Irkut MS-21 (Foto: UAC Irkut).
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Yakovlev MS-21-310 nimmt die finale Hürde der Bodentests

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Ein zentraler Schritt im ehrgeizigen Programm zur Entwicklung eines modernen Passagierflugzeugs auf heimischer Basis ist vollzogen: Die russische Fluggesellschaft Yakovlev hat am Standort Irkutsk die komplexen Bodentests für die zweite Ausführung der MS-21 abgeschlossen, die vollständig mit inländisch gefertigten Komponenten ausgestattet ist.

Die Prüfung, die essentielle Systeme wie die Stromversorgung, die Hydraulik, die Steuerung und die Bordelektronik umfaßte, gilt als ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur endgültigen Zulassung des Flugzeugs. Mit diesem Fortschritt rückt das Projekt, das die russische Zivilluftfahrt modernisieren und von ausländischen Zulieferern unabhängiger machen soll, einen entscheidenden Schritt voran. Die erfolgreichen Frequenztests stellen sicher, daß die Struktur des Flugzeugs allen Belastungen des Flugbetriebs standhält und keine gefährlichen Resonanzen entwickelt. Dieser Erfolg unterstreicht das Engagement des Staatskonzerns Rostec und der daran beteiligten Unternehmen, das strategisch wichtige Vorhaben zur Gänze mit eigener Technologie zu realisieren.

Die Strategie der Eigenständigkeit: Warum die heimische Fertigung im Fokus steht

Das Projekt der MS-21 (Magistralny Samoljot 21. weka, zu Deutsch: Passagierflugzeug des 21. Jahrhunderts) hat eine lange und bewegte Geschichte. Ursprünglich als Gemeinschaftsprojekt mit internationalen Partnern konzipiert, sah der erste Prototyp eine breite Palette an westlicher Technologie vor, darunter Triebwerke des amerikanischen Herstellers Pratt & Whitney und Avionik von Rockwell Collins. Die ersten Flugzeuge wurden mit diesen Systemen ausgestattet und absolvierten bereits umfangreiche Flugtests. Ziel war es, ein Flugzeug zu schaffen, das mit den etablierten Modellen von Airbus und Boeing konkurrieren kann.

Doch der Zugriff auf westliche Komponenten und Bauteile wurde durch geopolitische Entwicklungen massiv erschwert. Dies zwang die russische Luftfahrtindustrie zu einem Kurswechsel. Unter dem strategischen Leitgedanken der „Importsubstitution“ wurde die Entwicklung einer vollständig inländischen Version des Flugzeugs vorangetrieben. Dabei geht es nicht nur um eine technische Notwendigkeit, sondern um ein langfristiges Ziel der strategischen Eigenständigkeit in einem der kritischsten Industriesektoren. Die Konzerne der Rostec-Holding, zu denen auch Yakovlev gehört, investierten massiv in die Entwicklung eigener Triebwerke, Bordelektronik, Hydrauliksysteme und anderer Schlüsselkomponenten. Der nun abgeschlossene Bodentest ist das Ergebnis dieser jahrelangen Bemühungen, das Flugzeug ohne ausländische Abhängigkeiten zu konstruieren.

Im Herzen des Flugzeugs: Die Prüfung der Schlüsselkomponenten

Die jüngsten Bodentests in Irkutsk konzentrierten sich auf die Integration und das Zusammenspiel der inländischen Systeme, die das Herzstück der neuen MS-21-310 bilden. Eine der wichtigsten Innovationen ist das PD-14 Triebwerk, das von der United Engine Corporation (UAC) in Perm entwickelt wurde. Dieses Triebwerk, das bereits eine eigene Zulassung erhalten hat, ist die entscheidende Komponente, die das Flugzeug von seinem westlichen Pendant abhebt. Es war Gegenstand zahlreicher Tests und gilt als Symbol für die technologische Fähigkeit des Landes, eigene moderne Luftfahrtantriebe zu entwickeln.

