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Strategische Pattsituation bei United Airlines: Rechtsstreit mit Rolls-Royce belastet Airbus A350-Order

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Die langfristige Flottenplanung von United Airlines steht vor einer massiven Zerreißprobe. Seit beinahe zwei Jahrzehnten ringt die US-amerikanische Fluggesellschaft mit der Einführung des Airbus A350, der ursprünglich als Nachfolger für alternde Langstreckenmuster vorgesehen war.

Was als Hoffnungsträger für die Modernisierung der interkontinentalen Kapazitäten begann, hat sich nun zu einer juristischen Auseinandersetzung zwischen der Airline und dem britischen Triebwerkshersteller Rolls-Royce entwickelt. In einer aktuellen Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht informierte United Airlines ihre Aktionäre darüber, dass man Rolls-Royce wegen Vertragsbruchs belangt, nachdem Forderungen nach Rückzahlung von Anzahlungen in Millionenhöhe nicht nachgekommen wurde. Gleichzeitig hat der Triebwerksproduzent den bestehenden Vertrag gekündigt und eigene Vorwürfe gegen die Fluggesellschaft erhoben. Diese Eskalation führt dazu, dass der Airbus A350 vorerst vollständig aus dem Zulaufplan von United gestrichen wurde, was weitreichende Konsequenzen für die Kapazitätsplanung und die Wettbewerbsfähigkeit des Lufthansa-Partners auf den globalen Fernstrecken nach sich zieht.

Eine Historie der Unsicherheit und Auftragsänderungen

Die Geschichte der A350-Bestellung bei United Airlines ist von einer außergewöhnlichen Volatilität geprägt. Bereits im Jahr 2009 platzierte der Branchenriese einen Auftrag über 25 Maschinen des Typs A350-900. Zu diesem Zeitpunkt war das Flugzeug als idealer Ersatz für die damals noch zahlreich betriebenen Boeing 747-400 vorgesehen. Doch nur vier Jahre später, im Jahr 2013, entschied sich das Management für eine Anpassung der Strategie und wandelte die Bestellung in 35 Exemplare der größeren Variante A350-1000 um. Diese Entscheidung spiegelte den damaligen Trend zu immer größeren Langstreckenflugzeugen wider, um die Effizienz pro Sitzplatzmeile zu optimieren.

Im Jahr 2017 folgte jedoch eine erneute Kehrtwende. United stockte die Gesamtzahl der Flugzeuge zwar auf 45 Einheiten auf, kehrte aber wieder zur ursprünglichen Variante A350-900 zurück. Mit dieser letzten Vertragsänderung leistete die Fluggesellschaft eine Vorauszahlung in Höhe von 175 Millionen US-Dollar an Rolls-Royce, den Exklusivlieferanten für die Triebwerke des Typs Trent XWB. Diese Summe sollte die Produktion und Bereitstellung der Antriebssysteme für die geplanten Auslieferungen ab dem Jahr 2027 absichern. Die wiederholten Änderungen des Auftragsstatus ließen bereits frühzeitig Zweifel aufkommen, ob das Flugzeug tatsächlich jemals Einzug in die Flotte halten würde.

Eskalation des Konflikts mit Rolls-Royce

Die aktuelle juristische Auseinandersetzung markiert einen neuen Tiefpunkt in der Beziehung zwischen United Airlines und dem britischen Konzern. Im Dezember 2025 stellte United offizielle Rückforderungsansprüche bezüglich der geleisteten Anzahlungen. Die Fluggesellschaft wirft Rolls-Royce vor, vertragliche Vereinbarungen nicht eingehalten zu haben. Rolls-Royce wiederum reagierte mit der Kündigung des entsprechenden Liefervertrags und wies die Anschuldigungen zurück. In einer Stellungnahme gegenüber US-Medien betonte ein Sprecher des Triebwerksbauers, dass man von der eigenen Rechtsposition überzeugt sei und der gerichtlichen Klärung gelassen entgegensehe.

Hinter den Kulissen wird spekuliert, dass auch die preisliche Gestaltung der Triebwerkswartung und die Performance-Garantien eine Rolle bei dem Zerwürfnis spielen könnten. Rolls-Royce steht seit längerer Zeit unter Druck, die Rentabilität seiner Triebwerksprogramme zu steigern, während Fluggesellschaften weltweit auf niedrigeren Betriebskosten und hoher Zuverlässigkeit beharren. Dass ein langjähriger Großkunde wie United Airlines nun den Weg der Klage wählt, deutet auf einen tiefgreifenden Vertrauensbruch hin, der weit über einfache Lieferverzögerungen hinausgeht.

