Ein US-Geschworenengericht in Seattle hat den Flugzeughersteller Boeing von Vorwürfen des Betrugs freigesprochen, die von der polnischen Fluggesellschaft LOT erhoben worden waren. LOT hatte das Unternehmen beschuldigt, kritische Informationen über das Flugsteuerungssystem der Boeing 737 Max bewusst verschwiegen zu haben.
Diese technischen Systeme standen im Zentrum der Untersuchungen zu zwei Abstürzen in den Jahren 2018 und 2019, die einen weltweiten Flugstopp des Typs für insgesamt 20 Monate zur Folge hatten. Die polnische Fluggesellschaft forderte Schadensersatz in Höhe von 153 Millionen US-Dollar für die durch das Grounding entstandenen finanziellen Verluste.
Nach einer zweiwöchigen Beweisaufnahme vor dem Bundesbezirksgericht berieten die Geschworenen lediglich drei Stunden, bevor sie das Urteil zugunsten des US-Konzerns fällten. Die Klägerseite hatte argumentiert, dass Boeing die Änderungen am MCAS-System gegenüber Kunden und Regulierungsbehörden heruntergespielt habe, um Kosten bei der Pilotenschulung zu sparen. Boeing hingegen vertrat die Position, dass die vertraglichen Vereinbarungen eingehalten wurden und keine betrügerische Absicht vorlag. Während Boeing das Urteil begrüßte, ließ LOT offen, ob das Unternehmen in Berufung gehen wird, um den Rechtsstreit fortzusetzen.
Der Prozess ist Teil einer umfassenderen juristischen Aufarbeitung der 737-Max-Krise, die Boeing bereits Milliarden an Entschädigungszahlungen und Bußgeldern gekostet hat. Im Gegensatz zu außergerichtlichen Einigungen, die Boeing mit zahlreichen anderen Fluggesellschaften wie Southwest Airlines oder United Airlines erzielte, entschied sich LOT für den Weg einer Klage vor einem US-Zivilgericht. Das aktuelle Urteil stärkt die Position des Herstellers gegenüber verbleibenden zivilrechtlichen Forderungen anderer internationaler Kunden, die ebenfalls Verluste durch den monatelangen Ausfall ihrer Flotten geltend machen wollten.
Trotz des juristischen Erfolgs in diesem Einzelverfahren steht Boeing weiterhin unter Beobachtung der US-Luftfahrtbehörde FAA und der Justizbehörden. Die finanziellen Auswirkungen der Krise belasten die Bilanz des Konzerns bis heute, insbesondere durch Nachzahlungen an Zulieferer und die Kosten für technische Nachbesserungen. Die Entscheidung in Seattle zeigt jedoch, dass die Hürden für den Nachweis einer vorsätzlichen arglistigen Täuschung im Zivilrecht hoch liegen. Für die Fluggesellschaft LOT bedeutet die Niederlage vorerst, dass die erhofften Kompensationen für die Betriebsunterbrechungen der Jahre 2019 und 2020 ausbleiben.