Embraer 145 (Foto: JetPix).).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Im Sog des Aufbruchs: Die Geschichte der Rheintalflug

Werbung

Die europäische Regionalfliegerei der späten Neunzigerjahre war eine Zeit des Umbruchs und neuer Möglichkeiten, geprägt von der Liberalisierung des Luftverkehrs und dem Aufkommen spezialisierter Anbieter. In diesem Kontext entstand auch die österreichische Fluggesellschaft Rheintalflug. Mit einem klaren regionalen Fokus und dem Anspruch, die Bodenseeregion besser an wichtige Drehkreuze anzubinden, startete sie mit großen Ambitionen.

Rheintalflug etablierte sich als wichtiger Akteur im Regionalverkehr, doch ihre Geschichte ist untrennbar mit der Gründung und dem Aufstieg einer anderen Airline, InterSky, verbunden. Der Werdegang von Rheintalflug ist ein faszinierendes Beispiel für die Dynamik im Luftfahrtgeschäft, in der aus einem Unternehmen ein neues, größeres entsteht. Diese Reportage beleuchtet die Firmengeschichte, die Besonderheiten und letztlich den Übergang der Rheintalflug in ein neues Kapitel der österreichischen Luftfahrt, wobei auch ein tragischer Flugunfall nicht unerwähnt bleiben darf, der die Geschichte der Airline prägte.

Die Geburt einer regionalen Vision: Firmengeschichte und Hintergründe

Die Rheintalflug wurde im Jahre 1973 von Rolf Seewald, einem erfahrenen Piloten und Unternehmer, zunächst als Lufttaxi-Unternehmen in Hohenems, Vorarlberg, gegründet. Anfänglich konzentrierte sich das Unternehmen auf Charterflüge und Geschäftsreiseverkehr mit kleinerem Fluggerät. Ab Mai 1984 bediente die Firma regelmäßig die Strecke Hohenems–Wien. Die ursprüngliche Idee war, einen Bedarf an flexiblen und schnellen Flugverbindungen für die prosperierende Wirtschaftsregion rund um den Bodensee zu decken. Schnell wurde der Wunsch deutlich, auch Linienflüge anzubieten. Der Heimatflughafen und das operative Zentrum der Rheintalflug für den Linienverkehr war der Flughafen Friedrichshafen in Deutschland, der strategisch günstig am Bodensee gelegen ist und als Tor zur Region dient. Dies war eine pragmatische Entscheidung, da der Flugplatz in St. Gallen-Altenrhein, obwohl näher am Vorarlberg gelegen, über keine ausreichende Infrastruktur für Linienflüge verfügte.

Der erste Linienflug der Rheintalflug startete im Jahre 1992 und führte von Friedrichshafen nach Wien. Diese Verbindung war von entscheidender Bedeutung, da sie die Bodenseeregion direkt mit der österreichischen Hauptstadt und einem wichtigen europäischen Drehkreuz verband. Der Erfolg dieser Linie bestärkte die Unternehmensführung in ihrem Ansatz, regionale Lücken im Flugnetz zu füllen. Rheintalflug positionierte sich von Anfang an als Anbieter von qualitativ hochwertigen und zuverlässigen Regionalflügen, die auf die Bedürfnisse von Geschäftsreisenden und Pendlern zugeschnitten waren.

de Havilland Dash 8-100 (Foto: JetPix).

Das eingesetzte Fluggerät: Bewährte Technologie für regionale Routen

Für den Flugbetrieb setzte Rheintalflug auf Flugzeuge, die sich im Regionalverkehr bewährt hatten und die Anforderungen an Wirtschaftlichkeit und Flexibilität erfüllten. Anfänglich kam eine zweimotorige Turbo-Commander 900 (Aero Commander 690D) zum Einsatz.

