätlichem Angriff auf Copiloten suspendiert

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Die taiwanische Fluggesellschaft Eva Air sieht sich mit einer internen Krise und behördlichen Ermittlungen konfrontiert, nachdem ein Kapitän während des Rollvorgangs auf dem Flughafen von Los Angeles gewalttätig gegenüber seinem Ersten Offizier geworden sein soll. Der Vorfall, der sich unmittelbar vor dem Start eines Langstreckenfluges ereignete, löste eine Debatte über die psychologische Stabilität von Flugzeugbesatzungen und die Wirksamkeit von Sicherheitsmanagementsystemen in der zivilen Luftfahrt aus.

Nach Berichten von Focus Taiwan und weiteren Branchenmedien entzündete sich der Konflikt an einer Meinungsverschiedenheit über die Rollgeschwindigkeit der Maschine. Während der Copilot eine Überschreitung der zulässigen Grenzwerte befürchtete und eigenständig die Bremsen betätigte, reagierte der verantwortliche Kapitän mit physischer Gewalt. Die Fluggesellschaft hat den betreffenden Piloten umgehend vom Dienst suspendiert und eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Auch die taiwanische Zivilluftfahrtbehörde (CAA) hat sich eingeschaltet, um zu prüfen, ob die Sicherheit der Passagiere und der Besatzung durch das instabile Verhalten des Flugzeugführers gefährdet wurde.

Eskalation auf dem Rollfeld in Los Angeles

Der Vorfall ereignete sich auf einer der Non-Stop-Verbindungen von Los Angeles nach Taipeh, einer Route, die mit Flugzeugen des Typs Boeing 777-300ER bedient wird. Während die Maschine zur Startbahn rollte, bemerkte der Erste Offizier (FO) angeblich, dass das Flugzeug die für den Rollweg vorgeschriebene Geschwindigkeit von 30 Knoten überschritt. Laut internen Berichten versuchte der Copilot mehrfach, den Kapitän – identifiziert unter dem Nachnamen Wen – auf das zu hohe Tempo aufmerksam zu machen. Da eine verbale Reaktion des Kapitäns ausblieb, folgte der Erste Offizier den Standard-Betriebsverfahren (SOP) für Sicherheitskritische Situationen und betätigte manuell die Bremsen, um das Flugzeug zu verzögern.

Diese Intervention provozierte jedoch einen unkontrollierten Wutausbruch des Kapitäns. Wen soll daraufhin mehrfach auf den Ersten Offizier eingeschlagen haben. Der Whistleblower, der den Fall an die Öffentlichkeit brachte, gab an, dass der Copilot mindestens vier Schläge auf den Handrücken erlitten habe, was zu deutlichen Schwellungen und Hämatomen führte. Besonders kritisiert wird in diesem Zusammenhang, dass der Notfallreaktionsplan der Fluggesellschaft unmittelbar nach dem Vorfall offenbar nicht wie vorgesehen aktiviert wurde, was die Frage aufwirft, wie das Unternehmen mit emotional instabilem Verhalten in hochsensiblen Arbeitsbereichen umgeht.

Untersuchungsergebnisse und disziplinarische Maßnahmen

Eva Air veröffentlichte am 3. Januar ein erstes offizielles Statement zu dem Vorfall. Der Pilot wurde bis zum Abschluss der internen Ermittlungen suspendiert und muss sich vor einem Disziplinarausschuss der Fluggesellschaft verantworten. Erste Daten aus dem Quick Access Recorder (QAR) des Flugzeugs ergaben jedoch ein komplexes Bild: Die Aufzeichnungen deuteten darauf hin, dass die Boeing 777 zum Zeitpunkt des Vorfalls die geltenden Geschwindigkeitsvorschriften technisch gesehen eingehalten hatte. Dies rechtfertigt zwar in keiner Weise den physischen Angriff, wirft jedoch Fragen nach der internen Kommunikation und der Situationswahrnehmung im Cockpit auf.

Die taiwanische Zivilluftfahrtbehörde CAA betonte, dass sie befugt ist, rechtliche Sanktionen gegen die Beteiligten zu verhängen, sollte sich bestätigen, dass die Handlungen des Kapitäns die allgemeine Flugsicherheit beeinträchtigt haben. Sowohl dem verletzten Ersten Offizier als auch dem suspendierten Kapitän wurde psychologische Unterstützung und Beratung angeboten. Es bleibt jedoch unklar, ob der Copilot aufgrund seiner Verletzungen weitere medizinische Behandlungen in Anspruch nehmen musste oder ob er seinen Dienst unmittelbar wieder aufnehmen konnte.

Strukturelle Bedeutung und Wettbewerb auf der Pazifik-Route

Der Vorfall trifft Eva Air zu einem Zeitpunkt, an dem der Wettbewerb auf der prestigeträchtigen Route zwischen Los Angeles (LAX) und Taipeh (TPE) so intensiv wie nie zuvor ist. Mit China Airlines und dem Newcomer Starlux Airlines konkurrieren drei große taiwanische Fluggesellschaften um Passagiere auf dieser Strecke, die eine durchschnittliche Flugzeit von fast 15 Stunden beansprucht. Eva Air ist die zweitgrößte internationale Fluggesellschaft Taiwans und betreibt ein wachsendes globales Netzwerk mit 90 Flugzeugen, darunter 32 Einheiten der Boeing 777-300ER.

Die Zuverlässigkeit und Professionalität der Besatzungen gilt als zentrales Verkaufsargument im Wettbewerb mit den anderen Star-Alliance-Partnern und regionalen Konkurrenten. Vorfälle von Gewaltanwendung im Cockpit sind in der modernen Luftfahrt extrem selten und werden von Regulierungsbehörden weltweit mit höchster Priorität verfolgt, da sie das Konzept des „Crew Resource Management“ (CRM) – der kooperativen Zusammenarbeit im Cockpit zur Fehlervermeidung – grundlegend untergraben.

Erweiterung des Netzwerks und Sicherheitsmanagement

Trotz des aktuellen Vorfalls setzt Eva Air ihre Expansionspläne fort. Für den 6. Juli 2026 ist die Aufnahme einer neuen Langstreckenverbindung nach Washington, D.C. (IAD) geplant, womit die Präsenz in Nordamerika weiter gestärkt wird. Das Netzwerk umfasst bereits wichtige Knotenpunkte wie New York, San Francisco, Chicago und Vancouver. Auch in Europa ist die Fluggesellschaft mit Zielen wie Wien, London, Paris und München fest etabliert.

Branchenexperten fordern angesichts des Vorfalls in Los Angeles eine Verschärfung der psychologischen Screening-Verfahren für Piloten. Während technische Fähigkeiten regelmäßig in Simulatoren überprüft werden, bleibt die Bewertung der emotionalen Belastbarkeit in Stresssituationen eine Herausforderung. Der Fall Wen zeigt, dass bereits geringfügige operative Differenzen zu einem gefährlichen Kontrollverlust führen können. Die Ergebnisse der CAA-Untersuchung werden daher mit Spannung erwartet, da sie wegweisend für künftige Sicherheitsvorgaben im taiwanischen Luftverkehr sein könnten. Eva Air steht nun vor der Aufgabe, das Vertrauen der Passagiere in die Professionalität ihres fliegenden Personals wiederherzustellen, während die juristische Aufarbeitung des Angriffs ihren Lauf nimmt.

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