Die Bundeswehr leitet eine umfassende Modernisierung ihrer Luftnahunterstützung ein und setzt dabei verstärkt auf sogenannte Loitering Munition, im Volksmund oft als Kamikazedrohnen bezeichnet. Nachdem bereits im Februar 2024 Aufträge an die Hersteller Stark Defence und Helsing vergeben wurden, rückt nun der Rüstungskonzern Rheinmetall in das Zentrum der Beschaffungsplanung.
Nach Informationen aus Regierungskreisen beabsichtigt das Bundesministerium der Verteidigung, beim Haushaltsausschuss des Bundestages Mittel in Höhe von zunächst 300 Millionen Euro für die Bestellung dieser Systeme bei Rheinmetall zu beantragen. Dieser Schritt ist Teil eines weitaus umfangreicheren Rahmenvertrags, dessen Gesamtvolumen auf bis zu 2,4 Milliarden Euro geschätzt wird. Die Entscheidung für eine Drei-Säulen-Strategie bei den Herstellern unterstreicht das Bestreben der militärischen Führung, technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und eine kontinuierliche Versorgungssicherheit für die Truppe zu gewährleisten. Insbesondere für die geplante Stationierung der Litauen-Brigade wird diesen Systemen eine entscheidende Rolle bei der Abschreckung und Verteidigung an der Nato-Ostflanke beigemessen.
Technologische Merkmale und Einsatzspektrum der Loitering Munition
Unter dem Begriff Loitering Munition werden ferngesteuerte oder teilautonome Flugkörper zusammengefasst, die über die Fähigkeit verfügen, über einen längeren Zeitraum über einem Zielgebiet zu kreisen, bevor sie ein Ziel angreifen. Im Gegensatz zu klassischen Marschflugkörpern oder Panzerabwehrraketen ermöglichen diese Systeme dem Bediener eine deutlich höhere Flexibilität. Die Fluggeräte sind mit hochauflösenden Sensoren und oft mit Unterstützung durch künstliche Intelligenz ausgestattet, was die Identifizierung und Verfolgung von Zielen auch in komplexem Gelände oder unter elektronischen Störbedingungen erleichtert. Erst wenn per gesichertem Datenlink ein konkretes Angriffskommando erfolgt, steuert die Drohne das Ziel an und zerstört es durch die Detonation ihres integrierten Sprengkopfs.
Die Bundeswehr sieht in diesen Systemen ein wesentliches Instrument zur Schließung von Fähigkeitslücken in der bodengebundenen Landes- und Bündnisverteidigung. Durch die Fähigkeit zum langanhaltenden Kreisen über dem Gefechtsfeld können Bedrohungen frühzeitig erkannt und ohne Zeitverzug bekämpft werden, ohne dass bemannte Luftfahrzeuge in die gefährdete Zone entsandt werden müssen. Dies erhöht nicht nur die Effektivität des Angriffs, sondern schützt auch die eigenen Soldaten vor direktem Feindeinwirken.
Das Portfolio von Rheinmetall im Bereich der loiterfähigen Wirkmittel
Rheinmetall positioniert sich mit einer breiten Palette an Systemen für die Anforderungen der Bundeswehr. Besonders hervorzuheben ist die Hero-Serie, die in Kooperation mit dem israelischen Partner UVision entwickelt wurde. Diese Systeme zeichnen sich durch unterschiedliche Reichweiten und Sprengkopfgrößen aus, was sie für verschiedene Einsatzszenarien vom taktischen Einsatz im Zugrahmen bis hin zur operativen Bekämpfung entfernter Ziele qualifiziert. Ein wesentlicher Vorteil der Hero-Drohnen ist ihre hohe Präzision und die Möglichkeit, einen bereits eingeleiteten Angriff bis kurz vor dem Aufschlag abzubrechen, falls sich die Zielsituation ändert.
Zusätzlich bietet der Düsseldorfer Konzern das System FV-014 an. Im Gegensatz zu vielen anderen Modellen, die als Multikopter konzipiert sind, verfügt die FV-014 über einen klassischen Tragflächenaufbau. Dieser ermöglicht eine höhere aerodynamische Effizienz, was zu längeren Flugzeiten und größeren Reichweiten führt. Der elektrische Antrieb sorgt zudem für eine geringe akustische und thermische Signatur, was die Entdeckung durch gegnerische Aufklärung erschwert. Die Kombination aus bewährter Aerodynamik und modernster Steuerungstechnik macht dieses System zu einer wichtigen Ergänzung im Arsenal der Bundeswehr.
