Lufthansa-Gate in München (Foto: Robert Spohr).
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Konfliktkurs bei der Lufthansa: Verdi leitet nach abgelehntem Angebot Streikvotum ein

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Die Fronten zwischen der Lufthansa-Gruppe und der Gewerkschaft Verdi haben sich im Rahmen der aktuellen Tarifauseinandersetzung massiv verhärtet. Nach fünf intensiven Verhandlungstagen legte der Luftfahrtkonzern erstmals ein konkretes Gehaltsangebot vor, welches jedoch von der Arbeitnehmerseite umgehend als unzureichend zurückgewiesen wurde. Als Reaktion auf den ausbleibenden Durchbruch am Verhandlungstisch hat Verdi ein verbindliches Streikvotum unter den rund 20.000 Bodenbeschäftigten eingeleitet.

Dieser Prozess, der vom 4. bis zum 18. März 2026 läuft, fungiert als direktes Druckmittel und bereitet den Weg für flächendeckende Arbeitskämpfe. Während der Konzern auf eine Einigung am Verhandlungstisch setzt, sieht die Gewerkschaft die Gefahr sinkender Reallöhne und kritisiert eine Ungleichbehandlung innerhalb der verschiedenen Konzerngesellschaften. Die Situation wird durch parallel laufende Tarifkonflikte bei anderen Konzerntöchtern sowie durch Forderungen der Pilotenvereinigung Cockpit zusätzlich verkompliziert, was die Gefahr eines umfassenden Flugchaos im Frühjahr 2026 deutlich erhöht.

Details des abgelehnten Arbeitgeberangebots

Das erste schriftliche Angebot der Lufthansa-Gruppe sieht eine gestaffelte Vergütungsstruktur vor, die jedoch je nach Konzerngesellschaft variiert. Für das Jahr 2026 schlägt der Konzern eine Einmalzahlung in Höhe von 1,8 Prozent vor, die explizit nicht für die Beschäftigten der Deutschen Lufthansa AG (DLH AG) gelten soll. Erst ab dem 1. Januar 2027 ist eine dauerhafte Erhöhung der Tabellenentgelte um zwei Prozent für fast alle Beschäftigtengruppen vorgesehen. Eine Ausnahme bildet hierbei erneut die Kernmarke DLH AG: Deren Mitarbeitende sollen stattdessen eine weitere Einmalzahlung von zwei Prozent erhalten, ohne dass sich deren Tabellenwerte nachhaltig erhöhen.

Die geplante Laufzeit des Tarifvertrags von insgesamt 29 Monaten wird von Verdi scharf kritisiert. Die Konzerntarifkommission bewertet die angebotenen Einmalzahlungen als wirkungslos gegen die langfristige Preissteigerung. Da diese Zahlungen nicht dauerhaft in die Gehaltstabellen einfließen, bleibe die Basis für künftige Erhöhungen niedrig, was über die gesamte Laufzeit hinweg zu einem spürbaren Reallohnverlust führen würde. Verdi fordert stattdessen eine nachhaltige Anhebung der Vergütung um sechs Prozent, mindestens jedoch um 250 Euro pro Monat, um insbesondere die unteren Einkommensgruppen zu stärken.

Strukturelle Kritik und der Schutz der Bodenstationen

Neben der rein monetären Komponente stehen grundlegende strukturelle Fragen im Zentrum des Streits. Ein Kernpunkt der gewerkschaftlichen Kritik ist die mangelnde Bereitschaft des Konzerns, über einen Ausgliederungsschutz für die Bodenstationen der Deutschen Lufthansa AG zu verhandeln. Verdi befürchtet, dass Arbeitsbereiche am Check-in oder in der Flugzeugabfertigung in kostengünstigere Tochtergesellschaften oder an externe Dienstleister ausgelagert werden könnten. Ein solcher Schutzmechanismus wird von der Gewerkschaft als unverzichtbar für die langfristige Arbeitsplatzsicherheit angesehen.

