Tiere im Haus des Meeres Wien (Foto: Jan Gruber).
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Vertikale Lebensräume im Herzen der Wiener Stadtlandschaft

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Das Haus des Meeres im sechsten Wiener Gemeindebezirk stellt eine weltweit einzigartige Kombination aus historischer Bausubstanz und moderner zoologischer Einrichtung dar. Untergebracht in einem ehemaligen Flakturm aus dem Zweiten Weltkrieg, hat sich das Institut über Jahrzehnte hinweg von einer kleinen Aquarienschau zu einem der bedeutendsten wissenschaftlich geführten Zoos Österreichs entwickelt.

Auf elf Etagen beherbergt der Turm heute über 10.000 Tiere aus den verschiedensten Klimazonen der Erde. Die bauliche Besonderheit der vertikalen Ausrichtung erforderte dabei stets innovative technische Lösungen, um die komplexen Lebenserhaltungssysteme für Haie, Reptilien und tropische Vögel in den massiven Betonwänden des einstigen Schutzbauwerkes zu integrieren. Heute fungiert das Haus nicht nur als touristischer Anziehungspunkt, sondern auch als wichtiger Standort für Forschung und Bildung inmitten des urbanen Raums.

Vom Schutzbau zum zoologischen Zentrum

Die Geschichte des Standortes im Esterhazypark ist untrennbar mit der Militärarchitektur des Dritten Reiches verbunden. Der Leitturm wurde zwischen 1943 und 1944 in nur zehn Monaten errichtet, um die Luftabwehr im Wiener Stadtzentrum zu koordinieren. Die Mauern aus Stahlbeton weisen eine Stärke von bis zu 3,5 Metern auf, während die Deckenplatten sogar 3,8 Meter dick sind. Nach dem Ende des Krieges stand das Bauwerk zunächst leer und war Gegenstand zahlreicher Abrissüberlegungen, die jedoch aufgrund der massiven Bauweise und der Gefahr für die umliegende Wohnbevölkerung verworfen wurden. Im Jahr 1957 begann schließlich die zivile Nutzung, als die ersten Aquarien in den unteren Stockwerken Einzug hielten.

Über die Jahrzehnte hinweg wurde der Turm sukzessive erschlossen. Was mit einfachen Glasbecken begann, entwickelte sich durch massive bauliche Eingriffe zu einer hochmodernen Anlage. Besonders die statischen Herausforderungen waren dabei enorm, da das Gewicht der tonnenschweren Wassertanks auf die bestehende Bausubstanz abgestimmt werden musste. Der Ausbau gipfelte in den letzten Jahren in einer markanten Glaszubau-Konstruktion, die den Turm an der Außenfassade erweitert und Platz für großflächige Tropenhäuser und zusätzliche Gastronomiebereiche schafft.

Maritime Giganten über den Dächern Wiens

Einer der technisch anspruchsvollsten Bereiche ist das Haibecken, das sich über zwei Etagen erstreckt. Mit einem Fassungsvermögen von mehreren hunderttausend Litern Salzwasser bietet es Platz für Schwarzspitzen-Riffhaie und eine Vielzahl anderer Meeresbewohner. Die Sichtscheiben bestehen aus tonnenschwerem Acrylglas, das speziell für den Einbau in die Betonstruktur angefertigt wurde. Um die Wasserqualität konstant zu halten, ist eine hochkomplexe Filteranlage im Keller des Gebäudes installiert, die das Wasser über mehrere Stockwerke hinweg reinigt und temperiert.

Zusätzlich zum Haibecken wurde mit dem Atlantik-Tunnel ein Erlebnisraum geschaffen, der den Besuchern ermöglicht, durch eine Glasröhre direkt unter den Fischen hindurchzuwandern. Hier werden unterschiedliche Strömungsverhältnisse simuliert, um den natürlichen Lebensraum der Tiere so präzise wie möglich abzubilden. Die Beleuchtungssysteme werden computergesteuert reguliert, um den Tagesrhythmus der verschiedenen Breitengrade zu imitieren, was für das Wohlbefinden und die Fortpflanzung der maritimen Arten von entscheidender Bedeutung ist.