Im Laufe ihrer Entwicklung und Expansion erweiterte und modernisierte Rheintalflug ihre Flotte. Später setzte die Airline primär Bombardier Dash 8-100 und Dash 8-300 Turboprop-Flugzeuge ein. Die Dash 8-100 bot Platz für etwa 37 Passagiere, während die Dash 8-300 bis zu 50 Passagiere befördern konnte. Diese Maschinen hatten sich als robuste und effiziente Turboprop-Flugzeuge für den Regionalverkehr etabliert. Ihre Leistungsfähigkeit auf kürzeren Strecken und die Fähigkeit, auch kleinere Flughäfen anzufliegen, machten sie zu einer idealen Wahl für das Streckennetz der Rheintalflug. Später, kurz vor dem Verkauf an Austrian Airlines, betrieb Rheintalflug auch einige Embraer ERJ 145 Regionaljets. Die Standardisierung auf diese Flugzeugtypen trug dazu bei, die Wartungskosten zu optimieren und die Ausbildung des Personals zu vereinfachen, was im hart umkämpften Luftfahrtmarkt von Vorteil war.

Embraer 145 (Foto: Acp).

Das Streckennetz: Regionale Anbindung und Brücken nach Europa

Das Streckennetz der Rheintalflug war konsequent auf die Anbindung der Bodenseeregion und Vorarlbergs an wichtige nationale und internationale Drehkreuze ausgerichtet. Die zentrale Achse bildete die bereits erwähnte Verbindung von Friedrichshafen nach Wien. Diese Route war nicht nur für Direktreisende wichtig, sondern auch als Zubringer für Weiterflüge ab Wien-Schwechat, dem größten Flughafen Österreichs.

Neben Wien wurden auch weitere wichtige Städte und Drehkreuze angeflogen. Dazu gehörten unter anderem Verbindungen nach Köln/Bonn, Hamburg und Berlin. Diese Routen sollten die Region Bodensee mit den Wirtschaftszentren in Deutschland verbinden und Geschäftsreisenden effiziente Reisemöglichkeiten bieten. Zeitweise wurden auch weitere internationale Ziele wie Zürich in der Schweiz und München in Deutschland bedient, um die grenzüberschreitende Mobilität in der Alpenregion zu fördern. Die Rheintalflug führte auch Flüge im Franchise des Team Lufthansa durch, was ihre Bedeutung als regionaler Partner unterstrich.

Das Streckennetz war weniger auf touristische Massenmärkte ausgelegt, sondern vielmehr auf die Bedürfnisse der lokalen Wirtschaft und der Pendler. Rheintalflug positionierte sich als eine Art „fliegendes Taxi“ für die Bodenseeregion, das Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in den Vordergrund stellte.

Rheintalflug war auch in anderer Hinsicht ein Pionier. Nach der Liberalisierung der inländischen Fluggerechte – aufgrund einer EU-Verordnung – war man der erste „ausländische“ Carrier, der Inlandsflüge innerhalb der Bundesrepublik Deutschland angeboten hat. Zeitweise war man auch zwischen Berlin-Tempelhof und Hamburg unterwegs. Diese Flüge wurden teilweise als Zwischenstopp auf Rotationen aus Friedrichshafen angeboten. Ein wenig unrühmlich war eine andere Premiere der Rheintalflug: Man war der erste und einzige Carrier, den Lufthansa aus dem Franchise-Verbund „Team Lufthansa“ herausgekündigt hat. Allerdings wurde dieser nicht all zu lange Zeit danach komplett aufgelöst und durch Lufthansa Regional ersetzt.

Der Hauptunterschied zwischen „Team Lufthansa“ und „Lufthansa Regional“ lag darin, dass die zuerst genannte Marke ein Franchiseverbund war. Die Regio-Carrier flogen auf eigene Rechnung mit Lufthansa-Codeshare und hatten mehr oder weniger die volle Kontrolle über ihre Aktivitäten. Dem Kranich wurde jedoch schon damals der Vorwurf gemacht, dass man sich in vielen Punkten, darunter Preise und Strecken einmischen würde. Lufthansa Regional hingegen war eine Wetlease-Marke. Das bedeutet, dass zum Beispiel Augsburg Airways und Contact Air nicht auf eigene Rechnung, sondern auf jene der Lufthansa geflogen sind. Cirrus Airlines war Mitglied des Team Lufthansa, jedoch niemals Teil von Lufthansa Regional. Man blieb formell unabhängig, aber trat unter eigenem Logo mit gelegentlichem Zusatz „Partner von Lufthansa“ auf. Rheintalflug war nach dem Rauswurf aus Team Lufthansa nicht mehr für den Kranich tätig.

Embraer 145 (Foto: Ken Fielding).

Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale

Rheintalflug zeichnete sich durch mehrere Besonderheiten aus, die ihren Charakter als Regionalfluggesellschaft prägten:

  1. Starker regionaler Fokus: Die Airline war tief in der Bodenseeregion und Vorarlberg verwurzelt. Sie verstand die Bedürfnisse der lokalen Wirtschaft und Bevölkerung und bot maßgeschneiderte Verbindungen an, die von größeren Airlines oft vernachlässigt wurden.
  2. Qualitätsanspruch: Im Gegensatz zu aufkommenden Billigfluggesellschaften legte Rheintalflug Wert auf einen hohen Serviceanspruch, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Dies sollte die Kundenbindung stärken, insbesondere bei Geschäftsreisenden, die auf effiziente und planbare Verbindungen angewiesen waren.
  3. Wichtiger Zubringer für Wien: Die Linie nach Wien war das Herzstück des Betriebs und positionierte Rheintalflug als wichtigen Partner für Weiterflüge ab dem österreichischen Drehkreuz. Dies ermöglichte Reisenden aus der Region den Zugang zu einem globalen Netzwerk.
  4. Flexible Charterdienste: Neben dem Linienverkehr bot Rheintalflug auch Charterflüge an, was dem Unternehmen zusätzliche Einnahmequellen und eine höhere Flexibilität in der Auslastung der Flotte ermöglichte.
  5. Pionier in der Region: Rheintalflug gehörte zu den ersten privaten Regionalfluggesellschaften in Österreich und Deutschland, die sich erfolgreich im Linienverkehr etablierten und damit den Weg für weitere Anbieter ebneten.
de Havilland Dash 8-300 (Foto: Aero Icarus).

Der tragische Absturz am Bodensee

Die Geschichte der Rheintalflug ist untrennbar mit einem tragischen Ereignis verbunden, das tiefe Spuren hinterließ: Der Absturz des Rheintalflug-Fluges 102 am 23. Februar 1989. Eine Aero Commander 690D (OE-FCS) der Rheintalflug, auf dem Weg von Wien nach Hohenems, stürzte beim Landeanflug auf den Flugplatz Altenrhein in den Bodensee, nahe Rorschach. Bei diesem Unglück kamen alle elf Insassen ums Leben, darunter der damalige österreichische Sozialminister Alfred Dallinger und Brigitte Seewald, die Pilotin und Ehefrau des Firmengründers Rolf Seewald.

Der Untersuchungsbericht der Schweizer Flugunfall-Untersuchungskommission (FlUko) kam im August 1992 zu dem Schluß, daß die Ursache des Absturzes menschliches Versagen war, nämlich eine „unrichtige Reaktion“ der Pilotin in einer schwierigen Wettersituation (Nebel). Diese Darstellung wurde jedoch von Rolf Seewald und dem österreichischen Verkehrsministerium angezweifelt. Sie vermuteten die Ursache in einem gerissenen Landeklappenseil oder in Fehlern des Flugverkehrsleiters. Dieser Vorfall war ein schwerer Rückschlag für die junge Fluggesellschaft und die Familie Seewald, doch Rolf Seewald setzte seine Arbeit im Luftverkehr unbeirrt fort. Der Absturz verdeutlicht die Risiken der Luftfahrt und die Notwendigkeit höchster Sicherheitsstandards, die bis heute prägend für die Branche sind.

Der Übergang: Vom Ende der Rheintalflug zur Geburt von InterSky

Im Jahre 2001, nach rund zehn Jahren erfolgreichen Linienflugbetriebs, trafen die Gesellschafter der Rheintalflug, darunter auch Gründer Rolf Seewald, eine weitreichende strategische Entscheidung. Die Rheintalflug wurde Ende 2001/Anfang 2002 an die Austrian Airlines Group verkauft. Dieser Verkauf führte dazu, daß die Rheintalflug als eigenständige Marke und operativer Einheit nicht mehr weitergeführt wurde. Ihre Routen und ein Teil ihrer Flotte, insbesondere die Embraer ERJ 145, gingen in die Austrian Airlines Group über, wo sie teilweise in die Regionalflugtochter Tyrolean Airways (später unter dem Markennamen „Austrian Arrows“) integriert wurden.

