Sukhoi SSJ-100 (Foto: Anna Zvereva).
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Technische Mängel am Sukhoi Superjet: Eine neue Herausforderung für Rußlands Luftfahrt

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Im russischen Inlandsflugverkehr sind bei mehreren Regionalflugzeugen des Typs Sukhoi Superjet 100 Mängel am Rumpf festgestellt worden. Die Entdeckung, die von der russischen Luftfahrtbehörde den betroffenen Fluggesellschaften mitgeteilt wurde, stellt einen weiteren Rückschlag für das ohnehin schon in die Kritik geratene Flugzeugmuster dar.

Der Vorfall unterstreicht die wachsenden Schwierigkeiten der russischen Luftfahrtindustrie, die nach der Verhängung westlicher Sanktionen zur Beschaffung von Ersatzteilen zunehmend auf inländische Flugzeugtypen angewiesen ist. Die nun aufgedeckten Mängel zeigen, daß der Weg zur vollständigen Eigenständigkeit in der Luftfahrt mit erheblichen technischen und logistischen Hürden verbunden ist und die operativen Herausforderungen für die russischen Betreiber weiter verschärft.

Die strukturelle Schwachstelle: Mangelhafte Rumpfausstattung bei 14 Maschinen

Laut Berichten der Zeitung The Moscow Times wurden mehrere russische Fluggesellschaften vom Flugzeughersteller Yakovlev und der russischen Zivilluftfahrtbehörde Rosaviatsia über die Mängel an den Rümpfen ihrer Sukhoi Superjet 100 informiert. Betroffen sind demnach mindestens 14 Maschinen mit den Seriennummern 95104 bis 95117. Die Mängel wurden bereits im Mai dieses Jahres vom Hersteller an die Luftfahrtbehörde gemeldet, die daraufhin Anfang August eine entsprechende Anweisung an die betroffenen Fluggesellschaften erliess. Die rasche behördliche Reaktion unterstreicht die Ernsthaftigkeit des Problems, auch wenn die Mängel bisher zu keinen operativen Schwierigkeiten geführt haben.

Das Kernproblem, so die Berichte, liegt in den sogenannten Stringern, den strukturellen Elementen, die den Flugzeugrumpf verstärken. Bei den betroffenen Maschinen sollen diese Komponenten zwischen dem Cockpit und einer der Passagiertüren nicht sicher befestigt sein. Obwohl die Mängel möglicherweise geringfügig erscheinen mögen, sind strukturelle Schwachstellen am Rumpf eines Flugzeugs eine ernste Angelegenheit, die die Lufttüchtigkeit des Flugzeugs und die Sicherheit der Passagiere beeinträchtigen können, wenn sie nicht behoben werden. Die betroffenen Fluggesellschaften, darunter Rossiya, Azimuth und Yamal, wurden angewiesen, die erforderlichen Inspektionen durchzuführen. Ein Sprecher der Fluggesellschaft Rossiya bestätigte den Erhalt der Anweisung und die Durchführung der vorgeschriebenen Überprüfung, bei der „keine Mängel“ festgestellt wurden.

Ein Erbe der Sanktionen: Rußlands Abhängigkeit von inländischer Luftfahrt

Die Entdeckung der neuen Mängel kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die russische Luftfahrtindustrie unter erheblichem Druck steht. Nach der Verhängung westlicher Sanktionen im Jahre 2022 wurde den russischen Fluggesellschaften der Zugang zu Ersatzteilen für ihre zumeist aus westlicher Produktion stammenden Maschinen von Airbus und Boeing abgeschnitten. Diese Massnahmen haben die Airlines gezwungen, sich zunehmend auf inländische Flugzeugtypen zu verlassen. Der Sukhoi Superjet 100 ist dabei das zentrale Arbeitspferd im russischen Regionalflugverkehr.

Die strategische Neuausrichtung auf die Eigenproduktion von Flugzeugen, Triebwerken und Komponenten soll die Luftfahrtindustrie des Landes von ihrer bisherigen Abhängigkeit von ausländischen Herstellern befreien. Allerdings ist der Übergang mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Wartung der verbliebenen westlichen Flotten wird zunehmend durch das Fehlen von Ersatzteilen erschwert, was die Fluggesellschaften dazu zwingt, Maschinen für Teilespenden zu kannibalisieren. Die nun bekannt gewordenen Rumpfmängel am Superjet 100 zeigen, daß die inländische Alternative ebenfalls mit technischen Problemen zu kämpfen hat und keine einfache Lösung für die strategischen Dilemmata der russischen Luftfahrt darstellt.

