Winglet Boeing 757-300 (Foto: Jan Gruber).
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Strukturelle Mängel bei Scimitar Blended Winglets: FAA ordnet kurzfristige Sonderinspektionen für Boeing 757 an

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Die US-amerikanische Bundesluftfahrtbehörde FAA hat eine dringliche Sicherheitsanweisung für einen signifikanten Teil der weltweiten Boeing 757-Flotte erlassen. Hintergrund sind Berichte über Rissbildungen im Bereich der Tragflächenspitzen, die im Zusammenhang mit nachgerüsteten Flügelendstücken stehen.

Die Anordnung, die am 26. Februar veröffentlicht wurde und sofortige Gültigkeit erlangte, zwingt Fluggesellschaften dazu, ihre betroffenen Maschinen innerhalb einer extrem kurzen Frist von lediglich fünf Tagen einer technischen Sonderprüfung zu unterziehen. Diese Maßnahme folgt auf Entdeckungen bei Routinekontrollen, bei denen Defekte an Bauteilen festgestellt wurden, für die bislang keine spezifischen Inspektionsintervalle vorgesehen waren. Da die europäische Flugsicherheitsbehörde Easa die Anweisung bereits am Folgetag übernommen hat, sind Airlines weltweit gefordert, ihre Wartungspläne kurzfristig anzupassen, um die Betriebssicherheit des zweistrahligen Verkehrsflugzeugs zu gewährleisten. Der Fokus der Untersuchung liegt dabei auf den sogenannten Scimitar Blended Winglets, einer speziellen Modifikation, die zur Leistungssteigerung der Flugzeuge verbaut wurde.

Technische Ursachen und der Prozess der Rissbildung

Die Problematik konzentriert sich auf eine spezifische Komponente der Tragfläche, die im Zuge der Installation der Scimitar Blended Winglets (SBW) durch den Hersteller Aviation Partners Boeing (APB) modifiziert wurde. Den Ausgangspunkt für die behördliche Intervention bildete eine technische Untersuchung an einer Boeing 757-200. Techniker entdeckten dabei einen Riss in der unteren Außenflügelhaut. Die betroffene Stelle befindet sich in unmittelbarer Nähe des Zugangspanels 543BB. Hierbei handelt es sich um ein maschinell bearbeitetes Hautpanel, das als Teil des Umbausatzes von APB montiert wird, um die strukturelle Integrität der Tragfläche bei der Verwendung der großen Flügelendstücke zu unterstützen.

Strukturelle Belastungen an den Tragflächenspitzen sind in der Luftfahrt ein bekanntes Phänomen, da dort erhebliche aerodynamische Kräfte wirken. Die Scimitar-Modifikation, erkennbar an den charakteristischen, säbelförmig nach unten und oben gebogenen Endstücken, verändert die Lastverteilung am Flügelende. Da für das neu installierte Hautpanel im Rahmen der ursprünglichen Zulassung keine engmaschigen, verpflichtenden Wartungsinspektionen vorgeschrieben waren, konnten sich die nun entdeckten Materialermüdungen über einen längeren Zeitraum unbemerkt entwickeln. Die Verwendung der Hochfrequenz-Wirbelstromprüfung (HFEC) ist nun zwingend vorgeschrieben, da dieses Verfahren in der Lage ist, auch mikroskopisch kleine Haarrisse unter der Oberfläche des Metalls aufzuspüren, die mit bloßem Auge nicht erkennbar wären.

Verschärfung der Inspektionsfristen durch neue Erkenntnisse

Die zeitliche Abfolge der Ereignisse verdeutlicht die Dringlichkeit, mit der die Behörden auf die neue Bedrohungslage reagieren. Bereits Anfang Februar hatte der Hersteller Aviation Partners Boeing auf die ersten Berichte reagiert und ein sogenanntes Alert Service Bulletin herausgegeben. In diesem Dokument wurde den Betreibern empfohlen, die entsprechenden Stellen innerhalb von 30 Tagen zu prüfen. Diese Empfehlung basierte auf der Annahme, dass es sich um Einzelfälle handeln könnte, die keine unmittelbare Gefahr für den laufenden Flugbetrieb darstellten.

Die Situation änderte sich jedoch drastisch, als im Zuge der daraufhin eingeleiteten freiwilligen Kontrollen weitere Risse gemeldet wurden. Insgesamt wurden fünf Flugzeuge identifiziert, die denselben strukturellen Defekt aufwiesen. Angesichts dieser Häufung sah sich die FAA gezwungen, die Frist von 30 Tagen auf lediglich fünf Tage zu verkürzen. Eine solche drastische Reduzierung der Inspektionszeit ist in der Luftfahrtbranche ein deutliches Signal für ein erhöhtes Sicherheitsrisiko. Die Behörde stuft die potenzielle Gefahr einer strukturellen Schwächung der Tragfläche als so gravierend ein, dass ein längerer Aufschub der Kontrollen nicht mehr zu rechtfertigen war.