Parallel zu diesem Verkauf bzw. als direkte Folge davon entschieden sich die ehemaligen Rheintalflug-Eigentümer Rolf Seewald und Renate Moser, eine neue Fluggesellschaft zu gründen. Die Idee war, die Erfahrungen und das Know-how aus der Rheintalflug zu nutzen, aber gleichzeitig eine neue Marke mit einem erweiterten und modernisierten Konzept zu etablieren. Dies war eine Reaktion auf die sich verändernden Marktbedingungen und den zunehmenden Wettbewerb. Die neue Airline sollte flexibler auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren können, möglicherweise auch mit anderen Flugzeugtypen und einem erweiterten Streckennetz.

Hintergrund ist auch, dass Austrian Airlines zwar die Maschinen des Typs Embraer 145 übernommen hat, jedoch die de Havilland Dash 8-300 nicht haben wollte. Diese waren nicht Eigentum von Rheintalflug, sondern gehörten Objektgesellschaften, die der Familie Seewald und ihren Partnern gehört haben. Über diese Firmen wurde das Fluggerät an Rheintalflug und später an Intersky verleast.

Die InterSky Luftfahrt GmbH wurde im November 2001 in Bregenz, Österreich, gegründet. Sie übernahm faktisch das Geschäftsmodell der regionalen Anbindung des Bodenseeraums, welches die Rheintalflug erfolgreich entwickelt hatte. Die Umwandlung war somit keine Liquidation im herkömmlichen Sinne, sondern ein strategischer Übergang, eine Neuausrichtung unter neuem Namen und mit einer frischen Vision.

Die Rheintalflug stellte nach der Fusion mit Tyrolean Airways ihren eigenständigen Flugbetrieb ein. InterSky versuchte sich zunächst in Bern-Belp, übernahm jedoch nach dem kompletten Rückzug der Rheintalflug und einem kurzen Intermezzo von Hahn Air einige ehemalige Routen ab Friedrichshafen. Auch personell gibt es viel Konstanz, denn zahlreiche Mitarbeiter sind zur InterSky gewechselt. Das gilt insbesondere für die Familienmitglieder der Eigentümerfamilien.

de Havilland Dash 8-300 (Foto: Aero Icarus).

Der Zusammenhang zwischen Rheintalflug und InterSky

Der Zusammenhang zwischen Rheintalflug und InterSky ist ein indirekter: InterSky ist die die defacto-Nachfolgegesellschaft, die aus den strategischen Überlegungen und dem Verkauf der Rheintalflug entstand. Rheintalflug wurde samt Marke an Austrian Airlines verkauft, womit man einen neuen Namen für den Neustart finden musste. Dieser hieß Intersky. Die AUA betrieb die Reste der Rheintalflug, also die Basis Altenrhein, noch viele Jahre weiter. Selbst als längst nicht mehr zwischen Wien und Altenrhein geflogen wurde, hatte man noch Personal stationiert, das über Zürich, Innsbruck und München in den Flugbetrieb ab Wien gebracht wurde. Nach einigen Jahren schloss man die Station endgültig.

Rolf Seewald und Renate Moser, die beide maßgeblich in die Rheintalflug involviert waren, spielten auch eine zentrale Rolle bei der Gründung und dem Aufbau von InterSky. Sie waren die treibenden Geister hinter der neuen Gesellschaft und führten sie viele Jahre lang als Geschäftsführer. InterSky setzte anfangs ebenfalls auf die Dash 8-300 und bediente weiterhin die Kernstrecke Friedrichshafen–Wien, erweiterte aber das Streckennetz und führte später auch größere Flugzeuge des Typs ATR 72 ein, um den wachsenden Kapazitätsanforderungen gerecht zu werden.

Die Entscheidung, Rheintalflug an Austrian Airlines zu verkaufen und dann mit den verbliebenen Dash 8-300 als Intersky komplett neu anzufangen, war somit keine Kapitulation, sondern eine strategische Maßnahme zur Anpassung an einen sich verändernden Markt. Dem Vernehmen nach sollen die Embraer-145-Jets dazu beigetragen haben, dass viele Routen, die einst mit Dash 8-300 profitabel waren, schwere Verluste eingebrockt haben. Es war der Versuch, die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft in einer Branche zu stellen, die permanent im Wandel ist. Das Scheitern von InterSky Jahre später lag dann in anderen Faktoren begründet, die über die ursprüngliche Ausrichtung der Rheintalflug hinausgingen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung