Der Revitalisierung der Glatt steht ein unsichtbares Hindernis im Weg: Die geplante Umgestaltung des Flusses bei Zürich wird aufgrund von unerwarteten Bodenverunreinigungen mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) vorläufig gestoppt.
Die Flughafen Zürich AG, die das Projekt als Ausgleichsmaßnahme für eigene Bauvorhaben außerhalb des Flughafengeländes durchführt, hat nach der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts einen Baustopp für die weiteren Phasen beschlossen. Grund hierfür ist die ungeklärte Rechtslage im Umgang mit den langlebigen Chemikalien, die in den landwirtschaftlich genutzten Böden entlang der Glatt gefunden wurden. Während die erste Phase des Projekts unter erheblichen Mehrkosten fortgeführt wird, wartet das Unternehmen nun auf klare gesetzliche Vorgaben seitens des Bundes, bevor die restlichen Abschnitte in Angriff genommen werden.
Ein Projekt der Ausgleichsmaßnahmen
Die Flughafen Zürich AG ist gesetzlich dazu verpflichtet, für Bauvorhaben, die wertvolle Naturräume in Anspruch nehmen, sogenannte ökologische Ersatzmaßnahmen zu schaffen. Dies ist eine gängige Praxis im Rahmen der Raumplanung und des Naturschutzes. Eine solche Maßnahme ist die geplante Revitalisierung der Glatt, eines Flusses, der in seiner heutigen Form stark begradigt und kanalisiert ist. Das Projekt zielt darauf ab, einen 3,2 Kilometer langen Abschnitt des Flusses auf den Gemeindegebieten von Rümlang und Opfikon wieder in einen naturnahen Zustand zurückzuversetzen. Ziel ist es, neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere zu schaffen und die Biodiversität zu fördern. Das Vorhaben wurde in enger Abstimmung mit den zuständigen kantonalen und eidgenössischen Behörden geplant und seit Anfang 2025 umgesetzt.
Unerwartete Entdeckung: PFAS im Erdreich
Die Bauarbeiten für den ersten Abschnitt des Revitalisierungsprojekts, im Gebiet Eichhof zwischen der Neuen Rohrstraße und dem Rümelbach, begannen im April 2025. Im Zuge dieser Arbeiten und der gleichzeitig schweizweit geführten Diskussion über PFAS-Belastungen in Böden wurden systematisch Proben entnommen. Die Analysen ergaben, daß die Böden in diesem Bereich, die zuvor landwirtschaftlich genutzt wurden, mit diesen Chemikalien verunreinigt sind. Die festgestellten Konzentrationen variieren und sind abhängig von der Nähe zum Wasser und der Art der früheren landwirtschaftlichen Nutzung.
Es ist wichtig hervorzuheben, daß die Flughafen Zürich AG ausdrücklich betont, daß die Bodenbelastung keinen nachweislichen Zusammenhang mit dem Flughafen oder dem Flugbetrieb hat. Die betroffenen Flächen liegen westlich des Flughafens und waren in der Vergangenheit überwiegend landwirtschaftlich genutzt. Diese Chemikalien, die seit den 1970er-Jahren in zahlreichen Produkten zum Einsatz kommen, gelangen über verschiedene Wege in die Umwelt. Dazu gehören unter anderem geklärte Abwässer, die in Flüsse eingeleitet werden, sowie die Ausbringung von Klärschlamm auf Ackerflächen, eine Methode, die früher häufig praktiziert wurde.
Rechtliche Unklarheiten und finanzielle Folgen
Die Entdeckung der PFAS-Belastung stellt die Flughafen Zürich AG und die zuständigen Behörden vor ein rechtliches und finanzielles Dilemma. Rechtlich ist derzeit ungeklärt, wie mit Böden umzugehen ist, die mit diesen persistenten Stoffen verunreinigt sind. Viele Böden in der Schweiz weisen unterschiedliche Konzentrationen von PFAS auf. Eine Entsorgung als Sonderabfall würde enorme Mehrkosten verursachen. Dies würde das gesamte Projekt wirtschaftlich in Frage stellen. Aufgrund dieser unklaren gesetzlichen Lage hat sich die Flughafen Zürich AG entschieden, die weiteren Bauabschnitte des Revitalisierungsprojekts zu unterbrechen, bis klare gesetzliche Rahmenbedingungen auf Bundesebene vorliegen.
Der erste Bauabschnitt im Gebiet Eichhof wird trotz der Belastung und der daraus resultierenden Millionen-Mehrkosten bis Ende 2026 fertiggestellt. Die festgestellten Konzentrationen in diesem Abschnitt sind verhältnismäßig gering, so daß ein großer Teil des Aushubmaterials noch verwertet werden kann. Für die verbleibenden Abschnitte mit potenziell höheren Belastungen besteht jedoch eine größere finanzielle Unsicherheit, die eine Fortführung des Projekts unkalkulierbar macht.
Die Herausforderung PFAS in der Schweiz
Die Problematik der PFAS-Verunreinigung ist nicht auf die Baustelle der Glatt-Revitalisierung beschränkt. Untersuchungen der Baudirektion des Kantons Zürich haben gezeigt, daß PFAS-Stoffe in Böden im gesamten Kanton weit verbreitet sind. Die Stoffgruppe der PFAS, die oft als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet wird, ist wegen ihrer Stabilität und Beständigkeit in der Natur so problematisch. Sie bauen sich kaum ab und können sich in Böden, Gewässern und Organismen anreichern. Ihre ubiquitäre Präsenz macht den Umgang mit ihnen zu einer landesweiten Herausforderung.
Das Moratorium der Flughafen Zürich AG ist ein exemplarisches Beispiel für die Probleme, mit denen Unternehmen konfrontiert sind, die Großprojekte realisieren. Die fehlende Klarheit darüber, wie Aushubmaterial, das mit diesen Chemikalien kontaminiert ist, zu entsorgen oder wiederzuverwenden ist, legt Projekte, die eigentlich im öffentlichen Interesse liegen, auf Eis. Die Airport-Verantwortlichen drücken daher auf eine rasche politische Entscheidung. Sie hoffen auf eine klare gesetzliche Regelung durch den Bund, die einen praktikablen und finanziell vertretbaren Weg für den Umgang mit den belasteten Böden aufzeigt und die Fortführung des Projekts ermöglicht. Bis dahin bleibt die Glatt-Revitalisierung, trotz der erfolgreichen Fertigstellung des ersten Abschnitts, ein Symbol für die unerwarteten und kostspieligen Hindernisse, die im Umgang mit den Altlasten moderner Chemie auftreten können.