Tropische Ökosysteme im Betonkorpus

Neben der Unterwasserwelt bilden die Tropenhäuser einen weiteren Schwerpunkt des Hauses des Meeres. Hier wurde eine Umgebung geschaffen, in der sich Affen, Vögel und Flughunde frei zwischen den Besuchern bewegen können. Die Luftfeuchtigkeit wird durch Vernebelungsanlagen konstant hoch gehalten, während die Temperatur durch ein ausgeklügeltes Heizsystem reguliert wird, das die Abwärme der technischen Anlagen nutzt. Die Bepflanzung besteht aus authentischen tropischen Gewächsen, die teilweise bereits eine stattliche Höhe erreicht haben und den Tieren natürliche Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Besondere Aufmerksamkeit widmet das Institut auch der Terraristik. In den oberen Etagen finden sich spezialisierte Abteilungen für Giftschlangen, Echsen und Krokodile. Die Gestaltung der Terrarien folgt strengen wissenschaftlichen Vorgaben, wobei jedes Gehege ein eigenes Kleinklima besitzt. Von trockenen Wüstenlandschaften bis hin zu feuchten Regenwaldböden werden alle relevanten Lebensräume abgedeckt. Ein besonderes Highlight ist die Ameisenstraße, die sich über mehrere Etagen durch den Turm zieht und Einblick in das komplexe Sozialgefüge von Blattschneiderameisen gibt.

Wissenschaftlicher Auftrag und internationale Kooperationen

Das Haus des Meeres versteht sich nicht nur als Schauobjekt, sondern nimmt aktiv am weltweiten Austausch zoologischer Erkenntnisse teil. Es werden regelmäßig Zuchterfolge bei seltenen Fischarten und Reptilien verzeichnet, die oft an andere Institute weltweit abgegeben werden. Die enge Zusammenarbeit mit Universitäten ermöglicht es Studenten und Forschern, direkt vor Ort Verhaltensstudien durchzuführen, ohne in entlegene Weltregionen reisen zu müssen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Erforschung von Korallenriffen, wofür eigene Aufzuchtbecken betrieben werden, in denen verschiedene Korallenarten unter kontrollierten Laborbedingungen wachsen.

Die interne Veterinärstation stellt die medizinische Versorgung der Bewohner sicher. Durch moderne Untersuchungsmethoden wie Ultraschall oder Endoskopie können auch kleinste Lebewesen behandelt werden. Die wissenschaftliche Leitung des Hauses veröffentlicht regelmäßig Berichte über neue Erkenntnisse in der Aquaristik und Terraristik, wodurch der Standort Wien eine feste Größe in der internationalen Zoowelt einnimmt. Die Dokumentation der Bestände erfolgt über digitale Datenbanken, die einen globalen Vergleich der Tierdaten ermöglichen.

Infrastruktur und urbane Integration

Die jüngsten Erweiterungen haben das Haus des Meeres auch zu einem architektonischen Wahrzeichen der Stadt gemacht. Die Aussichtsterrasse im obersten Stockwerk bietet einen 360-Grad-Blick über Wien und ist über einen Panoramaaufzug erreichbar, der an der Außenwand des Turms installiert wurde. Dies ermöglichte es, den Besucherstrom effizienter zu lenken, ohne die internen zoologischen Abläufe zu stören. Die Gastronomiebereiche sind so konzipiert, dass sie sowohl den Zoobesuchern als auch externen Gästen zur Verfügung stehen, was die ökonomische Basis des privat geführten Vereins sichert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Infrastruktur ist die interne Logistik. Da das Futter für die Tiere täglich frisch zubereitet werden muss, verfügt das Haus über eigene Kühlräume und Aufbereitungsstationen für Plankton und Kleinstlebewesen. Die Wasseraufbereitung erfolgt größtenteils vollautomatisch, wobei Sensoren die chemische Zusammensetzung des Wassers in Echtzeit überwachen. Bei Abweichungen wird sofort Alarm geschlagen, um die Sicherheit der empfindlichen marinen Systeme zu gewährleisten. Das Haus des Meeres zeigt somit eindrucksvoll, wie durch technische Präzision und wissenschaftliches Engagement ein lebensfeindliches Bauwerk in ein Zentrum biologischer Vielfalt verwandelt werden kann.

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