Die Rolle von United-Chef Scott Kirby und die gestrichene Flottenplanung

Noch im September 2025 hatte United-Vorstandschef Scott Kirby intern angekündigt, bis zum Ende des Jahres eine finale Entscheidung über die Zukunft der A350-Flotte treffen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt äußerte sich Kirby noch verhalten optimistisch und lobte die Konditionen, die Rolls-Royce für die Triebwerke in Aussicht gestellt hatte. Der A350 galt intern als der wahrscheinlichste Kandidat für den Ersatz der Boeing 777-200ER-Teilflotte, die in den kommenden Jahren das Ende ihrer wirtschaftlichen Lebensdauer erreicht.

Die plötzliche Streichung des Musters aus dem aktuellen Zulaufplan für die kommenden Jahre ist ein deutliches Signal. In der neuesten Pflichtmitteilung ist der A350 nicht mehr in der Liste der erwarteten Flugzeuglieferungen enthalten. Dies bedeutet, dass United Airlines ihre Kapazitätsplanung für das Ende des Jahrzehnts nun ohne den modernen Airbus-Jet gestalten muss. Die Lücke, die der Wegfall von 45 Großraumflugzeugen reißt, muss nun zwangsläufig durch andere Modelle gefüllt werden, wobei die Boeing 787 Dreamliner-Serie als naheliegendste Alternative gilt, da United hier bereits über eine große Bestandsflotte und bestehende Lieferverträge verfügt.

Kapazitätsengpässe und strategische Alternativen

Der Verzicht auf den Airbus A350 bringt United Airlines in eine komplexe Situation. Der Weltmarkt für Langstreckenflugzeuge ist derzeit durch extrem lange Lieferzeiten und Engpässe bei den Herstellern geprägt. Da United den A350 ursprünglich als Eckpfeiler für das Wachstum ab 2027 eingeplant hatte, muss die Airline nun nach Wegen suchen, die wegfallenden Sitze anderweitig bereitzustellen. Eine Option ist die Verlängerung der Dienstzeit bestehender Flugzeugtypen, was jedoch mit höheren Wartungskosten verbunden ist.

Zudem rückt die Konkurrenz zwischen Airbus und Boeing bei United erneut in den Fokus. Während der Rivale American Airlines voll auf eine Mischflotte setzt, könnte United nun gezwungen sein, sich noch stärker an Boeing zu binden, um kurz- bis mittelfristig an zusätzliche Kapazitäten zu gelangen. Airbus verliert mit United einen seiner wichtigsten potenziellen US-Kunden für den A350, was die Marktstellung des Typs in Nordamerika schwächt. Der Rechtsstreit mit Rolls-Royce fungiert hierbei als unüberwindbare Barriere, da für den A350 kein alternatives Triebwerk anderer Hersteller verfügbar ist.

Auswirkungen auf die Aktionäre und den Marktwert

Für die Aktionäre von United Airlines bedeutet die juristische Auseinandersetzung eine Phase der Ungewissheit. Die Vorauszahlung von 175 Millionen US-Dollar ist eine erhebliche Summe, deren Rückerhalt nun von einem langwierigen Gerichtsverfahren abhängt. Darüber hinaus müssen die Investoren darauf vertrauen, dass das Management in der Lage ist, die Flottenmodernisierung ohne den A350 kosteneffizient voranzutreiben. Experten gehen davon aus, dass die Airline versuchen wird, ihre bestehenden Bestellungen für die Boeing 787 aufzustocken, was jedoch erhebliche Neuinvestitionen erfordert.

Die Situation verdeutlicht zudem die Risiken der Abhängigkeit von einzelnen Zulieferern im Triebwerkssegment. Da Rolls-Royce beim A350 eine Monopolstellung innehat, führen Meinungsverschiedenheiten zwischen Airline und Hersteller fast zwangsläufig zum Scheitern des gesamten Flugzeugprojekts beim jeweiligen Kunden. United Airlines muss nun beweisen, dass sie trotz dieser operativen Rückschläge ihre ehrgeizigen Wachstumsziele im internationalen Verkehr erreichen kann. Der Ausgang des Rechtsstreits mit Rolls-Royce wird dabei nicht nur finanzielle, sondern auch langfristige strategische Weichen für die Flottenzusammensetzung der kommenden zwei Jahrzehnte stellen.

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