Die thailändische Flugaufsichtsbehörde Civil Aviation Authority of Thailand (CAAT) hat den Low-Cost-Carrier Nok Air mit sofortiger Wirkung von allen internationalen Flügen suspendirt und jegliche Expansionspläne untersagt. Diese rigorose Massnahme wurde ergriffen, nachdem eine Reihe von Sicherheitsbedenken und betrieblichen Mängeln festgestellt worden war.
Die CAAT fordert von der Fluggesellschaft, alle festgestellten Defizite umgehend zu beheben, bevor ein weiterer Betrieb oder eine Netzwerkerweiterung gestattet wird. Dieser Schritt ist Teil einer breiter angelegten Bemühung der thailändischen Luftfahrtindustrie, die strengen Sicherheitsstandards der International Civil Aviation Organization (ICAO) zu erfüllen, da das Land derzeit von einer Prüfung der ICAO selbst unter die Lupe genommen wird.
Schwerwiegende Mängel in den Betriebsabläufen: Die Liste der Vorfälle
Die Entscheidung der CAAT gegen Nok Air ist nicht das Resultat eines einzelnen Vorfalls, sondern das Ergebnis einer Analyse, die eine signifikante Häufung von Sicherheitsvorkommnissen über einen Zeitraum von 2023 bis 2025 aufzeigte. Luftmarschall Manat Chavanaprayoon, der Generaldirektor der CAAT, listete eine Reihe von Besorgnis erregenden Vorfällen auf, darunter Triebwerksausfälle während des Fluges, Landebahnüberschreitungen, harte Landungen und sogenannte Tail Strikes, bei denen das Heck des Flugzeugs die Start- oder Landebahn berührt.
Besondere Sorge bereitet den Aufsichtsbehörden die Häufung von Triebwerksabschaltungen während des Fluges, deren genaue Ursache bislang nicht ermittelt werden konnte. Solche Vorfälle sind äusserst kritisch und bedürfen einer umgehenden und tiefgreifenden Ursachenanalyse, um das damit verbundene Risiko für die Flugsicherheit zu bewerten und Gegenmassnahmen zu ergreifen. Runway Excursions, also das Überschiessen oder Abkommen von der Landebahn, sind oft Indikatoren für Probleme bei den Flugbetriebsabläufen oder Flugzeugwartung. Tail Strikes, die in der Regel durch einen zu steilen Anflugwinkel oder eine fehlerhafte Startkonfiguration verursacht werden, deuten auf mögliche Defizite in der Pilotenausbildung oder im Flugbetriebsmanagement hin. Die CAAT betonte in ihrer Erklärung, daß Nok Air in den letzten Jahren keine wirksamen Massnahmen ergriffen habe, um diese betrieblichen Ineffizienzen zu beseitigen.
Personalfluktuation als Warnsignal: Die Sorgen um die Sicherheitskultur
Neben den technischen und operativen Mängeln hat die CAAT auch auf gravierende Probleme im Personalwesen und der Unternehmenskultur von Nok Air hingewiesen. Die Behörde äusserte sich besorgt über eine signifikante Anzahl von Kündigungen bei Piloten, Fluglehrern und Aviation Inspectors. Eine derart hohe Fluktuation von hochqualifiziertem Fachpersonal könne die Sicherheit im Betrieb direkt gefährden. Die Abwanderung von Fluglehrern und Inspektoren erschwert zudem die Ausbildung und Qualifizierung neuer Mitarbeiter und die Aufrechterhaltung der Betriebsstandards.
Die CAAT argumentiert, daß dieser Massenexodus ein symptomatisches Problem sei und interne Defizite widerspiegele. Es gebe offensichtliche Mängel in der Sicherheitskultur, der Mitarbeitermotivation und der Personalpolitik. Ein gesundes Sicherheitsumfeld in einem Luftfahrtunternehmen hängt massgeblich davon ab, daß die Mitarbeiter sicherheitsrelevante Vorfälle ohne Sorge vor Repressalien melden können. Wenn qualifizierte Mitarbeiter in grosser Zahl das Unternehmen verlassen, bestehe die Gefahr, daß Flugpersonal mit unzureichendem Wissen und mangelnder Erfahrung eingesetzt werde. Diese Bedenken wiegen schwer und erfordern nicht nur technische, sondern auch organisatorische und kulturelle Veränderungen, um das Vertrauen der Aufsichtsbehörden wiederherzustellen.