Wettbewerb und preisliche Differenzierung der Anbieter
Die Beschaffungsstrategie der Bundeswehr ist geprägt von einem Wettbewerb zwischen etablierten Rüstungsriesen und agilen Technologieunternehmen. Bereits im Februar erhielten Stark Defence und Helsing einen Auftrag über insgesamt rund 536 Millionen Euro. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede in der technischen Auslegung und im Preisgefüge. Das Modell Virtus von Stark Defence wird mit einem Stückpreis von rund 92.000 Euro veranschlagt. Trotz der höheren Kosten bietet es einen entscheidenden Vorteil für den Friedens- und Übungsbetrieb: Das System ist so konstruiert, dass es bei Trainingsflügen mehrfach eingesetzt und sicher gelandet werden kann, sofern kein scharfer Sprengkopf montiert ist.
Im Gegensatz dazu steht die HX-2 von Helsing, die mit etwa 52.000 Euro pro Einheit deutlich kostengünstiger ist. Helsing setzt massiv auf Softwarekompetenz und künstliche Intelligenz, um die Effektivität seiner Systeme zu steigern. Die HX-2 ist primär als Einwegsystem konzipiert, das durch Schwarmintelligenz und automatisierte Zielerkennung auch massive gegnerische Verbände sättigen kann. Durch die Mischung dieser verschiedenen Systeme aus dem Hause Stark, Helsing und nun Rheinmetall kann die Bundeswehr flexibel auf unterschiedliche Bedrohungsszenarien reagieren und sowohl kosteneffiziente Massenanwendungen als auch hochspezialisierte, wiederverwendbare Aufklärungs- und Wirksysteme vorhalten.
Strategische Bedeutung für die Litauen-Brigade
Ein wesentlicher Treiber für die beschleunigte Beschaffung ist die geplante dauerhafte Stationierung einer deutschen Brigade in Litauen. Angesichts der veränderten Sicherheitslage in Europa muss dieser Verband über modernste Verteidigungsmittel verfügen, um im Ernstfall eigenständig handlungsfähig zu sein. Loitering Munition gilt hierbei als Schlüsselfähigkeit, um gegnerische Artillerie- oder Panzerverbände bereits im Aufmarsch zu stören oder auszuschalten.
Die geografischen Gegebenheiten im Baltikum erfordern Systeme, die über weite Entfernungen hinweg wirken können und gleichzeitig eine hohe Überlebensfähigkeit gegenüber elektronischer Kampfführung besitzen. Die nun geplanten Großbestellungen sichern nicht nur den Bedarf für die Erstausstattung der Brigade, sondern dienen auch dem Aufbau von notwendigen Munitionsvorräten und der Ausbildung des Personals an den Standorten in Deutschland und Litauen.
Industriepolitische Erwägungen und langfristige Rahmenverträge
Mit dem geplanten Rahmenvertrag über 2,4 Milliarden Euro mit Rheinmetall sendet das Verteidigungsministerium ein deutliches Signal an die nationale Sicherheitsindustrie. Solche langfristigen Vereinbarungen geben den Unternehmen die notwendige Planungssicherheit, um Produktionskapazitäten aufzubauen und Lieferketten abzusichern. In Zeiten globaler Materialknappheit und steigender Nachfrage nach Rüstungsgütern ist die Sicherung von Produktionsslots ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Zudem fördert die Aufteilung der Aufträge auf drei Hersteller den Erhalt und Ausbau technologischer Kompetenzen in Deutschland. Während Rheinmetall als Systemhaus die Integration in bestehende Plattformen und Fahrzeuge beherrscht, bringen Unternehmen wie Helsing frische Impulse im Bereich der Digitalisierung und KI-gestützten Gefechtsführung ein. Dieser Mix stellt sicher, dass die Bundeswehr Zugriff auf modernste Technologie hat und gleichzeitig von der industriellen Basis eines Weltkonzerns profitiert. Die Entscheidung des Haushaltsausschusses über die ersten Tranchen wird somit nicht nur die kurzfristige Ausstattung der Truppe, sondern auch die langfristige Ausrichtung der deutschen Drohnenstrategie maßgeblich beeinflussen.