Airbus A320neo (Foto: Jan Gruber).
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Umfassende Flottenkorrektur: Wizz Air verhandelt über Verschiebung von 100 Airbus-Auslieferungen

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Die europäische Billigfluggesellschaft Wizz Air befindet sich in fortgeschrittenen Verhandlungen mit dem Flugzeughersteller Airbus über eine signifikante Verschiebung von Flugzeugauslieferungen. Berichten zufolge geht es um die Neubewertung des Zeitplans für rund 100 bestellte Maschinen, deren Übergabe ursprünglich bis zum Ende des Jahrzehnts, also bis 2030, vorgesehen war. Die neuen Liefertermine sollen nun in das nächste Jahrzehnt verschoben werden. Diese strategische Kurskorrektur ist eine direkte Reaktion auf anhaltende operative und finanzielle Belastungen, allen voran die schwerwiegenden Probleme mit Triebwerken des Herstellers Pratt & Whitney, die zu langwierigen Groundings wesentlicher Teile der Wizz Air Flotte führen.

Die Entscheidung zur Verlangsamung des Auslieferungsplans, die das Unternehmen bereits im Rahmen seiner Quartalsberichte angekündigt hat, markiert einen deutlichen Strategiewechsel. Anstatt auf einen aggressiven Kapazitätsausbau zu setzen, konzentriert sich Wizz Air nun darauf, den operativen Druck zu mindern, der durch die massive Anzahl an Flugzeugen am Boden entsteht. Die Aktien des Unternehmens haben in diesem Jahr bereits einen Wertverlust von über 20 Prozent verzeichnet, was die Nervosität der Investoren angesichts der operativen Herausforderungen und des intensiven Wettbewerbs im europäischen Billigflugsegment widerspiegelt. Die Verschiebung der Airbus-Bestellungen ist somit ein zentraler Bestandteil einer umfassenderen Krisenbewältigungsstrategie.

Der Triebwerksengpass als Haupthemmnis

Das Kernproblem, das Wizz Air zu dieser weitreichenden Flottenentscheidung zwingt, liegt in den fortwährenden Schwierigkeiten mit den Getriebefan-Triebwerken (GTF) des Typs PW1100G des Herstellers Pratt & Whitney, einer Tochtergesellschaft von RTX. Diese Triebwerke werden in den modernen Airbus A320neo und A321neo Flugzeugen eingesetzt, die das Rückgrat der Wachstumsstrategie von Wizz Air bilden sollten.

Die Probleme reichen über die allgemein bekannten Qualitätsprobleme bei der Pulvermetallurgie, die eine umfassende Inspektion und Wartung der Triebwerke erforderlich machten, hinaus. Berichten zufolge leidet Wizz Air unter einer geringeren Lebensdauer der Triebwerke im Betrieb („lower time-on-wing“), was häufigere und längere Wartungsintervalle zur Folge hat. Diese Umstände haben dazu geführt, dass zeitweise Dutzende von Airbus-Maschinen der A320neo-Familie nicht eingesetzt werden konnten. Zu Beginn des Jahres 2025 rechnete der ungarische Billigflieger mit einem durchschnittlichen Ausfall von rund 40 Flugzeugen aufgrund der GTF-Problematik.

Die Konsequenzen sind massiv: Die triebwerksbedingten Groundings schränken die Möglichkeit von Wizz Air ein, ihre geplante Kapazität anzubieten und zu erweitern. Finanzvorstand Ian Malin äußerte die Ambition, die durch die Triebwerke verursachten Stillstände bis Ende 2027 zu beenden – ein Ziel, das angesichts des anhaltenden Ausmaßes der Probleme sportlich erscheint. Firmenchef Jozsef Varadi erklärte im September, dass Wizz Air intensiv mit Pratt & Whitney zusammenarbeite, um die Wartungszyklen zu beschleunigen und die Flugzeuge schneller wieder in die Luft zu bringen.

Strategische Anpassung der Flottenexpansion

Die Verschiebung von etwa 100 Flugzeuglieferungen ist eine tiefgreifende Korrektur in der Expansionsstrategie von Wizz Air. Ursprünglich verfolgte die Fluggesellschaft einen sehr aggressiven Wachstumskurs, um ihre Position im hart umkämpften europäischen Billigflugmarkt zu festigen. Airbus ist bekannt für seine vollen Auftragsbücher, und Lieferverzögerungen sind in der Branche nicht ungewöhnlich. In diesem Fall geht die Initiative jedoch von der Fluggesellschaft selbst aus, um den eigenen Flotten- und Kapazitätsdruck zu regulieren.

Durch die Verschiebung ins nächste Jahrzehnt entlastet Wizz Air seine kurz- und mittelfristige Bilanz von erheblichen Investitionen und dem Bedarf an zusätzlichem Personal und Wartungskapazitäten, die für die Integration neuer Flugzeuge erforderlich wären. Angesichts der Tatsache, dass die vorhandene Flotte bereits durch die Triebwerksprobleme stark beansprucht ist, würde eine planmäßige Übernahme weiterer Maschinen die operativen Engpässe potenziell noch verschärfen.

Experten sehen in diesem Schritt eine notwendige Rationalisierung. Wizz Air muss zunächst die aktuellen Flottenprobleme in den Griff bekommen, bevor ein ungebremstes Wachstum wieder aufgenommen werden kann. Die Fluggesellschaft verfolgte zuletzt sogar Pläne, ältere A320ceo-Maschinen schneller auszumustern, während gleichzeitig an der Neuausrichtung des Streckennetzes gearbeitet wird, was auch einen Rückzug aus dem Markt von Abu Dhabi einschließt. Die Anpassung der A321XLR-Bestellungen, die Wizz Air kürzlich begonnen hat, ist ebenfalls Teil dieser Flottenrationalisierung.

Finanzieller Druck und Marktumfeld

Die operativen Schwierigkeiten haben direkte finanzielle Konsequenzen. Wizz Air musste in der jüngsten Vergangenheit zwei Gewinnwarnungen ausgeben und verfehlte im Juli die Gewinnerwartungen für das erste Quartal, was die anhaltenden Groundings zur Ursache hatte. Die Tatsache, dass das Unternehmen gezwungen war, deutlich mehr Ersatztriebwerke vorzuhalten, als vertraglich vorgesehen und branchenüblich, unterstreicht die finanzielle Belastung.

Im Vergleich zu direkten Wettbewerbern wie Ryanair, die in Europa nach Passagierzahlen dominieren, befindet sich Wizz Air in einer herausfordernden Position. Obwohl die Passagierzahlen im letzten Geschäftsjahr leicht gestiegen sind, steht der Konzern unter starkem Preis- und Kostendruck. Steigende Betriebskosten, erhöhte Gebühren an Flughäfen und der allgemeine Wettbewerb im Billigsegment – der sich durch Preisänderungen und verschwimmende Grenzen zwischen Billigfliegern und klassischen Carriern weiterentwickelt – zehren an den Margen. Die Kursschwäche der Wizz Air Aktie ist ein klares Signal des Kapitalmarkts, der eine nachhaltige Lösung der technischen und operativen Probleme erwartet. Die Verhandlungen mit Airbus und Pratt & Whitney stellen somit nicht nur eine logistische, sondern auch eine entscheidende finanzielle Maßnahme dar, um die mittelfristige Ertragslage zu stabilisieren und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Die europäische Luftfahrtbranche beobachtet die Entwicklungen genau, da die Probleme mit den GTF-Triebwerken auch andere Betreiber betreffen, wenngleich Wizz Air derzeit besonders stark betroffen scheint.

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