Die Insolvenz der lettischen ACMI-Fluggesellschaft Smartlynx Airlines wirft zahlreiche Fragen hinsichtlich der Umstände des Zusammenbruchs und der Komplexität der Eigentümerstrukturen auf.
Unmittelbar vor der Stellung des Antrags auf Gläubigerschutz Ende Oktober wurde die Fluggesellschaft, die sich auf das Wet-Lease-Geschäft (ACMI – Aircraft, Crew, Maintenance, and Insurance) spezialisiert hatte, von ihrem früheren Mutterkonzern, der weltweit agierenden Avia Solutions Group (ASG), an einen niederländischen Fonds veräußert. Dieser Eigentümerwechsel erfolgte kurz vor dem Scheitern des Sanierungsversuchs in Eigenverwaltung, der ursprünglich bis Ende Februar 2026 angesetzt war. Der Betrieb der lettischen Einheit wurde zwischenzeitlich vollständig eingestellt.
Der Fall Smartlynx Airlines Latvia ist besonders bemerkenswert aufgrund der immensen Schuldenlast von 238 Millionen Euro und der Tatsache, dass ein Großteil dieser Verbindlichkeiten gegenüber der früheren Muttergesellschaft Avia Solutions Group selbst besteht. Während die europäischen Schwestergesellschaften in Malta und Estland ebenfalls von der Insolvenz betroffen und außer Betrieb sind, setzen die asiatischen und australischen Einheiten von Smartlynx den Flugbetrieb unter neuen Markennamen fort.
Der umstrittene Eigentümerwechsel und die Schuldenstruktur
Die Transaktion, die den Zusammenbruch von Smartlynx Airlines Latvia begleitete, hat in der Branche für Aufsehen gesorgt. Avia Solutions verkaufte 90 Prozent der Anteile der lettischen Gesellschaft an die Stichting Break Point Distressed Assets Management, einen niederländischen Fonds. Die restlichen 10 Prozent gingen an das Management der Airline. Recherchen zufolge führt der niederländische Fonds zu einem Anwaltsbüro auf Zypern, das eine Reihe von Firmen verwaltet und typischerweise in akuten Unternehmenssanierungen auftritt.
Die zeitliche Nähe des Verkaufs zum Insolvenzantrag wirft bei externen Gläubigern und Branchenbeobachtern Fragen auf. Die Gesamtverbindlichkeiten der lettischen Airline beliefen sich auf über 238 Millionen Euro. Davon entfielen rund 175 Millionen Euro auf Forderungen von Unternehmen innerhalb der Avia Solutions Group, was nahezu drei Viertel der Gesamtschulden ausmacht. Zu den externen Gläubigern zählen große Akteure der Luftfahrtindustrie wie Lufthansa Technik und Lufthansa Systems mit Forderungen von etwa fünf Millionen Euro sowie Airbus mit circa 750.000 Euro für Ersatzteillieferungen. Auch unbezahlte Steuerschulden in Lettland in Höhe von rund 500.000 Euro wurden gemeldet.
Avia Solutions Group betonte, die Transaktion sei transparent und in Übereinstimmung mit internationalen Governance-Standards sowie geltenden Gesetzen durchgeführt worden. Die Probleme der europäischen Smartlynx-Einheiten beträfen ausschließlich diese Gesellschaften, die nicht mehr zur Gruppe gehörten. Dennoch haben die Umstände der kurzfristigen Abspaltung des hoch verschuldeten lettischen Arms, während der Großteil der Schulden beim Mutterkonzern verblieb, zu Spekulationen über eine gezielte Isolation der Schuldenlast geführt.
Das Schicksal der europäischen Schwestergesellschaften
Die Situation der anderen europäischen Einheiten der ehemaligen Smartlynx-Gruppe, namentlich Smartlynx Airlines Estonia und Smartlynx Airlines Malta, gestaltete sich zunächst unklar. Unternehmensregisterauszüge zeigten, dass beide Gesellschaften bis zum Verkauf unter der Kontrolle von Avia Solutions standen, wenn auch über komplexe Beteiligungsstrukturen. Smartlynx Estonia war eine Tochter der irischen ASG Aero Invest Ireland DAC (einer ASG-Tochter). Smartlynx Malta wiederum gehörte mehrheitlich der Air Holding Limited, an der Avia Solutions einen Großteil der Anteile hielt.
Obwohl zunächst die Absicht bestand, die maltesische und estnische Einheit zu behalten und neu zu positionieren, bestätigte eine Sprecherin von Avia Solutions später, dass auch diese beiden Einheiten verkauft wurden. Die Registrierung der Eigentumsübertragung sei im Gange. Mit der Einstellung des Flugbetriebs durch alle drei europäischen Smartlynx-Gesellschaften – Lettland, Estland und Malta – markiert dies das faktische Ende der Marke Smartlynx im europäischen ACMI-Markt.
Diese Entwicklung unterstreicht die Tendenz innerhalb der Avia Solutions Group, ihre europäischen Air Operator Certificates (AOCs) zu konsolidieren und sich möglicherweise auf andere Marken innerhalb des Konzerns zu konzentrieren, wie Avion Express Malta oder die neu gegründeten BBN Airlines.
Umbenennung und Weiterführung in Asien und Australien
Im Gegensatz zu den europäischen Einheiten setzen die Schwester-Airlines in Asien und Australien, die weiterhin zur Avia Solutions Group gehören, ihren Betrieb fort, allerdings unter neuen Namen.
- Thai Smartlynx wird in BBN Airlines Thailand umbenannt. Die neue Bezeichnung reiht sich in die bereits bestehenden Marken BBN Airlines Indonesia und BBN Airlines Türkiye ein. Dies deutet auf eine gezielte Etablierung einer globalen ACMI-Marke unter dem Dach der Avia Solutions Group hin, die geografisch diversifiziert operiert und weniger mit den Insolvenzen in Europa in Verbindung gebracht wird.
- Smartlynx Australia, die von Avia Solutions Anfang 2024 unter dem Namen Skytrans übernommen und Mitte 2025 in Smartlynx Australia umbenannt wurde, plant ebenfalls eine Umbenennung, nutzt die bisherige Marke jedoch vorerst weiter. Die Fortführung des Betriebs in diesen Regionen sichert der Avia Solutions Group weiterhin Präsenz in wichtigen Wachstumsmärkten.
Die geografische Diversifizierung und die Schaffung neuer Markenstrukturen scheinen Teil der strategischen Neuausrichtung des Konzerns zu sein, um die operative Effizienz zu optimieren und das Risiko in bestimmten Märkten zu mindern. Avia Solutions, mit Hauptsitz in Dublin, ist der weltweit größte Anbieter von ACMI-Dienstleistungen und verfügt über ein umfangreiches Portfolio an Unternehmen in Bereichen wie Wartung, Pilotenschulung, Flugzeugleasing und Fracht. Die Vorgänge rund um die Smartlynx-Insolvenz beleuchten die Risiken und die Komplexität im ACMI-Sektor sowie die Herausforderungen, die sich aus der Struktur von länderübergreifenden Airline-Gruppen ergeben, insbesondere wenn Töchtergesellschaften in die Krise geraten. Die Klärung der Schuldenfrage und die juristische Aufarbeitung der kurzfristigen Eigentümerwechsel werden in den kommenden Monaten im Fokus der Gläubiger und Aufsichtsbehörden stehen.