Eurofighter Überflug mit Nachbrenner (Foto: Bundesheer/ Daniel Trippolt).
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Zukunft des Kampfjetsystems FCAS steht vor dem Scheitern

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Das ehrgeizigste Rüstungsprojekt Europas, das Future Combat Air System (FCAS), steuert auf eine fundamentale Krise zu, die das industrielle Gefüge des Kontinents dauerhaft verändern könnte. Mit einem geschätzten Investitionsvolumen von über 110 Milliarden Euro sollte das System der sechsten Generation ab 2040 die alternden Flotten der Dassault Rafale und des Eurofighters ersetzen.

Doch hinter den Kulissen der beteiligten Partnernationen Frankreich, Deutschland und Spanien tobt ein erbitterter Machtkampf. Im Zentrum des Konflikts stehen die beiden Branchenriesen Airbus und Dassault Aviation, die sich über Führungsrollen, Arbeitsanteile und den Zugang zu sensiblen Technologiepatenten uneins sind. Branchenkenner signalisieren nun, dass Airbus zunehmend die Geduld verliert und sich offen auf Szenarien vorbereitet, die von einer Aufspaltung des Projekts bis hin zu einer kompletten industriellen Scheidung zwischen Berlin und Paris reichen. Sollte keine baldige Einigung erfolgen, droht Europa nicht nur der Verlust technologischer Souveränität, sondern auch eine wachsende Abhängigkeit von US-Plattformen wie der Lockheed Martin F-35, während die Forschungs- und Entwicklungskosten durch Doppelgleisigkeiten ins Unermessliche steigen könnten.

Pattsituation zwischen Airbus und Dassault

Der Kern des Streits liegt in der Säule des Next Generation Fighter, dem bemannten Herzstück des Systems. Dassault Aviation beansprucht als französischer Nationalchampion die industrielle Führung und verweist auf seine umfassende Erfahrung im Bau von Trägerflugzeugen und nuklearfähigen Systemen. Airbus hingegen, das die deutschen und spanischen Interessen vertritt, fordert eine gleichberechtigte Partnerschaft und wehrt sich gegen eine Rolle als reiner Unterauftragnehmer. Airbus-Chef Guillaume Faury hat die Rhetorik zuletzt deutlich verschärft. Er betonte, dass Airbus im Extremfall über die Kapazitäten verfüge, einen Kampfjet allein zu entwickeln, auch wenn eine kooperative europäische Lösung weiterhin bevorzugt werde.

Diese Spannungen haben dazu geführt, dass Airbus nun laut über eine alternative Lösung nachdenkt: die Entwicklung zweier eng verwandter, aber eigenständiger Flugzeugtypen. Ein französisches Modell könnte dabei speziell auf die Bedürfnisse der französischen Marine und die nukleare Abschreckung zugeschnitten sein, während eine deutsch-spanische Variante die Anforderungen der kontinentalen Luftverteidigung erfüllt. Beide Jets könnten sich zwar eine gemeinsame Infrastruktur teilen, doch die industrielle Synergie, die ursprünglich durch ein einheitliches System angestrebt wurde, ginge dabei weitgehend verloren.

Politische Differenzen und die Rolle der F-35

Neben den industriellen Streitigkeiten belasten auch politische Diskrepanzen zwischen Berlin und Paris das Projekt. In Deutschland wurde zuletzt öffentlich hinterfragt, ob ein nuklearfähiges Design, wie es Frankreich fordert, mit den eigenen strategischen Anforderungen und dem parlamentarischen Mandat vereinbar ist. Während Frankreich auf Autonomie setzt, wächst in Deutschland die Sorge vor massiven Verzögerungen. Als Absicherung hat das deutsche Verteidigungsministerium bereits den Kauf zusätzlicher Lockheed Martin F-35 Lightning II in Erwägung gezogen, um die Einsatzfähigkeit der Luftwaffe auch bei einem Scheitern von FCAS zu garantieren.

Für Frankreich ist diese Entwicklung ein Alarmsignal. Jede Entscheidung Deutschlands für weitere US-Technologie schwächt die Verhandlungsposition innerhalb des FCAS-Konsortiums und reduziert die Stückzahlen, die für eine wirtschaftliche Produktion des neuen europäischen Jets notwendig wären. Spanien wiederum, das sich bisher gegen den Kauf der F-35 entschieden hat und voll auf die europäische Karte setzt, beobachtet die Spannungen mit wachsender Unruhe, da das Land auf die technologischen Kompensationen aus dem Programm angewiesen ist.

Gefahr der technologischen Fragmentierung

Ein Scheitern oder eine Aufspaltung von FCAS hätte weitreichende Konsequenzen für die gesamte europäische Verteidigungsindustrie. Analysten warnen davor, dass zwei separate Kampfjet-Programme die Forschungs- und Testkosten verdoppeln würden, was unter dem aktuellen Budgetdruck vieler Regierungen das Risiko erhöht, dass eines der Programme vorzeitig gekürzt oder eingestellt wird. Zudem würde eine Trennung die Entstehung zweier inkompatibler technologischer Ökosysteme fördern. Dies stünde im krassen Widerspruch zu den Bemühungen der Europäischen Union, die Interoperabilität der Streitkräfte zu erhöhen und die Abhängigkeit von Zulieferern aus Drittstaaten zu verringern.

Ein möglicher Ausweg aus der Sackgasse könnte eine modulare Aufteilung sein. Dabei würden die unbemannten Komponenten wie Drohnen-Schwärme, die gesicherten Datenverbindungen und die sogenannte Combat Cloud als gemeinsame europäische Projekte fortgeführt, während die Entwicklung der bemannten Flugzeuge entkoppelt wird. Dies würde zumindest den Fortschritt in den zukunftsweisenden Bereichen der digitalen Kriegsführung sichern, während der politische Streit um das Cockpit isoliert bliebe.

Wirtschaftliche Implikationen für Investoren

Für die Aktionäre von Airbus stellt die aktuelle Situation ein zweischneidiges Schwert dar. Einerseits könnte eine Führungsrolle in einem deutsch-spanisch geführten Programm Airbus über Jahrzehnte hinweg hochkarätige Regierungsaufträge sichern und den Verteidigungssektor als stabiles Gegengewicht zum zyklischen zivilen Flugzeugbau festigen. Andererseits drohen bei einer Aufspaltung massive zusätzliche Entwicklungskosten und politische Unsicherheiten, die die Margen belasten könnten. Die Märkte reagieren empfindlich auf Anzeichen von Kostenüberschreitungen und Zeitverzug, insbesondere da Airbus zuletzt bei seinen Quartalszahlen hinter den Erwartungen der Analysten zurückgebliebene Ergebnisse präsentierte.

Investoren bewerten die Verteidigungssparte zunehmend als strategischen Stabilisator. Sollte Airbus jedoch gezwungen sein, die hohen Fixkosten für eine weitgehend nationale Entwicklung allein zu tragen, könnten die finanziellen Risiken das Unternehmen über Jahre belasten. Eine saubere politische Entscheidung in den kommenden Monaten ist daher unumgänglich, um Planungssicherheit zu schaffen und das Vertrauen der Märkte in die industrielle Zukunftsfähigkeit des Konzerns zu erhalten.

Die kommenden Monate werden darüber entscheiden, ob Europa die Kraft aufbringt, seine industrielle Kleinstaaterei zu überwinden oder ob das FCAS-Programm als ein weiteres Beispiel für gescheiterte europäische Kooperation in die Geschichte eingeht. Die Entscheidungsträger in Paris, Berlin und Madrid stehen vor der Wahl: Entweder sie akzeptieren mühsame Kompromisse und eine gemeinsame Zukunft, oder sie riskieren eine dauerhafte Fragmentierung, die letztlich nur den Wettbewerbern auf der anderen Seite des Atlantiks in die Hände spielt.

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