Ein Akt der Vorsicht: Thailands Luftfahrt im Fokus der ICAO
Die Entschlossenheit der CAAT, gegen Nok Air vorzugehen, muss im Kontext einer breiteren nationalen Strategie verstanden werden. Das Land steht seit dem 27. August 2025 im Fokus eines Sicherheitsaudits durch die ICAO, das bis zum 8. September andauert. Die Vorgeschichte Thailands in dieser Hinsicht ist von Bedeutung: Bereits 2015 hatte die ICAO das Land wegen unzureichender Flugsicherheitsstandards mit einer roten Flagge versehen. Diese Einstufung führte auch zu einer Herabstufung durch die FAA in den Vereinigten Staaten auf die Kategorie 2. Dies hatte zur Folge, daß die thailändischen Fluggesellschaften keine neuen Routen in die USA eröffnen durften. Nach intensiven Reformbemühungen und der Neugestaltung der Luftfahrtbehörde (aus dem Department of Civil Aviation wurde die CAAT) konnte Thailand im Jahr 2017 die rote Flagge der ICAO wieder entfernen. Erst im April 2025 wurde die Einstufung durch die FAA wieder auf Kategorie 1 angehoben, was thailändischen Carriern die Wiederaufnahme von Flügen in die USA ermöglicht.
Die nun laufende Inspektion durch die ICAO ist daher von nationaler Bedeutung. Die CAAT scheint entschlossen, proaktiv und mit unmissverständlicher Härte zu reagieren, um zu demonstrieren, daß die Sicherheit an oberster Stelle steht. Das Vorgehen gegen Nok Air sendet ein klares Signal an die ICAO-Auditoren, daß die thailändischen Behörden die Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben und bereit sind, drastische Massnahmen zu ergreifen, um die internationalen Sicherheitsstandards nicht nur zu erfüllen, sondern auch aufrechtzuerhalten.
Die Herausforderung für Nok Air: Geschäftsmodell unter Druck
In einer Stellungnahme verteidigte Wutthiphum Jurangkool, der Hauptgeschäftsführer von Nok Air, das Sicherheitsprofil der Airline. Er wies darauf hin, daß die Fluggesellschaft seit Juni 2025 keine internationalen Flüge mehr durchführe, was die Aussetzung der internationalen Routen praktisch bedeutungslos mache. Dieser Umstand sei auf marktübliche Schwankungen und die Nachfragesituation zurückzuführen. Zudem betonte er, daß der Inlandsflugverkehr unter strenger Aufsicht der CAAT normal weiterlaufe und die Airline alle Wartungsvorschriften und Sicherheitsprüfungen der IATA und von Boeing erfülle.
Trotzdem stehen Nok Air erhebliche Herausforderungen bevor. Ein Betriebsstopp für internationale Flüge und ein Expansionsverbot beeinträchtigen das Geschäftsmodell eines Low-Cost-Carriers erheblich. Das Wachstum und die Rentabilität von Fluggesellschaften dieser Art hängen massgeblich von der kontinuierlichen Expansion des Streckennetzes ab, um neue Märkte zu erschliessen und die Effizienz zu steigern. Das Verbot, auch das Inlandsnetzwerk zu erweitern, stellt eine direkte Bedrohung für die Wettbewerbsfähigkeit von Nok Air dar. Konkurrenten wie Thai AirAsia und Thai Lion Air könnten die Lücke nutzen, um Marktanteile zu gewinnen.
Das Management von Nok Air hat nun die Aufgabe, die von der CAAT genannten Sicherheitsmängel umgehend und nachweislich zu beheben. Die Regulierungsbehörde hat dem Unternehmen eine einwöchige Frist gesetzt, um einen Plan zur Behebung der Mängel vorzulegen. Das Schicksal der Airline hängt davon ab, ob es ihr gelingt, die Aufsichtsbehörden davon zu überzeugen, daß sie die Sicherheitskultur und die Betriebsstandards nachhaltig verbessert.