Die spanische Fluggesellschaft Air Europa bereitet sich strategisch auf eine mögliche Ablehnung der geplanten Minderheitsbeteiligung von Turkish Airlines durch die Europäische Kommission vor. Für den Fall, dass die EU-Wettbewerbshüter das Investment nicht genehmigen, hat das Unternehmen einen „Plan B“ entwickelt, der die dringend benötigte Kapitalzufuhr in Form eines herkömmlichen Darlehens anstelle einer direkten Kapitalerhöhung vorsieht. Die alternative Finanzierungslösung soll es Air Europa ermöglichen, die im Zuge der COVID-19-Pandemie erhaltenen staatlichen Hilfen zu tilgen, deren Fälligkeit für das Jahr 2026 ansteht. Das geplante Volumen der Finanzspritze, ob als Beteiligung oder Kredit, beträgt 300 Millionen Euro.
Trotz der Entwicklung einer Ersatzlösung schätzen sowohl Air Europa als auch Turkish Airlines die Wahrscheinlichkeit einer Genehmigung des ursprünglichen Investitionsplans durch Brüssel als hoch ein. Die Europäische Kommission prüft das Vorhaben im Rahmen der neuen EU-Verordnung 2022/2560, die darauf abzielt, Verzerrungen des Binnenmarktes durch ausländische Subventionen zu verhindern.
Der ursprüngliche Plan: Turkish Airlines als Großaktionär
Ursprünglich sah die Vereinbarung vor, dass Turkish Airlines (THY) mit 300 Millionen Euro in Air Europa einsteigt. Bei Genehmigung der Transaktion würde die türkische Airline einen Anteil von 26 bis 27 Prozent an der spanischen Gesellschaft erwerben und damit zum zweitgrößten Anteilseigner aufsteigen. Die Kontrolle über Air Europa würde weiterhin bei der spanischen Holding Globalia verbleiben. Die International Airlines Group (IAG), zu der British Airways und Iberia gehören, hält derzeit bereits 20 Prozent der Anteile an Air Europa.
Die Partnerschaft mit Turkish Airlines würde Air Europa nicht nur die dringend benötigte Liquidität zuführen, sondern auch strategische Vorteile im Hinblick auf die Netzwerkanbindung und die Nutzung des globalen Hubs von THY in Istanbul ermöglichen. Turkish Airlines hat in den vergangenen Jahren eine aggressive Expansionsstrategie verfolgt und sucht gezielt nach Partnern, um ihre Präsenz in Südeuropa und auf den Langstrecken nach Lateinamerika zu stärken, wo Air Europa eine etablierte Position innehat.
Die Prüfung durch die Europäische Kommission konzentriert sich auf die EU-Verordnung 2022/2560 über ausländische Subventionen. Diese Verordnung ist darauf ausgelegt, Geschäfte zu untersuchen, bei denen staatlich unterstützte Unternehmen außerhalb der EU durch Subventionen einen unfairen Wettbewerbsvorteil im europäischen Binnenmarkt erlangen könnten. Da Turkish Airlines mehrheitlich im Besitz der türkischen Regierung ist und als staatlich unterstütztes Unternehmen gilt, fällt das Investment in den Prüfbereich dieser neuen Regulierung.
Plan B: Das 300-Millionen-Euro-Darlehen
Für den Fall einer Ablehnung der Kapitalbeteiligung hat Air Europa eine klare alternative Finanzierungsstrategie entworfen. Die geplanten 300 Millionen Euro würden nicht als Eigenkapital, sondern als herkömmlicher Kredit an die Fluggesellschaft fließen.
Dieses Darlehen wäre strategisch darauf ausgerichtet, die staatlichen Corona-Hilfen zu tilgen, die Air Europa während der Pandemie von der spanischen Regierung erhalten hatte. Die Rückzahlung dieser Staatshilfen ist für das Jahr 2026 fällig. Die Umwandlung der geplanten Kapitalerhöhung in einen Kredit würde Air Europa die notwendige Liquidität verschaffen, um diese Schulden fristgerecht zu bedienen, ohne die Genehmigung der EU-Kommission abwarten zu müssen.
Die Unternehmensführung äußert sich optimistisch hinsichtlich der langfristigen Finanzlage. Sie geht davon aus, dass die Liquidität aus dem operativen Geschäft ausreichen wird, um entweder die Rückzahlung des Darlehens innerhalb der vorgesehenen Frist von drei Jahren zu leisten oder eine adäquate Anschlussfinanzierung zu arrangieren. Diese Finanzierungsalternative dient der Risikominderung und der Sicherung der finanziellen Stabilität von Air Europa, unabhängig vom Ausgang des EU-Prüfverfahrens.
Der Kontext der spanischen Konsolidierung
Die Unsicherheit um die Turkish-Airlines-Beteiligung steht im Kontext der andauernden Konsolidierungsbestrebungen im spanischen Luftverkehrsmarkt, der stark von den Langstreckenverbindungen nach Lateinamerika geprägt ist.
Die International Airlines Group (IAG), die bereits 20 Prozent an Air Europa hält, verfolgt seit Längerem das Ziel, die Fluggesellschaft vollständig zu übernehmen. Ursprünglich hatte IAG 2019 eine Vereinbarung über den vollständigen Kauf von Air Europa getroffen, die jedoch aufgrund der COVID-19-Pandemie und wettbewerbsrechtlicher Bedenken scheiterte. Die IAG hat jedoch verschiedene Optionen offengehalten, darunter die Umwandlung eines Darlehens in eine spätere Beteiligung oder die schrittweise Aufstockung ihres Anteils. Eine vollständige Übernahme von Air Europa durch IAG würde der Gruppe eine marktbeherrschende Stellung auf den profitablen Strecken nach Lateinamerika verschaffen und ihr Drehkreuz in Madrid-Barajas stärken.
Die geplante Beteiligung von Turkish Airlines kann daher auch als strategischer Zug der Globalia-Holding interpretiert werden, um den Wert von Air Europa zu steigern und einen Gegenpol zur Dominanz der IAG zu schaffen. Die Finanzspritze von Turkish Airlines, ob als Eigenkapital oder als Kredit, dient als wichtiger Liquiditätsanker, der es Air Europa ermöglicht, ihre finanzielle Unabhängigkeit kurzfristig zu sichern und ihre Verhandlungsposition im Falle zukünftiger Übernahmegespräche zu stärken.
Der Ausgang des EU-Prüfverfahrens ist somit nicht nur für die beiden Fluggesellschaften entscheidend, sondern auch für die künftige Struktur des europäischen Luftverkehrsmarktes, insbesondere in Bezug auf die neuen Regularien zu ausländischen Subventionen. Die Entwicklung des „Plan B“ zeigt, dass Air Europa entschlossen ist, die finanzielle Sanierung und die Ablösung der Staatsschulden als oberste Priorität zu behandeln, unabhängig davon, welcher Partner die Finanzierung letztendlich ermöglicht.