Zudem fordert Verdi Verbesserungen in der Vergütungsstruktur der spezialisierten Tochterunternehmen. Bei Lufthansa Technik wird eine schnellere Stufensteigerung in den Gehaltsgruppen verlangt, um die Attraktivität für Fachkräfte zu wahren. Ein weiterer Reibungspunkt ist die sogenannte zweite Tarifschiene bei Lufthansa Cargo. Hier fordert die Gewerkschaft die Abschaffung eines Zwei-Klassen-Systems bei der Bezahlung, um eine Gleichbehandlung aller Beschäftigten im Frachtbereich zu erreichen. Da der Arbeitgeber zu diesen zentralen Forderungen bislang kein Angebot vorgelegt hat, sieht Verdi keine Grundlage für eine Fortsetzung der Gespräche ohne zusätzlichen Druck.

Das Streikvotum als Instrument der Eskalation

Das eingeleitete Streikvotum unterscheidet sich von einer klassischen Urabstimmung dadurch, dass ausdrücklich auch Beschäftigte einbezogen werden, die keine Gewerkschaftsmitglieder sind. Verdi möchte damit ein umfassendes Stimmungsbild der gesamten Belegschaft einholen. Sollte die Wahlbeteiligung in den betroffenen Bereichen über 50 Prozent liegen und eine deutliche Mehrheit für Arbeitskämpfe stimmen, sieht die Gewerkschaft das Mandat für einen unbefristeten Streik als gegeben an.

Dieser Schritt wird von der Spartengewerkschaft Agil, die ebenfalls Teile des Bodenpersonals vertritt, kritisch beäugt. Agil wirft Verdi einen zu konfrontativen Kurs vor, der die wirtschaftliche Stabilität des Konzerns gefährden könnte. Dennoch ist Verdi die dominierende Kraft bei den Verhandlungen für das Bodenpersonal. Da die betroffenen Berufsgruppen in der Technik, im Service und in der Logistik entscheidend für die Betriebsabläufe sind, könnten Streiks bereits nach Ablauf der Abstimmungsfrist Mitte März zu massiven Beeinträchtigungen im Flugbetrieb führen.

Multi-Konflikt-Lage innerhalb der Lufthansa-Gruppe

Die Tarifrunde beim Bodenpersonal findet in einem Umfeld statt, in dem auch an anderen Stellen des Konzerns Unruhe herrscht. Bei der jungen Tochtergesellschaft Lufthansa City Airlines laufen derzeit parallel Verhandlungen mit Verdi über den erstmaligen Abschluss von Tarifverträgen für Cockpit- und Kabinenpersonal. Die Gewerkschaft fordert hier die Angleichung der Arbeitsbedingungen an das Niveau der Kerngesellschaft, um konzerninterne Tarifabsenkungen zu verhindern.

Gleichzeitig verschärft sich der Ton bei der Tochtergesellschaft Eurowings. Dort hat die Vereinigung Cockpit (VC) ein eigenes Streikvotum eingeleitet, nachdem Verhandlungen über die betriebliche Altersversorgung der Pilotinnen und Piloten als gescheitert angesehen wurden. Die Piloten fordern eine Rückkehr zu sichereren Versorgungsmodellen, was vom Management bisher mit Verweis auf den notwendigen Kostendruck abgelehnt wurde. Auch bei der Lufthansa CityLine steht nach einer erfolgreichen Urabstimmung der Piloten der Weg für Arbeitskämpfe offen.

Reaktionen und Ausblick auf die kommenden Wochen

Die Lufthansa-Gruppe gibt sich offiziell zurückhaltend. Eine Sprecherin betonte das Vertrauen in die Sozialpartnerschaft und das Ziel, „gute Lösungen für die Mitarbeitenden und das Unternehmen“ zu finden. Intern bereitet sich der Konzern jedoch auf mögliche Ausfallszenarien vor. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens wird von der Geschäftsführung als herausfordernd beschrieben, insbesondere durch den intensiven internationalen Wettbewerb und die Notwendigkeit hoher Investitionen in die Flottenmodernisierung.

Verdi signalisiert zwar weiterhin Gesprächsbereitschaft, macht den Erfolg der Verhandlungen jedoch von einem substanziellen Einlenken der Arbeitgeberseite abhängig. Sollte das Streikvotum bis zum 18. März eine breite Zustimmung für Arbeitskämpfe ergeben, ist mit einer ersten Warnstreikwelle noch vor den Osterferien zu rechnen. Die Passagiere müssen sich somit auf eine Phase großer Unsicherheit einstellen, da die synchronisierten Konflikte beim Bodenpersonal und in den Cockpits verschiedener Konzerntöchter das gesamte System der Lufthansa an seine Belastungsgrenze führen könnten.

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