Betroffene Fluggesellschaften und Flottenstatistik

Die Auswirkungen der Lufttüchtigkeitsanweisung sind geografisch weit gestreut, betreffen jedoch besonders stark den US-amerikanischen Markt, auf dem die Boeing 757 nach wie vor eine tragende Rolle im Mittel- und Langstreckenverkehr spielt. In den USA sind laut FAA-Angaben 156 Flugzeuge registriert, die unter die neue Verordnung fallen. Weltweit sind etwa 265 Maschinen des Typs Boeing 757 mit Winglets von Aviation Partners Boeing ausgerüstet, wobei nicht jedes dieser Flugzeuge über die betroffene Scimitar-Variante verfügt. Dennoch müssen Betreiber in Europa, Asien und Amerika nun prüfen, ob ihre Flotte die spezifischen APB-Modifikationen aufweist.

Die Scimitar Blended Winglets wurden im Jahr 2015 eingeführt, wobei United Airlines als Erstkunde fungierte. Die Zulassung durch die FAA und die Easa erfolgte im Jahr 2016 als ergänzende Musterzulassung (STC). Seitdem haben viele Fluggesellschaften ihre älteren 757-Bestände nachgerüstet, um die Effizienz der Maschinen zu steigern. Große Betreiber wie Delta Air Lines, United Airlines und verschiedene Frachtfluggesellschaften wie Fedex oder UPS nutzen die Boeing 757 intensiv. Während einige Airlines bereits begonnen haben, die 757 durch modernere Muster wie den Airbus A321neo zu ersetzen, bleibt der Typ aufgrund seiner einzigartigen Leistungsdaten für viele Strecken unverzichtbar. Die kurzfristig angeordneten Prüfungen könnten nun zu operativen Störungen im Flugplan führen, falls Maschinen für die Wirbelstromprüfung außer Dienst gestellt werden müssen.

Verfahren der Wirbelstromprüfung im Wartungsalltag

Die Durchführung einer Hochfrequenz-Wirbelstromprüfung erfordert spezialisiertes Personal und technisches Gerät. Bei diesem zerstörungsfreien Prüfverfahren wird eine Sonde über die Metalloberfläche geführt, die ein elektromagnetisches Feld erzeugt. Veränderungen in diesem Feld geben Aufschluss über Unregelmäßigkeiten im Materialgefüge. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt darin, dass Lackschichten oder Oberflächenbeschichtungen nicht zwingend entfernt werden müssen, um Risse im darunterliegenden Aluminium zu finden. Dennoch ist der zeitliche Aufwand pro Flugzeug nicht zu unterschätzen, da der Zugang zum Panel 543BB oft die Verwendung von Hebebühnen oder speziellen Gerüsten erfordert.

Sollten bei den nun angeordneten Prüfungen weitere Risse gefunden werden, dürfen die betroffenen Flugzeuge bis zu einer vollständigen Reparatur nicht mehr abheben. Die Instandsetzung solcher strukturellen Schäden an der Flügelhaut ist zeitaufwendig und kostspielig, da oft ganze Segmente verstärkt oder ausgetauscht werden müssen. Für die Fluggesellschaften bedeutet dies ein finanzielles Risiko, das über die reinen Inspektionskosten hinausgeht. Zudem stellt sich die Frage der Haftung, da die Bauteile von einem Drittanbieter stammen und die ursprünglichen Wartungsprotokolle der Boeing 757 diese spezifischen Schwachstellen nicht abdeckten.

Historischer Kontext und Ausblick auf die Flottensicherheit

Die Boeing 757 gilt seit ihrer Indienststellung in den 1980er Jahren als eines der zuverlässigsten Flugzeuge ihrer Klasse. Die aktuelle Problematik zeigt jedoch, dass spätere Modifikationen an bewährten Flugzeugtypen neue Herausforderungen für die Langzeitsicherheit mit sich bringen können. In der Vergangenheit gab es bereits ähnliche Anweisungen für andere Flugzeugtypen, bei denen nachgerüstete Winglets zu einer veränderten Belastungssituation führten. Die Luftfahrtbehörden betonen, dass die ständige Überwachung der Bestandsflotten und die schnelle Reaktion auf Funde bei Wartungen die Basis für das hohe Sicherheitsniveau der modernen Aviatik bilden.

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob die Rissbildungen auf eine bestimmte Produktionscharge der APB-Panel begrenzt sind oder ob es sich um ein generelles Konstruktionsproblem der Scimitar-Nachrüstung handelt. Sollten die großflächigen Untersuchungen weitere Defekte zutage fördern, könnten dauerhafte Änderungen an den Wartungsintervallen für die gesamte 757-Flotte die Folge sein. Für den Hersteller Aviation Partners Boeing bedeutet der Vorfall einen erheblichen Imageschaden und potenziell hohe Kosten für die Bereitstellung von Reparatursätzen. Die internationale Zusammenarbeit zwischen FAA und Easa stellt unterdessen sicher, dass Sicherheitsstandards grenzüberschreitend durchgesetzt werden und kein Wettbewerbsvorteil durch geringere Sicherheitsauflagen entsteht.

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