Ein langer Schatten: Die Unfallhistorie des Superjet 100

Die jüngsten Mängel sind nicht das erste Problem, das die Reputation des Sukhoi Superjet 100 belastet. Das Flugzeug hat eine bewegte Geschichte, die von wiederkehrenden technischen Problemen und mehreren schweren Unfällen geprägt ist. Seit seiner Einführung war der Jet in über 95 Zwischenfälle verwickelt. Von diesen führten fünf zu einem Totalverlust des Rumpfes, wobei drei Unfälle insgesamt 89 Todesopfer forderten. Zu den bekanntesten Vorfällen gehören der Absturz im Jahre 2012 während eines Demonstrationsfluges in Indonesien, bei dem alle 45 Personen an Bord starben, und der Unfall im Jahre 2019 am Flughafen Moskau-Scheremetjewo, bei dem 41 Menschen ums Leben kamen. Diese Bilanz hat die Zuverlässigkeit und Sicherheit des Flugzeugs in Frage gestellt und sein Image sowohl im Inland als auch im Ausland nachhaltig geschädigt.

Der aktuelle Mangel stellt glücklicherweise keine unmittelbare Gefahr dar, da er während einer routinemässigen Inspektion entdeckt wurde, doch er untermauert das bestehende Vertrauensproblem in die Konstruktion und die Qualitätskontrolle des Musters. Die Notwendigkeit zur Überprüfung der Stringer ist ein weiteres Kapitel in der langen Liste der Herausforderungen, mit denen sich die Betreiber des Superjet 100 konfrontiert sehen.

Komplexität in der Wartung: Operative Herausforderungen für die Fluggesellschaften

Für die betroffenen Fluggesellschaften bedeuten die neuen Mängel eine zusätzliche operative Belastung. Die von der Luftfahrtbehörde angeordneten Inspektionen sind nicht trivial. Wie die The Moscow Times berichtete, müssen die Betreiber die thermische und akustische Isolierung, die Verkleidung des Türrahmens und sogar das Modul der Bordtoilette ausbauen, um die strukturellen Komponenten freizulegen und zu prüfen. Die Komplexität dieser Arbeiten führt dazu, daß Flugzeuge aus dem Flugbetrieb genommen werden müssen, was die verfügbare Kapazität der Fluggesellschaften weiter reduziert. Dies stellt eine erhebliche logistische Herausforderung dar, insbesondere für kleinere Airlines wie Yamal oder Azimuth, die nur eine begrenzte Anzahl an Superjets in ihrer Flotte haben.

Das Problem verdeutlicht die Abhängigkeit der russischen Fluggesellschaften von der Verfügbarkeit ihrer Flotte. Jede Stilllegung eines Flugzeugs aufgrund technischer Überprüfungen führt zu Einnahmeverlusten und beeinträchtigt die Stabilität der Flugpläne. Die russischen Airlines müssen somit eine Gratwanderung zwischen der Sicherstellung der Flugsicherheit und dem Aufrechterhalten eines regelmässigen Flugbetriebs meistern.

Blick in die Zukunft: Das Wettrüsten um den Russified Superjet

Trotz der anhaltenden Probleme mit dem bestehenden Modell treibt die russische Regierung die Entwicklung einer neuen, vollständig russifizierten Version des Regionaljets voran. Der Yakovlev SJ-100 NEW soll die Abhängigkeit von ausländischen Komponenten, die im bisherigen Superjet verbaut sind, beenden. Ein entscheidender Schritt in diese Richtung ist die Ersetzung des französisch-russischen SaM146-Triebwerks durch das neue, rein russische Aviadvigatel PD-8-Triebwerk.

Das Vorhaben wird massgeblich vom Staat unterstützt. Die staatlich kontrollierten Fluggesellschaften Aeroflot, Aurora und Rossiya Airlines haben bereits über 100 Bestellungen für das neue Modell aufgegeben. Mit diesem strategischen Schritt soll die Produktion von inländischen Flugzeugen vorangetrieben und die russische Luftfahrtindustrie langfristig gesichert werden. Die Neuentwicklung des Superjet 100 ist somit nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein Symbol für das Streben Rußlands nach technologischer Autarkie in einem der wichtigsten Industriezweige. Der Erfolg oder Misserfolg des SJ-100 NEW wird zeigen, ob Rußland in der Lage ist, die technischen Herausforderungen zu bewältigen und eine inländische Luftfahrtindustrie aufzubauen, die in der Lage ist, die Sicherheits- und Zuverlässigkeitsstandards der modernen Luftfahrt zu erfüllen.

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