Neben dem Triebwerk wurde auch die gesamte Bordelektronik (Avionik) und die Flugsteuerung geprüft. Die Systeme stammen überwiegend von russischen Unternehmen. Auch das Fahrwerk, die Stromversorgung und die Hydraulik wurden umfassend getestet. Die erfolgreiche Absolvierung dieser Prüfungen ist ein Indikator dafür, daß die inländischen Bauteile und Systeme nicht nur einzeln funktionieren, sondern auch in der komplexen Gesamtstruktur eines Flugzeugs fehlerfrei miteinander harmonieren.

Die Frequenztests als kritische Prüfung: Zwischen Theorie und Praxis

Ein besonderer Schwerpunkt der jüngsten Bodentests lag auf den sogenannten Frequenztests, die nach Angaben des Chefkonstrukteurs Vitaly Naryshkin ein zentraler Schritt im Zulassungsprozeß sind. Diese Tests sind für die Flugsicherheit von größter Bedeutung. Sie zielen darauf ab, die dynamische Struktur des Flugzeugs auf gefährliche Schwingungen oder Resonanzen zu untersuchen. Jede Flugzeugstruktur hat eine Eigenfrequenz, bei der sie bei bestimmten Vibrationen besonders stark mitschwingen würde. Solche Resonanzphänomene können unter bestimmten Flugbedingungen zu Ermüdungsbrüchen und sogar zum Auseinanderbrechen der Flugzeugstruktur führen.

Um dies zu vermeiden, wird das Flugzeug am Boden mit speziellen Anlagen gezielt Vibrationen in unterschiedlichen Frequenzbereichen ausgesetzt. Sensoren messen dabei die Schwingungsreaktion der gesamten Flugzeugzelle, von den Tragflächen bis zum Rumpf. Die Daten werden analysiert, um sicherzustellen, daß keine gefährlichen Resonanzen in den für den Flugbetrieb relevanten Bereichen auftreten. Die erfolgreiche Durchführung dieser Tests ist somit nicht nur ein technischer, sondern vor allem ein sicherheitsrelevanter Meilenstein, der das Vertrauen in die konstruktive Integrität der MS-21-310 stärkt.

Der lange Weg zur Zulassung: Nächste Schritte auf dem Weg zur Serienproduktion

Mit dem Abschluß der Bodentests ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Der Weg zur vollständigen Zulassung ist lang und rigoros und erfordert noch weitere Prüfungen. Nach den statischen und dynamischen Bodentests folgen die komplexeren Flugtests, bei denen das Flugzeug unter realen Bedingungen in der Luft auf Herz und Nieren geprüft wird. Dabei werden alle Systeme im Detail unter verschiedensten Flugprofilen getestet. Nur wenn die inländischen Systeme auch unter realen Flugbedingungen die erwartete Leistung und Zuverlässigkeit zeigen, kann die Zulassung erteilt werden. Die zuständige russische Zulassungsbehörde, die Rosaviatsiya, wird dabei alle Testdaten und Berichte akribisch prüfen, bevor sie die endgültige Zulassung erteilt.

Erst nach der staatlichen Zulassung kann die Serienproduktion der neuen Version beginnen. Die Fertigung der MS-21 wird am Standort in Irkutsk erfolgen. Die Herausforderung für Yakovlev und Rostec wird es nun sein, die Produktion hochzufahren und die Flugzeuge effizient und in großer Stückzahl herzustellen, um die Nachfrage bedienen zu können.

Globaler Wettbewerb: Der Konkurrenzkampf mit Airbus und Boeing

Die MS-21-310 wurde entwickelt, um auf dem globalen Markt für Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge eine Alternative zu den etablierten Modellen wie dem Airbus A320neo und der Boeing 737 Max zu sein. Sie ist mit einer Passagierkapazität von bis zu 211 Passagieren vergleichbar mit ihren westlichen Pendants und soll mit Reichweiten von bis zu 6.400 Kilometern ein breites Spektrum an Flugrouten abdecken.

Auch wenn die MS-21-310 mit ihren rein heimischen Komponenten einen einzigartigen Platz einnimmt, wird sie auf einem Markt konkurrieren müssen, der von den beiden großen Herstellern dominiert wird. Die Fähigkeit, die Serienproduktion in großem Maßstab zu sichern, das Vertrauen der Airlines in ein neues Flugzeugmuster zu gewinnen und letztendlich auch internationale Zulassungen zu erhalten, werden entscheidende Faktoren für den Erfolg des Projekts sein.

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